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Gewalt und soziale Ordnung in Nicaragua

Anika Oettler

Gewalt und soziale Ordnung in Nicaragua

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2009 (Studien zu Lateinamerika 2); 241 S.; brosch., 39,- €; ISBN 978-3-8329-4922-8
„Wer die grundsätzliche Einsicht, dass Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert ist [...], ernst nimmt, fragt weniger nach dem tatsächlichen Ausmaß der öffentlichen Unsicherheit als vielmehr nach der Interdependenz von medialen Inszenierungen, lebensweltlichen Kommentierungen und politischen Vorstrukturierungen von gewaltvermittelter Wirklichkeit“ (71). Von dieser Annahme ausgehend fragt die Autorin, woher der politische Mythos rühre, Nicaragua sei ein für lateinamerikanische Verhältnisse relativ friedliches Land. – Ob es sich tatsächlich nur um einen Mythos handelt, wird allerdings nicht geklärt, die Autorin bezeichnet die Kriminalitätsstatistik als unzuverlässig bei der Abbildung der sozialen Wirklichkeit. Es geht auch nicht um die Klärung, in welchem Ausmaß die Menschen in Nicaragua kriminellen Gewalterfahrungen ausgesetzt sind. Die Autorin rekonstruiert und erklärt vielmehr aus der politischen Geschichte des Landes, der Berichterstattung der wichtigsten Tageszeitung und aus vier Interviews mit Bürgern die den öffentlichen Diskurs dominierende Annahme, das Land sei relativ gewaltfrei. Auf dieses Bild griffen „sowohl männliche Angehörige der Unterschichten als auch und vor allem Angehörige der Mittelschichten und der Eliten“ (95) zurück. Die Autorin stellt es infrage, indem sie in ihre Untersuchung die Phänomene der (häuslichen) Gewalt gegen Frauen und der Jugendbanden einbezieht, wobei konkrete Zahlen wiederum fehlen. Vor allem aus den Interviews mit den vier Bürgern zieht sie den Schluss, dass das Bild eines relativ friedlichen Nicaraguas bei genauerem Hinsehen abgeschwächt werde durch „die Aussichten auf eine sozial zersetzte und verwahrloste Welt“ (147). Nur knapp wird allerdings eine in diesem Zusammenhang mutmaßlich gravierende Problematik angesprochen: Nicaragua ist ein Transferland im Drogenschmuggel und damit mit der „Ausbreitung krimineller Strukturen“ (148) konfrontiert. Die Autorin aber beschränkt sich auf die Feststellung, dass der „Mythos des sicheren Landes [...] weder zu falsifizieren noch zu verifizieren ist“ (213), gleichwohl aber ein Element der sozialen Ordnung darstelle.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.65 | 2.25 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Anika Oettler: Gewalt und soziale Ordnung in Nicaragua Baden-Baden: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31899-gewalt-und-soziale-ordnung-in-nicaragua_38039, veröffentlicht am 01.04.2010. Buch-Nr.: 38039 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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