Portal für Politikwissenschaft

Ständige Vertretung

Hans Otto Bräutigam

Ständige Vertretung. Meine Jahre in Ost-Berlin

Hamburg: Hoffmann und Campe 2009; 479 S.; geb., 23,- €; ISBN 978-3-455-50099-8
Bräutigam versetzt seinen Leser zurück in die Zeit der deutsch-deutschen Beziehungen, zurück in zähe Verhandlungen und in Details des widerwilligen, aber unumgänglichen Miteinanders von Bonn und Ost-Berlin. Die jeweiligen Absichten waren allen Beteiligten klar: „Der Bundesregierung ging es in erster Linie um das, was man damals ‚menschliche Erleichterungen’ nannte, also um Fragen der Familienzusammenführung und des Reiseverkehrs sowie um Maßnahmen zur Stabilisierung der Lage West-Berlins“ (109), die DDR war vor allem an Geld und materiellen Vorteilen interessiert – besonders am sogenannten Swing, dem zinslosen Überziehungskredit für Einfuhren aus der Bundesrepublik. Bräutigam erscheint in diesen autobiografischen Aufzeichnungen, die mit seinem Eintritt in das Referat für Deutschland- und Berlin-Politik im Auswärtigen Amt 1969 beginnen, geradezu als Personifizierung dieser pragmatischen, von Bahr und Brandt erdachten Ostpolitik und behält auch in den rückblickenden Schilderungen immer die diplomatische Contenance. 1974 leitete er das „Vorauskommando“ (91), das die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin einrichtete, die dann von Gaus geleitet wurde. Bräutigam erhielt schon in den ersten Tagen eine Vorstellung davon, „was uns in der Ständigen Vertretung erwartete: nämlich auf Menschen zu treffen, die durch die brutale Teilung schwer getroffen waren“ (96). Und so ist es auch vor allem die menschliche Seite, die dieses Buch ausmacht – Bräutigam erinnert u. a. daran, wie die DDR den Dichter Reiner Kunze zermürbte und zur Ausreise drängte und an die Besetzung der Ständigen Vertretung durch verzweifelte Menschen – 1984 schon erwies sich dies als Weg in den Westen. Zu diesem Zeitpunkt war Bräutigam bereits seit zwei Jahren selbst Leiter der Vertretung und blieb es bis Anfang 1989, als er auf eigenem Wunsch hin abgelöst wurde – die Revolution hatte auch er nicht vorhersehen können. Als Quintessenz ist aus seinen Erinnerungen der Eindruck zu ziehen, dass die DDR sich zwar als Teilstaat versuchte, viele Menschen sich aber doch als Teil eines deutschen Ganzen verstanden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.314 | 2.313 | 4.2 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hans Otto Bräutigam: Ständige Vertretung. Hamburg: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/30727-staendige-vertretung_36498, veröffentlicht am 23.06.2009. Buch-Nr.: 36498 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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