Portal für Politikwissenschaft

Dispositive digitaler Pornografie

Doris Allhutter

Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2009 (Politik der Geschlechterverhältnisse 39); 315 S.; kart., 34,90 €; ISBN 978-3-593-38858-8
Mit der Verbreitung und Kommerzialisierung des Internets ist Pornografie zu einer Erscheinung der Massenkultur geworden. Die Autorin untersucht die Herstellungs-, Verbreitungs- und Aneignungsprozesse digitaler Pornografie und zeigt den besonderen Einfluss der Informationstechnologien auf das Genre. Im Zentrum der Darstellung steht jedoch die Frage nach den geschlechterrelevanten Wirkungen durch die technologische Inszenierung von Sexualität. Geschlechterdifferenzen und -normen schreiben sich in die pornografischen Artefakte ein, denn Geschlecht ist eben auch eine „soziale und politische Kategorie“ (242). Pornografie wird sowohl in verschiedenen Politikfeldern, im ethischen Diskurs der Gesellschaft wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht diskutiert; „die diskursive Verwobenheit dieser Bereiche“ (16) untersucht Allhutter aus politikwissenschaftlicher Perspektive mit einem feministisch-dekonstruktivistischen Zugang. Die Autorin kritisiert an der EU-Politik, dass sie vor allem auf „Selbstkontrolle durch die Branche, Filterung und Sensibilisierung der BenutzerInnen“ setze. Es täten sich in der EU-Politik „große Leerstellen“ (280) auf, so würde der Beitrag pornografischer Repräsentationen zur „Reproduktion von sexistischen, rassistischen, ethnisierenden und sozialhierarchischen Differenzen“ (259) völlig ausgeblendet. Im Politikprozess der EU erweise sich, dass die Verbindung technologischer Aspekte mit sozialen Herstellungs- und Anwendungspraktiken unreflektiert bleibe, so Allhutter. Sie führt dies auf die Diskurskonstellation zurück. Die Opposition zwischen den Grundrechten der Informationsfreiheit und der Gleichheit führt über die Trennung zwischen privat und öffentlich „zu einer Hegemonie eines konsequentialistisch argumentierten negativen Freiheitsbegriffs, […] der zugleich die wirtschaftlichen Interessen der Porno-Industrie und der wachsenden Internetbranche bedient“ (294). Damit steht am Ende der Arbeit die Erkenntnis, dass sowohl der wissenschaftliche als auch der politische Umgang mit digitaler Pornografie ideologischen Mustern folgt.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.44 | 2.22 | 2.27 | 3.5 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Doris Allhutter: Dispositive digitaler Pornografie. Frankfurt a. M./New York: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/30676-dispositive-digitaler-pornografie_36436, veröffentlicht am 23.09.2009. Buch-Nr.: 36436 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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