Portal für Politikwissenschaft

Negative Diskriminierung

Robert Castel

Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieues. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

Hamburg: Hamburger Edition 2009; 122 S.; 15,- €; ISBN 978-3-86854-201-1
Im Herbst 2005 kam es in etlichen französischen Vorstädten – den sogenannten Banlieus – zu massiven Ausschreitungen zwischen Jugendlichen (mit vielfach maghrebinischer Herkunft) und der Polizei. Diese Revolten, ausgelöst durch eher kontingente polizeiliche Übergriffe, erfolgten spontan ohne erkennbare Organisationsstrukturen oder verhandelbare Forderungen. Die konservative politische Klasse Frankreichs reagierte mit drastischem Vokabular – „Gesindel“, „Strolche“, „Vorstadtintifada“ – und deklarierte die Unruhen zum Feld justiziellen und polizeilichen Durchgreifens. Dieser kriminalisierenden Schematisierung widerspricht der renommierte Soziologe Castel, Forschungsdirektor der Pariser École des Hautes Études en Science Sociale, vehement: Die gewaltförmigen Eruptionen haben sich zwar in der Peripherie von Großstädten ereignet, aber sie sind hervorgebracht von Problemen, die das Zentrum der französischen Gesellschaft grundsätzlich betreffen. Am Rande der Gesellschaft erleben Jugendliche mit Migrationshintergrund vielfach eine Form negativer Diskriminierung, die aus einer ethnischen Differenz – ob am Namen oder Aussehen, kulturellen Praktiken oder Wohnort abgelesen – einen Makel ausmacht, der die Zugänge zu Ausbildung, Beschäftigung und Einkommen systematisch behindert. Sehr eindringlich diskutiert Castel sowohl die soziale Position der betroffenen Jugendlichen (dabei den Ghetto-Begriff zurückweisend) als auch Mechanismen der Diskriminierung und votiert für einen sorgfältigen Einsatz von Maßnahmen positiver Diskriminierung mit Instrumenten der Qualifizierungs-, Beschäftigungs- und Stadtentwicklungspolitik. Die gut lesbare Studie hat auch unmittelbar Relevanz für die deutsche Debatte: (ethnisierende) negative Diskriminierungen sind eine Verweigerung von Rechten, die – im Rahmen eines moderne Gesellschaften kennzeichnenden kulturellen Pluralismus – mit dem republikanischen Verständnis von Staatsbürgerschaft unlösbar verbunden sind.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 4.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Robert Castel: Negative Diskriminierung. Hamburg: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/30562-negative-diskriminierung_36293, veröffentlicht am 16.07.2009. Buch-Nr.: 36293 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...