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Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989

Mario Niemann

Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2007 (Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart); 446 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-506-76401-0
Habilitationsschrift Rostock; Gutachter: W. Müller, K. Krüger, H. Weber, E. Jesse. – Diese detailreiche gruppenbiografische Studie ist die erste umfassende Analyse regionaler DDR-Führungskader und damit der mittleren Kaderhierarchieebene sowie ihrer Bedeutung für das Funktionieren von Staat und Partei. Die Einführung der SED-Bezirksleitungen stellte 1952 in kaderpolitischer Hinsicht einen gravierenden Einschnitt und den Beginn des Aufbaus eines völlig neuen Funktionärskorps dar. Erläutert wird, wie der Aufbau erfolgte, wie Kadertausch im Sinne der Personalentwicklung funktionierte und wie die parteipolitische und fachliche Weiterbildung durchgeführt wurde. Untersucht wird z. B. auch die Kaderstagnation, die zum einen subjektive Ursachen hatte (Personalpolitik), zum anderen aber auch strukturell begründet war (fehlende Richtlinien für Amtszeit, geringer Einfluss der Basis). Die durch den demokratischen Zentralismus und das Nomenklatursystem bedingten Mechanismen des Machtwechsels in der höheren SED-Hierarchie werden an Beispielen eindrücklich dargestellt. Gezeigt wird, dass der Handlungsspielraum der Bezirkssekretariate, die eine Scharnierfunktion zwischen zentraler Parteiführung und lokalen Parteistrukturen innehatten, begrenzt war. Sie wurden daran gemessen, wie gut sie die Beschlüsse des Zentralkomitees ausführten. Entsprechend beschränkte sich die Handlungsautonomie auf die „konkrete Auslegung“ und die „schöpferische“ (385) Durchführung der zentralen Beschlüsse und der Generallinie der Partei. Unklar bleibt leider, wie genau sich dies auf der Ebene der Bezirkssekretäre darstellte. Wenn z. B. die an verschiedenen Beispielen belegte „Umdeutung systembedingter wirtschaftlicher Missstände zu Führungsschwächen von Funktionären“ (335) ein wiederkehrendes Merkmal der SED-Kaderpolitik war, dann ist für das Verständnis des DDR-Lebensalltags von Interesse, ob und wie die einzelnen Bezirkssekretäre ihre begrenzten Handlungsspielräume nutzten – und mit welchem Erfolg. Hier ist Raum für weiterführende Forschung, für die der Autor eine substanzielle Grundlage gelegt hat.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Mario Niemann: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989 Paderborn u. a.: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/28720-die-sekretaere-der-sed-bezirksleitungen-1952-1989_33868, veröffentlicht am 09.05.2008. Buch-Nr.: 33868 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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