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Die Hypothek des Krieges

Benjamin Bieber

Die Hypothek des Krieges. Eine soziologische Studie zu den sozialen Effekten von Kriegen und zur Reintegration von Veteranen, Kriegsinvaliden und Hinterbliebenen in Bosnien-Herzegowina

Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2007 (Socialia 81); II, 690 S.; 49,80 €; ISBN 978-3-8300-2824-6
Diss. Frankfurt/M. – Nicht nach den Kräften, welche eine Gesellschaft auseinander treiben, sondern nach denjenigen, die für ein langsames, erneutes Zusammenwachsen sorgen, wird in dieser Studie gefragt: Wie gehen Gesellschaften um mit der sozialen Hypothek des Krieges? Eine erhebliche Forschungslücke wird speziell der deutschen Soziologie für den gesamten Bereich der Kriegs- und Katastrophenfolgenforschung attestiert. Folglich wird bei der Benennung der Problemindikatoren auf Ergebnisse unterschiedlichster anderer Disziplinen zurückgegriffen, etwa aus Medizin und Psychologie: Die Entwicklung unterschiedlichster Phänomene infolge natürlicher wie kriegerischer Katastrophen, von der Suizidrate über sexuelle Störungen bis hin zur Nikotinabhängigkeit, wird anhand von Beispielfällen ausführlich dargestellt. Im Hauptteil der Arbeit wendet der Autor die zuvor vorgenommene Operationalisierung auf das Beispiel und den empirischen Gegenstand seiner Studie an: Die Kriegsfolgen in Bosnien-Herzegowina und hier speziell die Anstrengungen zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung von Veteranen, Kriegsinvaliden und Hinterbliebenen. Wie wird also in Anbetracht der anhand der Problemindikatoren zuvor operationalisierten sozialen Hypothek des Krieges versucht, die Wunden zu heilen? Umfang und Detailtiefe führen zu einer Vielzahl von Ergebnissen, wobei der Autor gleichzeitig auch die Grenzen des zweifellos verdienstvollen Versuchs der detaillierten Auseinandersetzung offen anspricht: Die Annahme von massenhaften individuellen Traumata und die Herausforderung, die diese für das soziale Umfeld darstellen, schließt notwendigerweise eine Dunkelziffer ein. Dennoch kommt er abschließend zu einem interessanten Ergebnis: Die Tatsache, dass nach Ende des Krieges fast jegliche Form von Racheakten unterblieben ist, wertet er als Ausdruck eines besonders zivilisierten Zuges der Bevölkerung, der die Integrationsmaßnahmen zumindest erleichtert habe. Gleichzeitig wirft diese Feststellung implizit eine weiterführende Frage auf: Welchen Einfluss hat die gesellschaftliche Kultur auf die Möglichkeit von Maßnahmen zur Reintegration?
Carsten Michael Nickel (CMN)
B. A., Politikwissenschaftler, wiss. Hilfskraft, Lehrstuhl für Internationale Politik, Ruhr-Universität Bochum.
Rubrizierung: 2.61 | 2.25 | 4.41 Empfohlene Zitierweise: Carsten Michael Nickel, Rezension zu: Benjamin Bieber: Die Hypothek des Krieges. Hamburg: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/27978-die-hypothek-des-krieges_32878, veröffentlicht am 02.04.2008. Buch-Nr.: 32878 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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