Portal für Politikwissenschaft

Prozesskosten

Erich Loest

Prozesskosten. Bericht

Göttingen: Steidl 2007; 300 S.; Ln., 18,- €; ISBN 978-3-86521-423-2
Sieben Jahre lang war Loest seit 1957 inhaftiert, weil er angeblich eine staatsfeindliche Gruppe mit dem Ziel gebildet hatte, die Regierung der DDR zu stürzen. Im Gefängnis gelangte er zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass er nie „zur Rolle eines Schräubchens oder Rasterpunkts im Gefüge einer Despotie“ zurückfinden wollte, dass er „nichts mehr zu schaffen haben wollte mit der DDR“ (242). In seinem eindrucksvollen Bericht über diese Zeit verwebt der Schriftsteller seine Biografie mit dem Zeitgeschehen, beschreibt die Hoffnungen vieler in der sogenannten Tauwetter-Periode auf einen besseren, freieren Sozialismus. Auch er hatte es gewagt, nach der Geheimrede Chruschtschows über die Verbrechen Stalins laut über eine Entstalinierung in der DDR nachzudenken. Aus den Anzeichen, dass er politisch in Ungnade fiel, zog Loest allerdings keine Konsequenzen, auch weil er glaubte, im Westen nicht mit offenen Armen empfangen zu werden. Außerdem sah er die DDR (noch nicht) als die Diktatur, als die sie in der Rückschau so leicht zu identifizieren ist. In den Schilderungen Loests wird deutlich, dass der politische Kredit, den die SED auch von vielen Intellektuellen erhalten hatte, der Grund dafür war, dass die DDR existierte und irgendwie vorerst auch funktionierte. Allerdings geriet Loest in den politischen Strudel der Schauprozesse gegen Harich, Janka und andere, die als marxistische Intellektuelle das System entstalinisieren wollten. Obwohl Loest mit ihnen nichts zu tun hatte, ist der Prozess gegen ihn nur in diesem Zusammenhang zu verstehen – das Regime unter Ulbricht sperrte die für die Führungsclique gefährlichsten, weil marxistisch denkenden Widersacher ein und stabilisierte sich (scheinbar) wieder. Loest ordnet sich in der Rückschau in dieses Geschehen ein, was sein Schicksal erklärlicher macht – ihm und seiner Familie die sieben verlorenen Jahre aber nicht wiedergeben kann.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Erich Loest: Prozesskosten. Göttingen: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/27442-prozesskosten_32151, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 32151 Rezension drucken

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