Portal für Politikwissenschaft

Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft

Berthold Vogel

Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft

Hamburg: Hamburger Edition 2007; 134 S.; geb., 12, €; ISBN 978-3-936096-77-4
Der Soziologe Vogel wirft einen Blick auf den Wandel europäischer Wohlfahrtsstaaten und sozialer Konflikte. Die Analyse beruht auf der Formel der „Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft“ von Ernst Forsthoff und nimmt als Ausgangspunkt die Auseinandersetzungen mit der Verschärfung sozialer Ungleichheiten und den Debatten um die Zukunft des Wohlfahrtstaates. Die Reformen der letzten zwanzig Jahre, so Vogel, hätten vor allem Eingriffe in die Leistungshöhen, Auszahlungsvoraussetzungen und Berechnungsregeln der sozialen Sicherungen für die unteren Gesellschaftsschichten bedeutet. Seit kurzem hätten wir es jedoch mit Interventionen in die sozialen Bedingungen und Zukunftsentwürfe der Mittelklasse zu tun, die zu einer erhöhten Unsicherheit in fast allen Schichten der Gesellschaft führten. Vogel sieht Sozialpolitik als ein System an, das „durch [die eigene] Praxis selbst erzeugte Handlungsanforderungen“ (33) entwickelt hat. Sozialpolitik sorge für die Gewährleistung und Steuerung der eigenen, institutionalisierten Systeme und zugleich für die Voraussetzungen, dass Markt und Staat als „Funktions- und Ordnungsprinzipien des Sozialen“ (35), die sich wechselseitig bedingen, bestehen könnten. Vogel beschreibt den Wandel eines „sorgenden Wohlfahrtsstaates“ der Nachkriegsjahrzehnte hin zu einem „gewährleistenden Wohlfahrtsstaat“, der einen hohen Grad an Regulierungsintensivität und neue Typen der Regulation erfordert. Gegenwärtig befinden wir uns demnach in einem Prozess der Veränderung des Wohlfahrtsstaates, in dem die Kompetenzen von Staat und Markt miteinander verwoben werden. Der „gewährleistende“ Sozialstaat basiert auf den gleichen Bedingungen wie der „sorgende“, nur wird er vielmehr auf ökonomischen Bedingungen konzipiert – gleichwohl baut er auf einer „positiven Diskriminierung“ (57) der Empfänger auf. Vogels Ausführungen sind kenntnisreich und wohl durchdacht. Sie tragen dazu bei, über die gegenwärtigen Entwicklungen zu reflektieren und zugleich das Politische wiederzugewinnen, d. h. die (positiven) Handlungsmöglichkeiten staatlichen Handelns zu verdeutlichen.
Oliver Trede (OT)
Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 5.41 | 5.42 | 2.21 | 2.262 Empfohlene Zitierweise: Oliver Trede, Rezension zu: Berthold Vogel: Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft Hamburg: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/27441-die-staatsbeduerftigkeit-der-gesellschaft_32150, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 32150 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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