Portal für Politikwissenschaft

Erfahrung als Argument

André Brodocz (Hrsg.)

Erfahrung als Argument. Zur Renaissance eines ideengeschichtlichen Grundbegriffs

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007 (Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 11); 286 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-8329-2256-3
Walter Benjamin und Reinhart Koselleck haben darauf hingewiesen, dass durch den geschichtlichen Fortschrittglauben der Neuzeit und das Verständnis von Geschichte im „Kollektivsingular“ das klassische Geschichtsmodell im Sinne einer „historia magistra vitae“ abgelöst worden ist. Erfahrung, von Aristoteles bis Machiavelli dasjenige, was den klugen und weltgewandten Politiker auszeichnen sollte, ist durch die in diesem neuzeitlichen Geschichtsverständnis eingefangene Beschleunigungserfahrung entwertet worden. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen für uns im Hinblick auf die in der Gegenwart und Zukunft aktuellen Problemlagen von Relevanz sind. In der jüngeren politischen Theorie ist jedoch gegenüber einem – diesem Fortschrittsmodell entsprechenden – technizistischen Politikverständnis die Rolle der Urteilskraft für soziale Praktiken betont worden. Urteilsfähigkeit jedoch bildet sich im Rahmen eines mit anderen geteilten Erfahrungsraums aus – damit kehrt die Erfahrung als gewichtiges „Argument“ in die politische Theorie zurück. Brodocz unterscheidet drei Möglichkeiten, wie sich Erfahrung in der politischen Theorie Geltung verschafft: in normativer, in methodologischer und in pragmatischer Hinsicht. Die Beiträge im Abschnitt „Erfahrung als normatives Argument“ rekonstruieren die Bedeutung der Erfahrung an normativen politischen Theorien bei Aristoteles, Oakeshott, Voegelin, Dewey, Nussbaum und Walzer. Die Texte im Abschnitt „Erfahrung als methodologisches Argument“ kreisen hingegen um die Frage, welche Bedeutung Erfahrung in politischen Institutionen und politischer Kultur spielt. Schließlich werden anhand der Fragen nach der Bedeutung von Experten für die Demokratie, der Solidaritätsdiskurse bzw. der Präjudizienbildung praxisorientierte Fälle diskutiert.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.1 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: André Brodocz (Hrsg.): Erfahrung als Argument. Baden-Baden: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/26833-erfahrung-als-argument_31311, veröffentlicht am 27.03.2008. Buch-Nr.: 31311 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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