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1948 – Jahr der Entscheidungen

Peter Brandt

1948 – Jahr der Entscheidungen. Ernst Reuter und der Weg in den Kalten Krieg

Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2012 (Ernst-Reuter-Hefte 1); 47 S.; pb., 5,- €; ISBN 978-3-95410-006-4
Der Kalte Krieg war 1948 an einer Stelle besonders deutlich zu spüren: im geteilten Berlin. Als „Jahr der Entscheidungen“ betitelt Peter Brandt seine knappe Abhandlung zur Rolle des damaligen Berliner Oberbürgermeisters Ernst Reuter. Der Hagener Historiker arbeitet heraus, dass der Weg in die Spaltung Europas seinerzeit keineswegs zwangsläufig, wohl aber vorgezeichnet war. Brandt deutet an, dass der ehemalige KPD-Funktionär Reuter zum Agieren der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht im Osten der Stadt natürlich Distanz wahrte. Doch erst die besondere Konfrontation zwischen der aus der Zwangsvereinigung hervorgegangenen SED und der in Gesamtberlin agierenden SPD sorgte dafür, dass Reuter „und mit ihm nicht wenige andere frühere Kommunisten und Linkssozialisten [...] unzweideutig auf die Seite des Westens traten“ (16 f.). Diese Haltung habe sich nach dem kommunistischen Putsch in der Tschechoslowakei und der Berlinblockade verstärkt. Aus diesem Grund brachten die Zeitläufte es mit sich, dass „für eine differenzierte Sicht [...] die Atmosphäre in der ‚Frontstadt‘ West-Berlin nicht vorhanden“ (29) war. Mithin befürwortete Reuter entschieden die Gründung eines Weststaats. Er ging davon aus, dass dieser eine Magnetfunktion auf den Osten ausüben wird und Deutschland es so gelingen könnte, schrittweise seine Souveränität zurückzugewinnen. Reuters Ablehnung der sowjetischen Deutschlandpolitik dürfe aber nicht, so Brandts abschließende These, dazu führen, Ernst Reuter als „Kalten Krieger“ (39) einzustufen. Vielmehr habe Reuter es mit Rücksicht auf die Interessen Berlins im Gegensatz zu Adenauers Westbindungspolitik stets für erforderlich gehalten, etwaige Gesprächsangebote von sowjetischer Seite zu prüfen. Nicht zuletzt aufgrund der sehr komprimierten Darstellung kann Brandt indes nicht ganz das Spannungsverhältnis zwischen den prägenden Faktoren, die aus Reuter einen sehr entschiedenen Antikommunisten formten, und den persönlichen Grundüberzeugungen, die ihn dennoch vor antisowjetischen Reflexen bewahrten, auflösen.
Stephan Klecha (SKL)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen.
Rubrizierung: 2.313 Empfohlene Zitierweise: Stephan Klecha, Rezension zu: Peter Brandt: 1948 – Jahr der Entscheidungen. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/21769-1948--jahr-der-entscheidungen_43379, veröffentlicht am 07.02.2013. Buch-Nr.: 43379 Rezension drucken

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