Portal für Politikwissenschaft

Gleichfreiheit

Étienne Balibar

Gleichfreiheit. Politische Essays. Aus dem Französischen von Christine Pries

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2012; 258 S.; geb., 24,95 €; ISBN 978-3-518-58586-3
In dem Band sind fünf Aufsätze und Reden des französischen Philosophen Étienne Balibar aus dem Zeitraum von 1989 bis 2010 versammelt. Einige wurden erstmalig ins Deutsche übersetzt. Die politisch‑philosophischen Reflexionen kreisen um den von ihm begründeten Begriff der Gleichfreiheit, der eine wechselseitige Bedingtheit von Gleichheit und Freiheit als politische Prinzipien der Moderne nach 1789 umschreibt. Jene Gleichfreiheit steht nach Meinung des Autors in der Demokratie in wechselvollem Verhältnis zur Institution der „citoyenneté“ (8), die im Deutschen mit Staatsbürgerschaft, Bürgerschaft oder Staatsbürgertum übersetzt wird. Sie sei universell, während ihr Widerpart auf Exklusionen basiere. Die Wortverbindung von Gleichheit und Freiheit verdeutliche in der politischen Philosophie die ideenhistorisch nachweisbare „Dialektik von Aufstand und Verfassung“ (20), zwischen dem emanzipatorischen Kampf der Handelnden um politische und soziale Rechte und ihrer Konstitution in Verfassungen als Begrenzungen politischer Gemeinschaften. Gleichheit und Freiheit seien nicht als Ideen identisch, sondern in ihrem Umfang; in einem politischen Kampf werde stets um beide in gleicher Weise gefochten. Balibar kann so nicht nur die Auflösung des souveränen Nationalstaates in der fortschreitenden Universalisierung beschreiben, er entwickelt in jenem Widerspruch von Partizipation und Repräsentation auch einen Begriff von Menschenrechten im Sinne von Rechten, an Politik teilzuhaben. Dass Gleichfreiheit in der modernen Krise der neoliberalen Demokratie als „Rationalitäts‑ und Gouvernementalitätsform“ (68) auch ein hoffnungsvoller Aufruf zur Neuentdeckung von Aufruhr und Spontaneität sein kann, betont den transformativen Charakter des Begriffs. Die zusammengestellten Texte erlauben einen konzentrierten Zugang zu den philosophischen Propositionen der Gleichfreiheit Balibars und verhehlen zugleich nicht die politische Sprengkraft der Ideen des Philosophen.
Ellen Thümmler (ET)
Dr., Politikwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Ellen Thümmler, Rezension zu: Étienne Balibar: Gleichfreiheit. Frankfurt a. M.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/185-gleichfreiheit_43558, veröffentlicht am 21.03.2013. Buch-Nr.: 43558 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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