Portal für Politikwissenschaft

Im Umgang mit der Macht

Angela Borgwardt

Im Umgang mit der Macht. Herrschaft und Selbstbehauptung in einem autoritären politischen System

Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002; 579 S.; brosch., 36,90 €; ISBN 3-531-13833-2
Diss. Berlin; Gutachter: R. Rytlewski. - "Meine Karriere als Drachentöter begann damit, dass ich den stalinistischen Drachen für ein Kuscheltier hielt, das ich liebte." (410) Diesem Irrtum saß nicht nur Biermann auf, von dem dieses Zitat stammt. Die Autorin analysiert die politische Dimension literarischer Texte und die Rolle der Schriftsteller in der DDR am Beispiel von Biermann, Heym und Wolf. Theoretische Grundlagen sind die Weber'sche Theorie des sozialen Handelns und die Frage Bourdieus, "welchen Beitrag die Akteure zur Konstruktion der Sicht von sozialer Welt und damit zur Konstruktion dieser Welt selber beitragen" (39). Mit ihrer Reflexion der politikwissenschaftlichen DDR-Forschung versucht die Autorin zudem den systemimmanent-kritischen Ansatz und die Totalitarismustheorie zumindest etwas miteinander zu versöhnen. Mit Wolf, Heym und Biermann hat Borgwardt drei Schriftsteller ausgesucht, die loyal zum Sozialismus standen, das Politikverständnis von Wolf und Heym glich der offiziellen SED-Ideologie. Auch die Ansicht, dass der Literatur eine politische Erziehungsaufgabe zukomme, wurde geteilt. Damit allerdings hörten die Gemeinsamkeiten auf. Wolf, die sich mit öffentlichen Meinungsäußerungen zurückhielt, entwickelt ein Literaturverständnis, in dem die Wahrheit anders als in der SED-Ideologie keine absolute Größe war. Heym meinte, dass sich ein Schriftsteller in der Frage der politisch-moralischen Wahrheit keine Kompromisse leisten könne. Biermann vertrat einen freiheitlich-demokratischen Kommunismus im Sinne Luxemburgs, womit er zwangsläufig zum Feind des SED-Systems werden musste. Die Konfliktanalyse entlang der biografischen und literarischen Entwicklungen mündet in eine Typisierung: Wolf wird von der SED als integrierbar gesehen, Heym als partiell integrier- und tolerierbar und Biermann als nicht mehr integrierbar. Die Autorin hat damit gezeigt, wie die Schriftsteller auf unterschiedliche Weise in einer komplexen Wechselwirkung zwischen Selbstbehauptung und Anpassung gegen die geistige Verarmung in der Diktatur gekämpft haben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Angela Borgwardt: Im Umgang mit der Macht. Wiesbaden: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/18101-im-umgang-mit-der-macht_20896, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 20896 Rezension drucken

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