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Ihr waret die besten Soldaten

Kurt Pätzold

Ihr waret die besten Soldaten. Ursprung und Geschichte einer Legende

Leipzig: Militzke Verlag 2000; 285 S.; geb., 20,40 €; ISBN 3-86189-191-3
"'Richtet Euch auf, meine Kameraden, und tragt den Kopf hoch, wie einst zur Parade! Ihr braucht Euch eurer Taten wirklich nicht zu schämen. Ihr waret die besten Soldaten.'" (91) So formulierte Generaloberst a. D. Heinz Guderian in seinen Erinnerungen seine Überzeugung von der im Zweiten Weltkrieg untadelig kämpfenden Wehrmacht. Für Pätzold umschreibt dieses Zitat die (nicht nur aus seiner Sicht) in den Fünfzigerjahren in der Bundesrepublik Deutschland fehlgeleitete Erinnerung an die Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Es ist bemerkenswert, dass ein Jahrzehnt nach Kriegsende und Hauptkriegsverbrecherprozess kein namhafter deutscher Historiker eine wissenschaftlich haltbare Analyse des Krieges und der Rolle der Wehrmacht in ihm vorlegte. Aber wenn die westdeutschen Historiker beinahe ergeben und gläubig die Memoiren der hochrangigen Militärs als unangreifbare historische Quellen benutzten, so hatten ihre ostdeutschen Kollegen vor allem mit ideologischen Problemen zu kämpfen, die ihnen eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der Geschichte des Weltkrieges verwehrten. Den Vergleich, den der ehemalige DDR-Historiker Pätzold zieht, fällt für seine westdeutschen und ostdeutschen Kollegen wenig schmeichelhaft aus. Und wenn schon die ehemaligen Militärs um Manstein, Halder, Guderian, Westphal und andere ihre Realitäts- und Vergangenheitsfluchten betrieben, die Verbrechen der Wehrmacht (und damit ihre eigenen) verneinten oder vertuschten, so wurden sie im Westen weitläufig unterstützt durch den Ost-West-Konflikt, der ihren Anti-Bolschewismus sehr zeitgemäß erscheinen ließ. Ebenfalls die Blockbildung und u. a. der krampfhafte Versuch zu erklären, weshalb denn die "Arbeitsklasse", die bis 1945 Hitler unterstützt hatte, dennoch "Opfer" des "Faschismus" war, forcierte den Schulterschluss der DDR-Historiker mit ihren sowjetischen Kollegen, die die ideologischen Vorgaben diktierten. Nach Pätzold hatten die ostdeutschen Historiker durchaus die besseren Ausgangsbedingungen, eine grundlegende Weltkriegsforschung zu betreiben, denn schließlich leugneten sie nicht die Verbrechen der Wehrmacht, aber die eigenen und nicht zuletzt die aus Moskau kommenden ideologischen Zwänge verhinderten einen offenen Umgang mit Fakten und Dokumenten. Selbst nach Stalins Tod war es ihnen schier unmöglich, die sowjetische Vorkriegspolitik gegenüber Westeuropa, insbesondere Deutschland kritisch zu durchleuchten. Im Westen wie im Osten haben die unterschiedlichen Defizite allerdings das selbe Ergebnis gezeitigt: weil sich die Historiker-Zunftgenossen den Weg zu einer differenzierten und kritischen Weltkriegsforschung versperrten, konnte sich die Legende von der ritterlich kämpfenden Wehrmacht, geführt von militärisch hoch begabten, dem Feind fachlich überlegenen Offizieren etablieren, im Westen begünstigt durch die eifrigen Militär-Memoirenschreiber, im Osten durch ideologische Ignoranz. Die Ereignisse um die Wehrmachtausstellung z. B. in München zeigen noch die Ausläufer dieser dauerhaften Legende. Das Unglück, so die Legende, brachte allein Hitler über Deutschland, der die Militärs für seine verbrecherische Politik instrumentalisierte. Seine engagiert geschriebene Studie ergänzt Pätzold mit Dokumenten aus dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, die vor allen Dingen zeigen: Man hätte im Osten wie im Westen nur couragiert lesen müssen, um in den Fünfziger- und Sechzigerjahren eine andere Weltkriegsforschung betreiben zu können. Inhalt: 1. Der letzte Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht; 2. 1945: eine für Legenden unfreundliche Zeit; 3. Das Bild wird umgeprägt: Taten, Leistungen, Opfer; 4. Die ersten Gesamtdarstellungen; 5. Die Springflut der Memoiren; 6. Vom Nutzen des Kalten Krieges; 7. Das prophetische Schlußplädoyer des Telford Taylor; 8. Generale und Historiker; 9. Anfänge der "zweiten" deutschen Geschichtswissenschaft; 10. Vorbilder und Verbindlichkeiten; 11. Geschichtspublizistik deutscher Antifaschisten; 12. Deutsch-deutsche Kontroversen und internationale Kontakte; 13. Generalsmemoiren anderer Art; 14. Fragen, Felder und Defizite der Forschung; 15. Sondierung einer Hinterlassenschaft; 16. Antisemitismus und Judenmord im ostdeutschen Faschismusbild; 17. Ein vorläufiges Fazit.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Kurt Pätzold: Ihr waret die besten Soldaten. Leipzig: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/13190-ihr-waret-die-besten-soldaten_15805, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15805 Rezension drucken

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