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Die gespaltene Vereinigungsgesellschaft

Rolf Reißig

Die gespaltene Vereinigungsgesellschaft. Bilanz und Perspektiven der Transformation Ostdeutschlands und der deutschen Vereinigung

Berlin: Karl Dietz Verlag 2000; 160 S.; brosch., 12,68 €; ISBN 3-320-02010-2
Der Transformationsprozess, den die neuen Bundesländer seit der deutschen Einigung durchlaufen haben, ist mit hohem Aufwand wissenschaftlich begleitet worden. Reißig, der 1964 bis 1978 als Sozialwissenschaftler an der Universität Leipzig tätig war und jetzt am Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien arbeitet, versucht in dieser Monographie eine doppelte Bilanz von Transformationsprozess und einschlägiger Transformationsforschung. Die Bestandsaufnahme des Einigungsprozesses selbst (15 ff.) ist, deutlich genug, frei von jeglicher Euphorie: "Als Folge des Beitritts hat sich innerhalb der Bundesrepublik eine gesonderte ostdeutsche Teil-Gesellschaft mit spezifischen Strukturmerkmalen herausgebildet." (11) Auch auf der Ebene der Identitätskonstruktionen haben sich spezifische Unterschiede - nicht zuletzt als Reaktion auf das politische Einigungsmanagement - in den letzten Jahren stärker ausgeprägt (63 ff.). Eine wesentliche Ursache sieht Reißig in der immer noch dominierenden Angleichungsstrategie, die die erforderlichen Wandlungsprozesse nur von Ostdeutschland verlangt, Westdeutschland davon aber freihält (104). Deshalb skizziert er Ansätze eines neuen reformpolitischen Leitbildes (102 ff.), das sich vom "inzwischen überholten und fehlsteuernden Orientierungsrahmen 'Alte Bundesrepublik'" verabschiedet (106). Ähnlich skeptisch fällt auch seine Bilanzierung der Transformationsforschung aus (121 ff.), die - trotz umfangreich mobilisierter Ressourcen - stärker als wünschenswert Interessen, Perspektiven und Schwerpunktsetzungen der Forschung fortgesetzt habe, "wie sie sich in der früheren Bundesrepublik herausgebildet hatten" (127); das betrifft zumal die dem Transformationsansatz zugrunde liegende "verkürzte Perspektive [...] von 'Transfer - Anpassungsprozesse - Angleichung'" (135). Inhaltsübersicht: I. Transformation und Einheit im Jahre zehn: Befunde und Bilanzen: 1. Die Akteure und ihre Optionen am Beginn der DDR-Transformation und der deutschen Einheit; 2. Die Konturen einer Transformation durch Beitritt; 3. Die Transformation der DDR und ihre Folgen: 3.1 Ökonomische Transformation - Schocktherapie ohne Strukturanpassungskonzept; 3.2 Politischer Institutionentransfer ohne endogene Transformation. 4. Bilanz ostdeutscher Transformation und deutscher Vereinigung: 4.1 Bilanz der Befunde: Transformationsprojekt; 4.2 Bilanz der Befunde: Einheitsprojekt; 4.3 Die heutigen Urteile über das "ungeplante Experiment": gelungen, gescheitert, gespalten und unvollendet. II. Von der "äußeren Angleichung" zur "inneren Einheit"? Die Ost- und Westdeutschen - zehn Jahre nach der staatlichen Einheit: 1. Die Ostdeutschen und der Systemwechsel: von der Euphorie zum Schock, zur neuen Nachdenklichkeit; 2. Persönliche Gewinne und Verluste in der Sicht der Ostdeutschen; 3. Die Ostdeutschen und die neue politische Ordnung; 4. Bewertung der Gesellschaft; 5. Werteorientierungen in Ost und West; 6. Ost-West-Identitätskonstruktionen; 7. West- und Ostdeutsche "getrennt vereint". Bilanzen und Perspektiven. III. Transformation und Einheit neu denken und gestalten: 1. Von der Transformation im Osten zum Wandel der gesamtdeutschen Bundesrepublik - von der Vereinigungs- zur Reformpolitik; 2. Neues Leitbild; 3. Alternativen Ost. IV. Lehren und Schlußfolgerungen: 1. Zum Transformationsfall; 2. Zum Vereinigungsfall; 3. Zur historischen Verortung der Ereignisse von 1989/90. V. Die sozialwissenschaftliche Transformations- und Vereinigungsforschung - der Erkenntnis- und Ertragswert: 1. Der Systemwechsel im Osten und der Systemschock im Westen als neuer Untersuchungsgegenstand; 2. Erste Reaktions- und Deutungsmuster; 3. Phasen der Transformationsforschung - Kontinuitäten und Revisionen; 4. Gewinne und Defizite der Transformations- und Vereinigungsforschung; 5. Neue Einsichten und Erkenntnisse über sozialen Wandel.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3152.3142.3132.352.2 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Rolf Reißig: Die gespaltene Vereinigungsgesellschaft. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/12990-die-gespaltene-vereinigungsgesellschaft_15567, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 15567 Rezension drucken

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