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Republik der Courage

Robert Misik / Doron Rabinovici (Hrsg.)

Republik der Courage. Wider die Verhaiderung

Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2000; 168 S.; brosch., 14,90 DM; ISBN 3-7466-7027-6
Auch wenn sich das Inhaltsverzeichnis beinahe wie eine altlinke Schlagwortsammlung liest, enthält der schmale Band mehr an grundlegender Analyse über die Lage in Österreich nach der Nationalratswahl 1999, als der erste Blick vermuten lässt. Zwar bedienen sich die Autoren zumeist keiner wissenschaftlichen Argumentation und wollen es wohl auch nicht; und angesichts der heutigen innenpolitischen Lage darf die Schreckensvision eines von einer rassistischen, haiderhörigen Regierung geführten Alpenregimes getrost zu den Akten gelegt werden. Andererseits war das Jahresende 1999 keine Zeit der Objektivität in Österreich, und im linken Lager entstand unter dem Eindruck der Wahlniederlage eine Widerstandsstimmung, die als Aufbruch in eine Zivilgesellschaft proklamiert wurde. Das Buch gibt einen tiefen Einblick in diese Stimmungslage des (links)intellektuellen Milieus mit seinen bekannten Begleiterscheinungen (allen voran die obligate Österreichbeschimpfung, siehe Rabinovicis Beitrag). Daneben finden sich aber auch zahlreiche Aufsätze, die mit doch überraschender Besonnenheit das Wahlergebnis sowie Erfolg und Faszination der Person Haiders in politisch-kultureller, soziologischer, psychologischer und ideologisch-historischer Hinsicht zu erklären suchen, auch wenn dies schon mal mit der interessanten Einleitung geschieht: "Hier soll nicht der Versuch einer umfassenden Diagnose [...] unternommen werden, vielmehr mit unsystematischen Gedanken eine neue Unübersichtlichkeit angegangen werden" (97). Diese Aussage ließe sich auf das gesamte Buch erweitern. Viel mehr jedenfalls als eine Milieu- und Stimmungswiedergabe und manch vielversprechenden, wenngleich nur angerissenen Erklärungsansatz zum Erfolg der Freiheitlichen Partei wird das Buch dem Politikwissenschaftler nicht bieten können. Inhalt: Zur Lage: Karl-Markus Gauß: Hat der Neger Geld, ist er keiner mehr. Über den Rassismus der Wohlhabenden und die Bestialität der Tüchtigen (17-24); Elfriede Jellinek: Über die "anderen". Die Rede am Stephansplatz, 12. November 1999 (25-27); Christa Zöchling: Der Komödiant und das Theater. Jörg Haider - Licht und Schatten einer politischen Karriere (28-41); Wilfried Graf: Das österreichische Faschismus-Syndrom. Von der nationalen Verdrängung zur Wiederkehr des Massenwahns? (42-52); Jean Ziegler: Eine sonderbare Diktatur. Das "Phänomen Blocher" und die herrschende Oligarchie der Schweiz (53-57); Claus Leggewie: Volk versus Eliten. Ist der Nationalpopulismus eine alpine Besonderheit oder eine europäische Gefahr? (58-66). Wege aus der Krise: Doron Rabinovici: Courage wider das Ressentiment. Vom Wesen der Verhaiderung und den Möglichkeiten, ihr entgegenzuwirken (69-78); Armin Turnher: Symbolischer Etappensieg. Anmerkungen zu einer überraschend erfrischenden Kundgebung "Keine Koalition mit dem Rassismus" am 12. November 1999 in Wien (79-88); Rudolf Scholten: Nützlich sein! Politik muß glaubhaft machen, daß sie die Lebensbedingungen der Menschen verbessert (89-95); Ferdinand Lacina: Den Rassismus rechts liegenlassen. Der Weg zwischen Modernisierungsnotwendigkeit und Sicherheitsbedürfnis führt nach links (96-106); Robert Misik: Ein New Deal für Österreich. Nur eine repolitisierte Linke kann den Kampf um die Mehrheit wieder aufnehmen (107-119); Martin Schenk: "Wenn die nicht wären ...". Vollständige Modernität bedarf belastbarer Solidarität, die die Schwächsten schützt (120-134); Isolde Charim: Wie soll man kämpfen? Politische Front oder moralische Breite - eine aktuelle Lektüre der Theoretiker Etienne Balibar und Slavoj Zizek (135-139); Hakan Gürses: Die Ausnahme und die Regel. Der Rassismus ruft nicht das "Volk" - das Proletariat - als Adressat an, sondern jede soziale Schicht als einzelne (140-151); Rainer Bauböck: Zauberwort Integration. Zur Selbstverständigung über einen mißbrauchten Begriff (152-158); Silvio Lehmann / Sibylle Summer: Die Banalität des Mystifizierten. Haider ist zurückdrängbar. Ein Stoppschild für die Geisterfahrt der Republik (159-163).
Leslie Piert (LP)
Rubrizierung: 2.4 | 2.23 | 2.22 Empfohlene Zitierweise: Leslie Piert, Rezension zu: Robert Misik / Doron Rabinovici (Hrsg.): Republik der Courage. Berlin: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/11686-republik-der-courage_13900, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 13900 Rezension drucken

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