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Kurzanalyse

KAS Jugend und Politik Bild 11672 1Mit dieser Wandzeitung aus dem Jahr 1965 werden gezielt junge Menschen zum Wählen aufgefordert. Das Wählen ab 16 auf Bundesebene wird in Deutschland allerdings skeptisch gesehen. Foto: Konrad Adenauer Stiftung (Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)

Wählen als Bürgerpflicht?
Die subjektiv empfundene Wahlnorm der 16- und 17-Jährigen im Vergleich

Eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre wird in vielen Ländern diskutiert – auch in Deutschland. Es verwundert daher nicht, dass sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien mit Argumenten für und wider eine Senkung des Wahlalters auseinandergesetzt haben. Diejenigen Autoren, die einer Senkung des Wahlalters kritisch gegenüberstehen, begründen ihre Skepsis mit der mangelnden politischen Reife der 16- und 17-Jährigen, die sie zum Beispiel an ihrem geringeren politischen Interesse und Wissensstand festmachen (so Chan und Clayton 2006 für Großbritannien). Studien zu Österreich, dem bisher einzigen Land in Europa, in dem 16- und 17-Jährige seit 2007 bei nationalen Wahlen (Nationalratswahlen und Europawahlen) wahlberechtigt sind, zeichnen hingegen ein anderes Bild. So zeigen Wagner et al. (2012) sowie Kritzinger und Zeglovits (2016), dass sich 16- und 17-Jährige zwar etwas seltener an Wahlen beteiligen, die Qualität ihrer Wahlentscheidungen (ermittelt über die ideologische Nähe zwischen Wähler*innen und gewählter Partei) aber mit jener älterer Wählerinnen und Wähler vergleichbar ist. Zudem weisen Johann und Mayer (2016) darauf hin, dass 16- und 17-jährige Österreicherinnen und Österreicher zwar durchaus Lücken im Kenntnisstand über die politischen Akteure und Positionen der Parteien aufweisen, diese Wissenslücken aber insgesamt nicht so gravierend sind, dass ihnen die Befähigung zur Wahlteilnahme abgesprochen werden kann.

Wir knüpfen an die genannten Studien zu Jungwählerinnen und -wählern an und stellen uns die Frage, inwieweit sich 16- und 17-Jährige von älteren Bürgerinnen und Bürgern in ihrer subjektiv empfundenen Wahlnorm unterscheiden.


Daten und Methode

Die subjektiv empfundene Wahlnorm ist ein wichtiger Faktor für die Beteiligung an Wahlen (vgl. zum Beispiel Goerres 2010). Aus diesem Grund ist es wünschenswert, dass jüngere Wählerinnen und Wähler diese Norm in ähnlichem Ausmaß wie ältere Wählerinnen und Wähler verinnerlicht haben.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage greifen wir auf Daten der Österreichischen Nationalen Wahlstudie AUTNES zurück. Dies hat einen entscheidenden Vorteil: Da 16- und 17-Jährige in Österreich wahlberechtigt sind, können mögliche Unterschiede in der subjektiv empfundenen Wahlnorm zwischen dieser Altersgruppe und älteren Bevölkerungsgruppen nicht auf das fehlende Wahlrecht der 16- und 17-Jährigen zurückgeführt werden.

Die erste Welle der AUTNES Pre- and Post Panel Study 2013 (Kritzinger et al. 2016a, 2016b) beinhaltet zwei Fragen, welche die subjektiv empfundene Wahlnorm messen. Die Befragten sollten jeweils auf einer fünfstufigen Rating-Skala angeben, in welchem Ausmaß die folgenden Aussagen zutreffen:

(1) In der Demokratie ist es die Pflicht jedes Bürgers, sich regelmäßig an Wahlen zu beteiligen.
(2) Wenn ich an einer Wahl nicht teilnehme, habe ich ein schlechtes Gewissen.

Die beiden Aussagen decken unterschiedliche Aspekte der subjektiv empfundenen Wahlnorm ab. Die erste Frage nach der Bürgerpflicht bezieht sich auf ein allgemeines Wahlpflichtgefühl. Hier ist es möglich, dass lediglich internalisierte gesellschaftliche Normen wiedergegeben werden. Die zweite Frage zielt auf die eigene emotionale Bewertung einer möglichen Wahlenthaltung. Sie bildet ein individuelles Wahlpflichtgefühl, ein sogenanntes Wahlgewissen, ab.

Wir betrachten beide Variablen zunächst separat. Zur Untersuchung von möglichen Geschlechterunterschieden werden beide Variablen zu einem Summenindex zusammengefasst.


Ergebnisse

Die Verteilungen der Antworten auf die beiden Aussagen sind in Abbildung 1 aufgeschlüsselt nach Altersgruppen dargestellt. Es zeigt sich, dass die Zustimmung zur ersten Aussage (Wählen ist Bürgerpflicht) größer ist als zur zweiten (schlechtes Gewissen). Die mittlere Zustimmung unterscheidet sich zwischen den beiden Aussagen für alle Altersgruppe jeweils um circa einen Skalenpunkt. Unabhängig vom Alter weisen die Befragten also ein höheres allgemeines Wahlpflichtgefühl auf.

06 Wahlaltersenkung Abb1

Was Differenzen zwischen den Altersgruppen betrifft, ist die wahrgenommene Norm, sich an Wahlen zu beteiligen, bei 16- und 17-Jährigen unabhängig vom betrachteten Item am schwächsten ausgeprägt. Die Unterschiede zur Altersgruppe ab 21 Jahren sind dabei statistisch signifikant hoch. Zwischen den Gruppen der 16- und 17-Jährigen und der 18- bis 20-Jährigen finden sich hingegen nur geringe, statistisch insignifikante Unterschiede.

In Abbildung 2 ist der Zusammenhang zwischen der Gesamtskala (Summenindex) und dem Alter der Befragten dargestellt, unterteilt nach Frauen und Männern.

06 Wahlaltersenkung Abb2

Um den Effekt von Ausreißern abzuschwächen und das generelle Muster des Zusammenhangs zwischen den Variablen besser herauszustellen, wird eine geglättete LOESS-Kurve präsentiert (Jacoby 2000). Es zeigt sich unabhängig vom Geschlecht der Befragten, dass das subjektiv empfundene Wahlpflichtgefühl mit dem Alter steigt. Ferner ist ersichtlich, dass sich der Unterschied zwischen Männern und Frauen mit steigendem Alter angleicht: Während er bei Jungwählerinnen und -wählern (16 bis 20 Jahre) noch knapp 0,7 bis 0,9 Skalenpunkte beträgt, liegt er in der Altersgruppe ab 21 Jahren nur noch bei 0,1 Skalenpunkten.


Fazit

Jungwählerinnen und -wähler, und hier insbesondere die 16- bis 17-Jährigen, weisen eine vergleichsweise schwache subjektiv empfundene Wahlnorm auf. Was bedeuten die Befunde nun für die Frage nach der Reife der 16- und 17-Jährigen beziehungsweise die Diskussion über die Senkung des Wahlalters? Sie verdeutlichen, dass eine Wahlaltersenkung durch Angebote der politischen Bildung begleitet werden sollten, die eindeutig vermitteln, warum es für Bürgerinnen und Bürger essenziell ist, sich an Wahlen zu beteiligen. Kann in Zukunft Jungwählerinnen und -wählern das Gefühl, dass Wählen eine Bürgerpflicht ist, besser vermittelt werden, sollte dies positive Effekte auf die Wahlbeteiligung haben.


Referenzen

•  Chan, Tak Wing / Clayton, Matthew (2006). Should the voting age be lowered to sixteen? Normative and empirical considerations, in: Political Studies, Vol. 54, 533-558.
•  Goerres, Achim (2010). Die soziale Norm der Wahlbeteiligung. Eine international vergleichende Analyse für Europa, in: Politische Vierteljahresschrift, Vol. 51, 275-296.
•  Jacoby, William G. (2000). Loess: a nonparametric, graphical tool for depicting relationships between variables. Electoral Studies, Vol. 19, 577-613.
•  Johann, David / Mayer, Sabrina Jasmin (2016). Reif für die Wahl? Stand und Struktur des politischen Wissens in Österreich: Ein Vergleich der 16- und 17-Jährigen mit anderen Altersgruppen. Unveröffentlichtes Manuskript.
•  Kritzinger, Sylvia / Zeglovits, Eva (2016). Wählen mit 16 – Chance oder Risiko? In: Jörg Tremmel / Markus Rutsche (Hrsg.): Politische Beteiligung junger Menschen. Grundlagen – Problemfelder – Fallstudien. Wiesbaden: Springer VS, 185-199.
•  Kritzinger, Sylvia / Zeglovits, Eva / Aichholzer, Julian / Glantschnigg, Christian / Glinitzer, Konstantin / Johann, David / Thomas, Kathrin / Wagner, Markus (2016a). AUTNES Pre- and Post Panel Study 2013 [Version 2.0.0], GESIS Datenarchiv, Köln. ZA5859.
•  Kritzinger, Sylvia / Zeglovits, Eva / Aichholzer, Julian / Glantschnigg, Christian / Glinitzer, Konstantin / Johann, David / Thomas, Kathrin / Wagner, Markus (2016b). AUTNES Pre- and Post Panel Study 2013 – Documentation [Version 2.0.0], Wien: Universität Wien.
•  Wagner, Markus / Johann, David / Kritzinger, Sylvia (2012). Voting at 16: turnout and the quality of vote choice, in: Electoral Studies, Vol. 31(2), 372-383.

 

Zur Erstveröffentlichung dieses Working Papers siehe den Blog „Aus der Wissenschaft – für die Politik“ des Lehrstuhls für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen: http://blogs.uni-due.de/wissenschaft-politik/2016/12/16/waehlen-als-buergerpflicht-die-subjektiv-empfundene-wahlnorm-der-16-und-17-jaehrigen-im-vergleich/

Verfasst von:

David Johann

Sabrina Jasmin Mayer

Erschienen am:

29. Oktober 2018

Digirama

Paul Schmidt / Johanna Edthofer
Wählen ab 16 in Österreich – ein Erfolgsmodell für ganz Europa?
Österreichische Gesellschaft für Europapolitik, Wien, ÖGfE Policy Brief 06/2018

Armin Schäfer / Thorsten Faas/ Arndt Leininger/ Sigrid Roßteutscher
Zu jung zum Wählen?
Gastbeitrag, FAZ, 8. September 2017

Deutsches Kinderhilfswerk e. V. (Hrsg.)
Absenkung des Wahlalters. Eine Auseinandersetzung mit Argumenten gegen eine Absenkung der Altersgrenzen bei politischen Wahlen
Berlin, August 2016

Robert Vehrkamp / Niklas Im Winkel/ Laura Konzelmann
Wählen ab 16. Ein Beitrag zur nachhaltigen Steigerung der Wahlbeteiligung
Hrsg. von der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2015

Sylvia Kritzinger / Eva Zeglovits / Patricia Oberluggauer
Wählen mit 16 bei der Nationalratswahl 2013
Projektbericht, Wien 2013


Aus der Annotierten Bibliografie

Jörg Tremmel / Markus Rutsche (Hrsg.)

Politische Beteiligung junger Menschen. Grundlagen – Perspektiven – Fallstudien

Wiesbaden: Springer VS 2016; 498 S.; softc., 44,99 €; ISBN 978-3-658-10185-5
Demokratie setzt Beteiligung voraus. Spätestens seit Ende der 1960er‑Jahre wird die Mitwirkung im demokratischen Willensbildungsprozess sehr viel umfassender verstanden als die bloße Teilnahme an Wahlen. Die Vielfalt an Beteiligungsverfahren geht mit einer dreigeteilten Begleitforschung einher. So beschäftigen sich erstens zahlreiche empirische Ausarbeitungen mit Trends und Entwicklungslinien hinsichtlich der Beteiligungswünsche. Zweitens formulieren normativ geprägte Ansätze, welche ...weiterlesen


Klaus Hurrelmann / Tanjev Schultz (Hrsg.)

Wahlrecht für Kinder? Politische Bildung und die Mobilisierung der Jugend

Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2014 (Pädagogische Streitschriften); 264 S.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-7799-2754-9
Die Förderung der Partizipation von Kindern und Jugendlichen wird allgemein als wichtig erachtet, die Frage nach einem Wahlrecht für Kinder hingegen ist höchst strittig. Die Auseinandersetzung darüber, wann ein Mensch reif genug ist, um wählen zu dürfen, berührt zugleich die grundsätzliche Frage, „welche Bürgerrechte Kinder in modernen Gesellschaften haben“ (5), schreiben die Herausgeber. Mit diesem Band strukturieren sie die Debatte, indem sie im ersten Teil Positionen für und im zweiten...weiterlesen



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