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Rezension

Islam in der Krise
Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Der Islam ist ein vieldiskutiertes Thema – und dabei ist schon der Artikel am Anfang dieses Satzes falsch gewählt. Die Vorstellung eines monolithischen Islam ist ebenso falsch wie die eines einheitlichen Christentums. Und während global ein Erstarken von Religionen beobachtet werden kann, scheint dies in den islamischen Ländern besonders machtvoll zu geschehen. Islamistische Parteien und Vorstellungen sind überall auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund scheint die These des Religionswissenschaftlers Michael Blume, der Islam befinde sich in einer schweren Krise, zunächst merkwürdig.

Blumes Hauptthese zufolge ist eine Fehlentscheidung im Jahr 1482 verantwortlich für den Niedergang der islamischen Hochkultur, dessen Folgen bis in die heutige Zeit hineinwirken. Damals entschied der osmanische Sultan Bayezid II., dass die arabischen Schriftzeichen nicht mit beweglichen Lettern gedruckt werden sollten. Die Angst, die heilige Sprache des Koran durch unkontrollierbaren Buchdruck zu verwässern, führte in der Folge jedoch dazu, dass die gesamte islamische Welt von der Wissensproduktion abgeschnitten wurde.

Zunächst schienen die Ereignisse Bayezid II. aus religiöser Perspektive jedoch Recht zu geben, konnte doch Luthers Reformation dank des neuen Buchdrucks rasch Anhänger gewinnen. Jahrhunderte von Revolutionen, Aufständen und Kriegen mit Millionen von Toten waren die Folge – ebenso wie die Aufklärung und die naturwissenschaftliche Revolution. Die islamische Welt blieb von diesen Krisen verschont und damit ruhig. Gleichzeitig aber verlor sie den Anschluss an den wissenschaftlichen Fortschritt und die eigene Wissensproduktion nahm nicht in dem Maße an Fahrt auf, wie dies in Europa geschah. Im 19. Jahrhundert kam dann der Moment des schrecklichen Erwachens: An allen Grenzen waren die europäischen Mächte auf dem Vormarsch. Die jahrhundertealten islamischen Imperien hatten den Europäern weder am Bosporus noch in Ägypten oder in Indien etwas entgegenzusetzen.

Auf der Suche nach Antworten verfiel die islamische Welt dann auf Verschwörungstheorien. Diese nutzten indes keine islamischen Motive (beispielsweise Dschinnen), sondern rekurrierten auf gängige westliche Themen, Stichworte sind „Die Protokolle der Weisen von Zion“, Freimaurer, Illuminaten usw.

Der Ölboom brachte neue Probleme. Aufgrund der Milliardeneinnahmen durch den Verkauf des Rohstoffs waren die Herrscher in den meisten islamischen Ländern nie gezwungen, funktionierende Wirtschaftssysteme zu entwickeln, sondern erkauften sich den sozialen Frieden und die Absicherung ihrer Herrschaft über eine wohlfahrtsstaatliche Verteilung der Einnahmen. Bildung und Wissenschaft wurden entsprechend ebenso wenig gefördert wie ein Unternehmergeist. So wurden demokratische Entwicklungen, auch durch starke Bündnis- und Wirtschaftspartner im Westen, unterdrückt und die Entwicklung einer bürgerlichen Mittelschicht ausgebremst.

Blume zufolge sehen sehr viele Muslime diese Krisen und reagieren entweder mit Aggression oder innerem Rückzug. In diesem Kontext verweist er auf einen wichtigen Punkt zum Verständnis auch der deutschen Statistiken: Während amtlich als Christen nur diejenigen gezählt werden, die einer organisierten christlichen Religionsgemeinschaft angehören, wird bei Muslimen gezählt, wer aus einem islamischen Land kommt beziehungsweise muslimische Eltern hat. Dagegen hält Blume, dass es einen schnell wachsenden Anteil von Menschen mit Glaubenszweifeln gebe, der mit der Religion wenig oder gar nichts mehr zu tun habe und sich von den Moscheeverbänden nicht vertreten fühle. Da Apostasie im Islam aber zu den sogenannten Grenzstrafen (die einzigen fünf Delikte, die im Koran genannt sind und deren Strafmaß festgelegt ist: Diebstahl, Raub, Alkoholkonsum, Unzucht und Verleumdung) gezählt wird, heißt Säkularisierung im Islam immer „stiller Rückzug“. Im Gegensatz dazu seien diejenigen, die mit Gewalt und Terror auf die Krise reagierten, in der Minderheit, fielen aber entsprechend mehr auf und formten das Bild des heutigen Islam.

Den Weg aus der Krise sieht Blume in einem selbstkritischen Blick auf die eigene Geschichte, den Muslime wagen und aushalten müssten. Der Dreißigjährige Krieg habe auch in Europa dazu geführt, dass Religion zunächst ein bestimmendes Element der Politik blieb und dann, nach Millionen von Toten, in den privaten Bereich verbannt worden sei. Möglicherweise sehen wir diese Entwicklung gegenwärtig auch im Islam.

Die Auffassung, dass der Islam – oder besser: die meisten Facetten der islamischen Religion – sich in einer Krise befinde, ist nicht neu und auch der Umstand, dass viele Muslime sich innerlich von „ihrer“ Religion abwenden, wurde bereits von mehreren Autoren vertreten. Blumes Verdienst ist ein allgemein verständlicher Schreibstil und die Untermauerung seiner Thesen durch Statistiken und überprüfbare Fakten. Damit bietet er einen Ansatz für einen kritischen Dialog, dem sich auch gläubige Muslime werden stellen müssen.

 

Verfasst von:

Michael Rohschürmann

Erschienen am:

23. November 2017

Michael Blume

Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug

Ostfildern, Patmos 2017

Literaturhinweis

Constantin Schreiber
Inside Islam. Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird
Berlin, Ullstein Verlag 2017

Muhammad Sameer Murtaza
Die gescheiterte Reformation. Salafistisches Denken und die Erneuerung des Islam
Freiburg, Herder Verlag 2016


Rezension

Das Kalifat Kennedy klein

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