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Rezension

Radikalisierung und Terrorismus im 21. Jahrhundert
Auswirkungen auf die Sicherheit in Europa

In welchen Ausprägungen zeigen sich Radikalisierung und Terrorismus in der Europäischen Union? Wie wirken sich diese auf sie aus? Dieser von Anna Sroka, Fanny Castro-Rial Garrone und Rubén Darío Torres Kumbrian publizierte Sammelband ist diesem Komplex gewidmet, allerdings ist sein Titel etwas irreführend, da das Phänomen nicht in seiner ganzen globalen Dimension beleuchtet wird. Die beiden Themenfelder werden indes aus einer multidisziplinären Perspektive betrachtet, die juristische, politische, psychologische, ökonomische und soziale Aspekte mit einschließt. Neben theoretischen Überlegungen finden sich auch praktische Fallbeispiele zu EU-weiter oder staatlicher Policy-Bildung.

Zunächst befasst sich Stanislaw Sulowski mit der Frage nach den Grundlagen von Radikalisierungen. Bei einer umfassenden Analyse steht sich der Autor allerdings selbst im Weg, wenn er schon zu Beginn von einem „Real Islam“ theoretisiert und radikale Lesarten als „abuse of religion“ (12) betrachtet. Aufgabe des Staates sei in erster Linie der Schutz der Freiheitsrechte – wobei er keine genauen Hinweise gibt, wie das Spannungsfeld zwischen der Schutzfunktion und eben diesen Freiheitsrechten aufgelöst werden könnte.

Fanny Castro-Rial Garrone plädiert für eine Harmonisierung nationaler Gesetze. In die Antiterrorismusgesetzgebung sollten bereits Rekrutierung, Training und Propaganda miteinbezogen und die ganze Bandbreite der EU-Wirkmittel (Strafverfolgung, Prävention und Nutzung der diplomatischen Kanäle in Drittstaaten) berücksichtigt werden. Es sei angeraten, dass sich die EU zudem mit den Schlüsselakteuren in ihren Nachbarländern auf ein gemeinsames Vorgehen zur Prävention von Radikalisierung und der Bekämpfung von Terrorismus einige.

In seiner theoretischen Abhandlung propagiert Sebastian Wojciechowski das Modell eines hybriden Konzeptes der Terrorbeweggründe. Eine wichtige, leider selten deutlich formulierte Feststellung lautet, dass es – aufgrund der Komplexität der vielen individuellen Motive – unmöglich ist, Gründe für Radikalisierung und Terrorismus final zu beseitigen. Seiner Ansicht nach sollte es daher das Ziel sein, diese weitestgehend einzugrenzen und dabei den Hauptfokus auf die Austrocknung der Finanzströme zu legen.

Auch Pablo De Diego Angeles und Rubén Darío Torres Kumbrian betrachten die ökonomische Dimension des Terrorismus. In 2014 beliefen sich die Kosten der Schäden, die direkt durch den Terrorismus verursacht worden sind, nach Aussage der Autoren auf 52,9000 Milliarden US-Dollar, was gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von 61 Prozent darstelle. Insgesamt hätten sich die Schäden seit dem Jahr 2000 verzehnfacht. Erfreulich ist, dass die Autoren diese Zahlen in Relation setzen: Bereits 1998 verursachten Mord und Raub über 1,7 Billionen US-Dollar Schaden – Terrorismus ist also auch hier nicht die größte globale Bedrohung.

Jesús Perez Viejo und Ángeles Martinez Boye untersuchen die psycho-sozialen Faktoren im Radikalisierungsprozess, die immer mehr in den Mittelpunkt gerückt sind: War die Bekämpfung von Terrorismus früher in erster Linie ein reaktiver Prozess, sind die meisten Länder inzwischen zu präventiven Maßnahmen übergegangen. Dabei sehen die Autoren mögliche Ansatzpunkte für Interventionen auf drei Ebenen: Erziehung, Integration und Einbeziehung religiöser Autoritäten. Vor allem die Sozialwissenschaften seien hier gefordert, mehr Forschungen zu betreiben.

Ausgehend von der Staatstheorie Jelineks fragt Anna Potyrala nach der Staatlichkeit des sogenannten Islamischen Staates. Diese sei aufgrund der illegalen Aktivitäten der Gruppe, der fehlenden Anerkennung durch andere Staaten und einer nicht vollständigen Unabhängigkeit zu verneinen.

Hallar Abderrahhaman Mohamed stellt die Stellung der Frau im sogenannten Islamischen Staat in den Mittelpunkt seiner Analyse und zeigt, dass – trotz verstärkter Anwerbebemühungen – die Frau auch im IS-Kalifat auf die klassische Hausfrauenrolle reduziert ist. Festzustellen sei zudem, dass es keinen bestimmten Typus gebe, der sich dem IS anschließe. Hinsichtlich der Frage, wie der Radikalisierung von Frauen entgegengewirkt werden könne, bedürfe es daher noch vieler Forschungen.

Auf dem nationalen Level vergleichen Anna Sroka und Katarzyna Trofimowicz sowie José Mariá Blanco Navarro die Sicherheitsstrategien von Polen und Spanien. Trotz der öffentlichen Wahrnehmung, dass Terrorismus eine immer größere individuelle Gefahr darstelle, seien in Spanien keine öffentlichen Veranstaltungen abgesagt worden. Die Sicherheitsbehörden gingen professionell, aber unaufgeregt mit dem Thema um, so die Einschätzung. Für Polen, das weitgehend von terroristischen Attacken verschont geblieben sei, stelle der Terrorismus in erster Linie eine Gefahr für polnische Touristen und ExPats dar. Eine öffentliche Wahrnehmung als dringenderes Problem habe indes bisher keinen Niederschlag in entsprechenden strategischen Dokumenten gefunden.

Damian Schlachter und Piotr Poteijko untersuchen den Extremismus unter Muslimen in Polen und konstatieren, dass vor allem junge Muslime häufig mit der sie umgebenden Kultur Probleme hätten und sich fremd fühlten. Mithin seien sie die Hauptrisikogruppe. Hinzu kämen noch muslimische Gaststudenten aus dem Ausland. Insgesamt seien die Tendenzen zu politscher Gewalt allerdings gering.

Claribel de Castro Sanchez betont, dass ein neues Verständnis entstehen müsse, das innere und äußere Sicherheit miteinander verbinde. Gerade in der Frage der Terrorbekämpfung sei Multilateralismus von zentraler Bedeutung. Für die EU bedeute dies, dass die „Idee von Europa“ nicht für mehr Sicherheit geopfert werden dürfe. Die Sicherheit Europas beruhe auch auf der Sicherheit der Anderen: „What about linking development/human rights/security?“ (245)

Teresa Marcos Martin betrachtet die Rechtsmittel im Kampf gegen den Terror und betont wie einige Autoren zuvor die Notwendigkeit einer Harmonisierung der entsprechenden Gesetzgebung. Ebenso argumentieren auch Juan Manuel Goig Martinez und María Acracia Nunez Martinez. Die EU müsse neue Strategien für eine gemeinsame Politik für Afrika, Asien und Arabien entwickeln und die militärischen und polizeilichen Kooperationen innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft ausbauen.

Daniel Przastek und Elzbieta Borowska betrachten abschließen die Auswirkung von Terrorismus auf die mediale Szene sowie die zeitgenössische Film- und Theaterproduktion. Dabei stehe in den meisten Produktionen das Individuum und dessen Reaktion auf die „21st century plage – a terrorist attack“ (313) im Mittelpunkt.

Der Sammelband ist als Einstiegslektüre zu den europäischen Politiken und zur Diskussion im Themenfeld Terrorismus und Radikalisierung zu empfehlen.

 

Verfasst von:

Michael Rohschürmann

Erschienen am:

7. August 2017

Anna Sroka / Fanny Castro-Rial Garrone / Rubén Darío Torres Kumbrián (Hrsg.)

Radicalism and Terrorism in the 21st Century. Implications for Security

Frankfurt am Main u. a., Peter Lang Verlag 2017


Aus den Denkfabriken

Marc Pierini
The EU and the Mediterranean Area: Dealing With Conflicts, Tensions, and Resets
Carnegie Europe, 19. Juli 2017
http://carnegieeurope.eu/2017/07/19/eu-and-mediterranean-area-dealing-with-conflicts-tensions-and-resets-pub-71592

Der Autor skizziert die politischen Herausforderungen, die sich aus der Mittelmeer-Region an die Europäische Union stellen. Dabei hebt er insbesondere die akuten Konflikte in Syrien und Libyen hervor, an denen jeweils maßgeblich der IS beteiligt ist. Die EU sollte geschlossen auftreten, um ihren Einfluss zugunsten einer Befriedung der Konflikte geltend machen zu können, schreibt Pierini auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingsbewegungen aus diesen beiden Regionen.



zum Thema

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