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Rezension

dekoder
Russland entschlüsseln 1


Ein halbes Jahrzehnt „Russland entschlüsseln“

Es war sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet im Herbst 2015 das Online-Projekt „dekoder“ an den Start ging. Das Jahr 2014 hatte mit der Annexion der Krim durch Russland und dem anschließenden Konfliktgeschehen in der Ukraine eine heftige Negativreaktion insbesondere der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten hervorgerufen. Die USA sowie die EU beschlossen jeweils weitreichende politische und wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland; die diplomatische Stimmung war auf einem neuen Tiefpunkt. Wechselseitige Beschuldigungen oder gar Dämonisierungen waren keine Seltenheit.

In Deutschland führte dies zu einem (bis heute spürbaren) äußerst polarisierten Russland-Diskurs, der mitunter nur wenig mit der gesellschaftlichen Realität in dem eurasischen Land zu tun hat. Das Projekt dekoder.org (Eigenschreibweise: „дekoder“) machte sich darum vor nunmehr gut fünf Jahren mit dem Motto und Anspruch „Russland entschlüsseln“ daran, das Land dem deutschen Publikum auf eine neue Weise zugänglich zu machen. „Journalismus aus Russland in deutscher Übersetzung“, so die Selbstbeschreibung von dekoder – vielfältige Texte werden aus dem Russischen ins Deutsche übertragen und eingeordnet. Dazu wird jedem übersetzten Artikel ein kurzer Einleitungstext vorangestellt, der den Kontext erläutert; auch die herangezogenen Medien und Autor*innen werden eingeordnet und vorgestellt. Für diesen Ansatz wurde das Projekt 2016 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

 

Eine neue Form journalistischer Aufbereitung

Die übersetzten Beiträge stammen dabei aus liberalen und staatsfernen russischen (beziehungsweise russischsprachigen) Medien, oft Neugründungen für unabhängigen Journalismus, die – wie dekoder selbst – vor allem im Web aktiv sind. Darunter finden sich unter anderem das spendenfinanzierte Onlinemagazin Takije Dela, das in Riga beheimatete Nachrichten-Portal Meduza sowie das zur Medienholding von Natalia Sindeeva und Alexander Vinokurov gehörende Nachrichtenmagazin Republic (ehemals Slon), aber auch fest etablierte Zeitungen wie die Nowaja Gaseta aus Moskau.

dekoder erschließt seinem Publikum so einen neuen Informationsfundus: die russlandinternen medialen Debatten – und damit einen entscheidenden Teil des zivilgesellschaftlichen Diskurses in dem riesigen, für viele Europäer unbekannten Land. Denn journalistische Stimmen aus Russland sind in der Regel in Deutschlands Medien kaum präsent.

Die Redaktion um die Chefredakteurin und studierte Slawistin Tamina Kutscher arbeitet dabei mit einem transnationalen Freelancer-Netzwerk aus Übersetzerinnen und Übersetzern, Medienexpert*innen und Wissenschaftler*innen. Hintergrundinformationen werden in sogenannten Gnosen (von griechisch gnosis: Wissen, Erkenntnis) von Wissenschaftler*innen in Form handbuchartiger Texte – von A wie Anna Achmatowa bis Z wie Zentrale Wahlkommission – bereitgestellt und innerhalb der übersetzten Artikel an passenden Stellen verlinkt.

Getragen wird das gemeinnützige Projekt von der dekoder-gGmbH mit Sitz in Hamburg. Das Portal ist nach eigenen Angaben unabhängig von staatlicher Finanzierung und nimmt keine Förderung von Parteistiftungen an; Zuschüsse kommen aus Spenden sowie unter anderem von der Volkswagen-, der ZEIT-, der Alfreid-Töpfer- sowie der Konvert-Stiftung des dekoder-Gründers Martin Krohs. Der Philosoph und Publizist Krohs lebte viele Jahre in Russland, als Journalist schrieb er unter anderem für die NZZ.

 

Aus dem Internet ins Bücherregal: „dekoder #1“

Eine Auswahl aus den ersten Jahren von dekoder ist als Jahrbuch mit dem Titel dekoder #1 beim Verlag Matthes & Seitz (Berlin) erschienen. Innerhalb von acht Wochen war die erste Druckauflage vergriffen. Auf mehr als 300 Seiten versammelt der Band ein erstes gedrucktes „Best-of“ der auf dekoder.org veröffentlichten Texte bis ins Jahr 2019.

Es sind Texte zu Russland, wie man sie vielleicht mit einiger Mühe auch in deutschsprachigen Medien finden könnte – vielleicht aber auch nicht: Reportagen, Interviews, Analysen und die bereits erwähnten Gnosen. Die Autor*innen und das jeweilige Original-Medium werden im Buch wie auch bei der Onlinevariante transparent gemacht. Auch die Übersetzenden werden namentlich genannt, was für ein Projekt wie dekoder selbstverständlich erscheinen mag, bei anderen Medien aber keineswegs immer der Fall ist. Das Jahrbuch stellt verschiedene Textsorten und Sichtweisen nebeneinander und verknüpft sie; durch umfangreiche Fußnoten wird erläutert, was man im Web mit Verlinkungen lösen würde.

Zu Wort kommen Stimmen, die im innerrussischen Diskurs als durchaus gewichtig gelten dürfen, wie der Moskauer Politikprofessor Sergej Medwedew oder der Kulturhistoriker und Intellektuelle Gasan Gusejnov. Die „Halbwertzeit“ einiger Texte, vor allem bei politischen Themen, ist natürlich begrenzt, da sich neue Entwicklungen ergeben; die zugrundeliegenden Themen aber bleiben relevant. Beispielhaft steht dafür ein Artikel zu den Protesten in Moskau im Sommer 2019, nachdem Kandidaten der Oppositionsparteien nicht zu den Regionalwahlen im September zugelassen worden waren und es zu Hausdurchsuchungen gekommen war. Ein Politikredakteur der Nowaja Gaseta stellt sich die Frage, inwieweit hier bereits ein Vorgeschmack auf die Präsidentschaftswahl 2024 zu erleben war.

Andere, zeitlose Themen wie etwa die Gnose von Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands in St. Gallen, zu „Russland und Europa“, bindet an viele Fragen von Putins Russland heute und seinem Verhältnis zu den westlichen Nachbarn an. Diese Texte sind auch lesenswert für jeden, der sich wenig für Russland, wohl aber für Europa oder für internationale Politik im Allgemeinen interessiert.

So kann man beim Lesen Neues lernen, vielleicht vehement mit dem Kopf schütteln, auch eigene Sichtweisen hinterfragen. Ein hervorstechendes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Text von Wladislaw Surkow, im Original im Sommer 2015 in der Zeitschrift Russia in Global Affairs erschienen. Surkow, der häufig als Kreml-Strippenzieher oder ‚Chef-Ideologe‘ Putins bezeichnet wird, blickt darin auf das Jahr 2014 als eines mit „Großtaten von hoher und höchster Bedeutung“ (104) und als Beginn einer neuen Ära, in der Russland „100 (200? 300?) Jahre geopolitischer Einsamkeit bevorstehen“ (105). Das Land habe „beschlossen, mit dem Sich-Herabsetzen und Sich-Erniedrigen aufzuhören und darüber hinaus Rechte anzumelden. Die Geschehnisse des Jahres 2014“ – welche das sind, sagt er nicht – „wurden unausweichlich“ (107). Texte in dieser weltanschaulichen Deutlichkeit, noch dazu von einem Vertrauten Putins, liest man in deutschsprachigen Medien selten.

 

Weg von der Fixierung auf Putin

Doch ‚Russland entschlüsseln‘ erschöpft sich natürlich nicht in der politischen Führung – Russland ist nicht nur mehr als Putin, es ist auch mehr als Politik. Das machen die Beiträge auf dekoder.org immer wieder deutlich und es manifestiert sich auch in zahlreichen Beiträgen des Jahrbuchs: Reportagen über vergessene Orte, ein Interview mit einem russischen Rapper oder kulturgeschichtlich angelegte Betrachtungen zur Geburtsstunde der sogenannten ‚Platte‘ oder der ‚Garagenwirtschaft‘ der Garashniki, einer speziellen Form der staatsfernen, aber durchaus von strengen Regeln geprägten Ökonomie.

All diese Texte sind für sich genommen schon lesenswert; in dem klug kuratierten Jahrbuch ergänzen sie sich allerdings auch. Leider ist im Buch nicht zu erkennen, ob es sich immer um einen vollständigen Abdruck des Original-Beitrages oder einen Auszug handelt. Auch hätte man sich einige der Gnosen, auf die in den Fußnoten verwiesen wird, gedruckt im Buch gewünscht. Solche ‚Leerstellen‘ sind aber für interessierte Leserinnen und Leser sicherlich nicht der einzige Grund, dekoder online zu besuchen. Dort werden auch immer wieder tagesaktuell mediale Debatten – beispielsweise als Presseschauen – aufbereitet; zuletzt standen dabei die Vergiftung Alexej Nawalnys und die Lage der Opposition in Belarus im Fokus.

 

Fazit: Ein Weg abseits der einfachen Antworten

„Erst ein Entschlüsselungsapparat macht die Stimmen aus Russland wirklich verständlich“, schreibt dekoder-Gründer Martin Krohs in seinem Geleitwort zu Beginn des Jahrbuchs – „solch ein Apparat ist dekoder“ (7). „Russland entschlüsseln“ – das klingt freilich viel komplexer als bloß „verstehen“, wird aber auch der Vielschichtigkeit des Unterfangens besser gerecht. Entschlüsseln, das heiße für dekoder vor allem, „weg von den Mythen und Stereotypen, weg von Projektionen und Wunsch- oder Hassvorstellungen“ (10), formuliert Chefredakteurin Tamina Kutscher im Vorwort des Bandes. In dieser Hinsicht steht dieses erste Jahrbuch stellvertretend für die Herangehensweise von dekoder, die man auch anderen Medienschaffenden ans Herz legen möchte. Es geht nicht darum, die einfachen Antworten zu geben.

 

Verfasst von:

Frank Kaltofen

Erschienen am:

23. Oktober 2020

Tamina Kutscher / Friederike Meltendorf (Hrsg.)

dekoder. Russland entschlüsseln 1

Berlin, Matthes & Seitz 2019

Rezension

Martin Aust

Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991

München, C. H. Beck 2019

Martin Aust erklärt die politischen Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre Russlands vor dem Hintergrund seiner imperialen Tradition. Für ihn befindet es sich seit 1991 „in einer postimperialen Konstellation“. Dabei knüpft Aust an die jüngere historische Imperienforschung an, die sich unter anderem mit dem Übergang von imperialen zu postimperialen Ordnungen befasst. Auch die Rolle Michail Gorbatschow wird beleuchtet, dem es nicht gelungen sei, die Herausforderung der von ihm bemühten Gleichzeitigkeit von politischer und wirtschaftlicher Reform zu bewältigen.
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SPIEGEL-Thema Russland

Fabian Burkhardt
Russland als Doppelstaat – Wladimir Putin hält die Zügel der Macht eisern in Händen, und dennoch gibt es keinen Putinismus
Neue Zürcher Zeitung, 17. März 2020

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The World Through Moscow’s Eyes: A Classic Russian Perspective
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Andrei Kolesnikov
Russia’s Permanent Revolution of Dignity
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