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Redaktionelle Einführung

„Ukraine matters“, so lautet die zentrale Botschaft von Mychailo Wynnyckyis Monografie „Ukraine´s Maidan, Russia´s War“. Hierin beschreibt der Autor aus der Perspektive des ‚teilnehmenden Beobachters‘ die Proteste, die 2013/14 den damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch aus dem Amt vertrieben. Wilhelm Johann Siemers‘ Rezension des Buches stellt die enorme Bedeutung, die Wynnyckyi dem Aufstand beimisst, heraus: Er erscheint als Zeichen eines profunden Wandels in der politischen Kultur des Landes, der von Russland bekämpft werde und gleichzeitig den Westen nicht kalt lassen dürfe. (lz)


Rezension

Der Maidan der Ukraine. Russlands Krieg
Chronik und Analyse der Revolution der Würde

Eine Rezension von Wilhelm Johann Siemers

Seit 1991 hat die unabhängige, postsowjetische Ukraine enorme politische Umbrüche und Krisen erlebt: Nach der Orangenen Revolution 2004 folgte 2013/14 die Revolution der Würde, „Revolution of Dignity“ (6), in deren Verlauf die zur Ukraine gehörende Halbinsel Krim von Russland völkerrechtswidrig annektiert wurde. Russland verwickelte die Ukraine – unter Missachtung ihrer staatlichen Souveränität, des Gewaltverbots und der Unverletzlichkeit der Grenzen – in einen Krieg im Ostteil des Landes, in dem bereits mehr als 13.000 Todesopfer zu beklagen sind. Keine gute Zeit für die souveräne Ukraine, die sich vom sowjetischen Erbe und dem Einfluss Russlands befreien möchte. Die ersten dreißig Jahre der ukrainischen Unabhängigkeit standen im Spannungsfeld zwischen den geopolitischen Interessen Russlands und des Westens sowie der politischen Selbstbestimmung des Landes.

Revolution der Würde

In seinem 2019 erschienenen Buch konzentriert sich der Sozialwissenschaftler Mychailo Wynnyckyi auf das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine, oder wie er es ausdrückt: „This book is about the indestructible Ukrainian nation.“ (5) Er beschreibt chronologisch die Revolution der Würde und analysiert deren Ursachen. Mit der Revolution der Würde sind die Ereignisse zwischen dem 21. November 2013 und dem 23. Februar 2014 gemeint, als es vornehmlich in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Proteste gegen die Regierung des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch gab. Auslöser der Proteste waren die Nichtunterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union (EU) seitens der Janukowitsch-Regierung und die Polizeigewalt bei der Auflösung der Proteste in Kiew am 30. November 2013. Damals wurden die Proteste weltweit unter dem Schlagwort „Euromaidan“ (9) bekannt. Rückblickend wird diese Zeit von den Ukrainern als „Revolution der Würde“ bezeichnet. In deren Verlauf kamen in Kiew über 100 Menschen ums Leben. Die Auswirkungen der Staatskrise waren die Flucht und Absetzung von Ex-Präsident Janukowitsch, ein Regierungswechsel mit der Wahl des ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko sowie die bereits erwähnte Annexion der Krim durch Russland und der Krieg in der Ostukraine. Kurzum, die Ukraine erlebte eine gravierende innen- und außenpolitische Destabilisierung in einer sehr kurzen Zeit, in der das Land sieben Prozent seines Territoriums an Russland verlor.

Eine der großen Revolutionen

Für Wynnyckyi ist die ukrainische Revolution der Würde ein politisches Fanal des 21. Jahrhunderts. Sein Diktum lautet: „I argue, Ukraine’s Revolution of Dignity (including both the protest phase and the ensuring war) are to be treated on par with those of 1776-89 in the United States, 1789-1814 in France, and 1917-33 in Russia.“ (21) Ein solch weitreichender Vergleich – bei aller wissenschaftlichen Skepsis – mag auch in der Lebens- und Forschungssituation des Autors begründet liegen. Als gebürtiger Kanadier mit ukrainischen Wurzeln machte er Kiew zu seinem Zuhause. Er erlebte die Orangene Revolution und die Revolution der Würde als teilnehmender Beobachter hautnah mit. Deshalb schreibt Wynnyckyi am Ende seines Buches selbstkritisch: „I have told the story as I saw it from inside. I do not claim academic distance.“ (369) Trotz der persönlichen Nähe zu den Ereignissen arbeitet der Autor wesentliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungen in der Ukraine heraus, die die Revolution der Würde erst möglich machten. „This book is primarily about the domestic transformation of Ukrainian society through what has come to be known as the Revolution of Dignity.” (13)

„We‘re building a new country“

In den Tagen der Kiewer Proteste im Herbst/Winter 2013/14 war am Eingang zum Protestcamp auf dem Unabhängigkeitsplatz in Zentrum der Stadt ein Plakat mit dieser Aufschrift zu lesen: „Please excuse the inconvenience: we´re building a new country.“ (324) Der Slogan passte zur Stimmung in der Ukraine. Die Proteste waren ein Aufbegehren gegen die immer noch von Oligarch*innen beherrschte postsowjetische Regierung und den Einfluss Russlands in der ukrainischen Politik. Die Akteur*innen der Revolution forderten liberale Reformen: „minimization of the state, replacement of the previous system of clan decision-making with meritocracy, fundamental changes to the country‘s judicial, police, education, health care and tax system.“ (29) Es ging also darum, das staatszentristische, sowjetische Erbe, welches besonders unter Ex-Präsident Janukowitsch wiederbelebt wurde, durch eine liberale Demokratie und eine funktionierende Marktwirtschaft zu ersetzen.

Kein ‚gescheiterter Staat‘

Wynnyckyi weist auch auf die weitverbreitete Ansicht zurück, dass die Ukraine nur ein Schlachtfeld externer Akteure sei, mit Russland auf der einen und den USA sowie Europa auf der anderen Seite. Diese Betrachtungsweise würde die Ukraine auf die Stufe eines ‚gescheiterten Staates‘ („failed state“) (221) stellen. Der Gegenbeweis sei die Revolution der Würde, die als Deklaration der Souveränität und als Hervorbringung einer neuen politischen Ordnung betrachtet werden sollte. Zwei Attribute der Revolution hebt der Autor besonders hervor: „This grassroots mobilization (leaderless agency) and idealistic solidarity (collective action without material gain) were among the most striking achievements of Ukraine’s Revolution of Dignity“ (232).

Neue gesellschaftliche Werte

Für Wynnyckyi hat die Revolution der Würde die Werte und Normen der sozialen Beziehungen grundlegend verändert. Folgende Verschiebung stellt er fest: „from hierarchy to heterarchy; from large business to small; from industrial production to post-industrial services; from state-capture and asset-stripping to rules-based institution-building“ (284). Das hänge auch mit dem Entstehen einer (neuen) bürgerlichen Mittelschicht zusammen, die aus neuen Unternehmer*innen, IT-Spezialist*innen und Kreativen bestehe. Die Auswirkungen der Revolution fasst der Autor so zusammen: Erstens habe eine nationale Befreiung, eine Dekolonisation vom sowjetischen Erbe stattgefunden, die zwar bereits 1991 begonnen habe, aber nie abgeschlossen worden sei. In diesem Zusammenhang wendet sich der Autor gegen den Mythos der „brotherly Slavic peoples“ (238), wie ihn jüngst der russische Präsident Wladimir Putin wieder reklamiert hat, und pocht auf das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine. Zweitens habe es eine Entmonopolisierung der Wirtschaft gegeben, oder wie es der Autor ausdrückt, eine „de-feudalization“ (238). Es war eine Revolte gegen die reichen Oligarchen, die große Teile der ukrainischen Wirtschaft beherrschten. Praktisch alle Oligarch*innen hätten einen signifikanten Verlust an Vermögen und ökonomischem Einfluss nach der Flucht von Ex-Präsident Janukowitsch hinnehmen müssen, so Wynnyckyi. Drittens hätte die Deklaration der ‚Würde‘ neue Werte und Normen in die Politik gebracht. Den Akteur*innen der Revolution gehe es um Fairness, die sich in der Unantastbarkeit der menschlichen Würde und Gleichheit manifestiere. Dies werde mit dem ukrainischen Begriff „hidnist“ (315) ausgedrückt, der den Akteur*innen der Revolution sehr wichtig sei. Mit diesem neuen Ethos der Fairness wurden wesentliche Reformen umgesetzt.

Reformen seit der Revolution

In der Bewertung dieser Reformen konstatiert der Autor: „Objectively, more was done to transform Ukraine during the four years that followed Yanukovych’s ouster, than had been accomplished during the previous 23 years of independence.“ (357) Zum Beispiel habe es eine Verjüngung der Armee mit 250.000 aktiven Soldaten gegeben. Angesichts der russischen Feindseligkeiten sei diese Wehrhaftigkeit von großer Bedeutung. Auch habe eine Polizeireform die Korruption bei Verkehrskontrollen deutlich verringert. Außerdem gebe es jetzt bei staatlichen Anschaffungen ein öffentliches Ausschreibungsverfahren, das Vetternwirtschaft verhindere. Zudem sei die Energieabhängigkeit von Russland reduziert und auch das Bankenwesen reformiert worden, um kleine und mittlere Unternehmen besser mit Krediten zu versorgen. Generell habe eine strukturelle Umorientierung der Wirtschaft stattgefunden – weg von den energieintensiven Exportgütern hin zu Dienstleistungen. Somit sei die Ukraine in der Einschätzung des Autors auf einem guten Weg, gäbe es nicht den feindlichen Nachbarn Russland, der das Existenzrecht einer souveränen Ukraine missachte. „[T]he Kremlin demonstrated that it did not recognize the right of Ukraine to exist as a sovereign state“ (348). Mit dieser ständigen Bedrohung hat auch der seit dem 20. Mai 2019 regierende, neue ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu kämpfen. Deshalb wird Wynnyckyi in seinem Buch nicht müde zu betonen: „Ukraine matters“ (348) und entsprechend ruft der Autor den Westen zur Unterstützung seines Landes auf.

Verfasst von:

Wilhelm Johann Siemers

Erschienen am:

2. September 2021

Mychailo Wynnyckyj

Ukraine's Maidan, Russia's War. A Chronicle and Analysis of the Revolution of Dignity

Stuttgart, Ibidem Press 2019

Rezension

Heinz-Gerhard Justenhoven (Hrsg.)

Kampf um die Ukraine. Ringen um Selbstbestimmung und geopolitische Interessen

Baden-Baden, Nomos Verlag 2018 (Studien zur Friedensethik 61)

Nach Meinung des Rezensenten Johann Siemers werden in diesem Sammelband die drei Dimensionen der Ukrainekrise sehr gut zusammengefasst: Bei den Protesten auf dem Maidan 2013/14, dem Krieg in der Ostukraine und der russischen Annexion der Halbinsel Krim gehe es um die geopolitischen Interessen Russlands und des Westens, die politische Selbstbestimmung der Ukraine und um die Zukunft der europäischen Sicherheitsordnung. Momentan deute vieles darauf hin, dass der Konflikt in der Ukraine dauerhaft ungelöst bleibt.


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Aus der Annotierten Bibliografie

 

Jerzy Maćków

Die Ukraine-Krise ist eine Krise Europas

Berlin: edition.fotoTAPETA 2016 (Flugschrift); 119 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-940524-49-2
Die Ukraine‑Russland‑Krise ist ein Brennpunkt europäischer und internationaler Sicherheitspolitik, der seit 2014 kaum an Brisanz verloren hat. Jerzy Maćków, Professor für Politikwissenschaft in Regensburg, widmet sein Buch aber nicht aktuellen militärischen oder diplomatischen Entwicklungen, sondern will grundlegende geschichtliche Ursachen des Konflikts und denkbare Lösungswege aufzeigen. An der Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich für ihn der „Zusammenprall historisch gewachsener Identitäten und ...weiterlesen

Christian Wipperfürth

Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld. Die Krise, der Krieg und die Aussichten

Opladen/Berlin/Toronto: Budrich UniPress Ltd. 2015 (WIFIS-aktuell 51); 73 S.; kart., 7,90 €; ISBN 978-3-8474-0622-8
Der deutschen Berichterstattung über die Ukraine‑Krise wurde und wird häufig vorgeworfen, dass sie zu wenige ukrainische Quellen berücksichtigt und dass elementare Kenntnisse über den behandelten Raum fehlen. Christian Wipperfürth, der für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik tätig ist, beschäftigt sich schon seit Langem mit dem östlichen Europa, besonders mit Russland. Auch er greift für seine knappe Studie aber in der Hauptsache auf westeuropäische ...weiterlesen

 


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