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Rezension

Die Schatten des Imperiums
Russland seit 1991


Fast dreißig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist der postsowjetische Raum vielfach noch weit davon entfernt, politisch stabil zu sein. Der andauernde Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist nur das letzte und aktuellste Beispiel in einer Reihe von machtpolitischen Auseinandersetzungen bis hin zu ‚heißen‘ militärischen Konfrontationen in den äußeren Beziehungen. Innenpolitisch ist die jeweilige Legitimität der Herrschenden unter anderem stark von der wirtschaftlichen Situation des Landes abhängig. Das Verhältnis zu den meisten EU-Staaten und zu den USA changiert zwischen Anspannung und Distanz.

Deutschsprachige Analysen zur politischen Lage in Russland und zur Entwicklung des Landes seit 1991 gibt es viele. Zumeist werden sie aus politikwissenschaftlicher oder journalistischer Perspektive verfasst. Zeithistorische Untersuchungen sind demgegenüber vergleichsweise selten. Der Bonner Osteuropahistoriker Martin Aust legt nun einen historisch grundierten Deutungsversuch vor. Er will die politischen Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre vor dem Hintergrund der imperialen Tradition Russlands erklären, nachdem er sich zuletzt 2017 mit der russischen revolutionären Periode in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts befasst hatte.

Für ihn befindet sich Russland „seit 1991 in einer postimperialen Konstellation“, die „Frage nach dem politischen und gesellschaftlichen Umgang mit dem doppelten imperialen Erbe von Zarenreich und Sowjetunion [sei] noch nicht geklärt“ (14). Dabei liegt der deutliche Schwerpunkt der Darstellung auf den Nachwirkungen der UdSSR. Aust knüpft mit seinem Buch an die jüngere historische Imperienforschung an, die sich unter anderem mit inneren Strukturen, Fragen von Stabilität und Integration sowie dem Übergang von imperialen zu postimperialen Ordnungen befasst. Er kritisiert vor diesem Hintergrund eine Fixierung der Russlanddebatte in Deutschland auf die Person Vladimir Putin und die Herstellung „geschlossene[r] Russlandbilder“ (18), wie etwa durch die Fernsehjournalistin Gabriele Krone-Schmalz, aber auch durch den in Deutschland stark rezipierten US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder. Der Blick auf die verschiedenen Facetten des „imperiale[n] Erbe[s]“ (19) soll dagegen strukturelle Besonderheiten der politischen Lage in Russland deutlich machen.

Diese Grundannahmen skizziert Aust in einem kurzen ersten Kapitel, um sich anschließend mit dem Begriff „Imperium“ und den damit verbundenen analytischen Konzepten auseinanderzusetzen. Als grobe geschichtswissenschaftliche Arbeitsdefinition beschreibt er „großräumige Herrschaftsregionen […], die in sich kulturell und sprachlich sehr unterschiedliche Regionen vereinen“ (24) und deren wirtschaftliche Verhältnisse nur supraregional beziehungsweise global erfasst werden können. Politik- und sozialwissenschaftliche Ansätze wie etwa von Alexander J. Motyl, Edgar Grande und Parag Khanna werden kurz gestreift.

Als Synthese schlägt Aust einen multikategorialen Ansatz vor, mit dem imperiale Handlungen in verschiedenen Räumen verortet werden (zum Beispiel als Gesamtstaat, intern in den Teilregionen, extern in den benachbarten Großregionen), danach gefragt wird, „wie das imperiale Zentrum die Machtressourcen Politik, Militär, Infrastruktur, Ökonomie und Kultur einsetzt“ (29) und so unter anderem asymmetrische Integrationsformen beschrieben werden. Für Russland sieht er zahlreiche Aspekte (post)imperialer Realitäten: den Aufbau der „Machtvertikale“ unter Vladimir Putin, die beanspruchte und durch externe Interventionen untersetzte „großregionale Hegemonie im postsowjetischen Raum“ sowie den fortgesetzten „Großmachtanspruch in den internationalen Beziehungen“ (30).

Diese Aspekte werden in den folgenden Kapiteln weiter entfaltet. Zunächst werden kurz die postimperialen Konstellationen in Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien verglichen beziehungsweise ein solcher Vergleich angedeutet. Ein weiterer Bezugspunkt wäre hier Österreich gewesen, das auch nach dem Ende der Habsburgermonarchie die politische und wirtschaftliche Orientierung auf den südosteuropäischen Raum vielfach beibehalten hat. Für Deutschland bedeutete das Jahr 1945 ein abruptes Ende imperialer Traditionen, an den alten Reichsgedanken gibt es heute keine Anknüpfungspunkte mehr. Frankreich und Großbritannien sahen sich nach dem Zweiten Weltkrieg langwierigen Dekolonisierungsprozessen ausgesetzt.

Für die Sowjetunion hingegen wurde zu dieser Zeit der eigene Einflussbereich weit ausgedehnt. Die bereits im Russländischen Reich etablierte multiethnische Tradition (bei teilweise kolonialer Ausbeutung) wurde in der frühen Sowjetunion durch eine gewisse Förderung von Nationalisierungsprozessen fortgesetzt, bis es in den 1930er-Jahren zu einer „Nationalisierung von Feindmarkierungen“ (39) und einer Aufwertung des Russischen kam. Die vielfach unterdrückten Nationalitätenkonflikte trugen dann in den 1980er- und 1990er-Jahren mit zum Ende der Sowjetunion bei, auch wenn der Impuls zur Auflösung letztlich aus dem Zentrum kam und in den Republiken Russland, Belarus und Ukraine zur Umsetzung gelangte.

Ein weiteres kurzes Kapitel befasst sich mit der Rolle von Michail Gorbatschow – im Ausland ein gefeierter Reformer, in Russland als gescheiterter Politiker angesehen, der die Herausforderung der von ihm bemühten Gleichzeitigkeit von politischer und wirtschaftlicher Reform nicht habe bewältigen können. Die Hinterlassenschaften aus diesem Scheitern des „Erblasser[s] wider Willen“ (47) prägen das Land bis heute, wie auch weite Teile der Bevölkerung noch lange durch den „gemeinsamen transnationale[n] Erfahrungsraum“ (57) der Sowjetunion beeinflusst wurden und werden. Das folgende, mit über 60 Seiten umfangreichste Kapitel des Buches ist denn auch anhand verschiedener Beispiele den konkreten Ausformungen des Umgangs mit imperialen Traditionsbeständen gewidmet:

  • dem symbolischen Erbe des Herrscherkultes in der Person Putins;

  • dem seit den Zeiten des Zarenreiches immer wieder problematischen Umgang mit Multiethnizität und, damit zusammenhängend, der Rolle Russlands beziehungsweise der ‚Russen‘ im Vielvölkerstaat, sinnbildlich im Nebeneinander des ethnisch-sprachlich-kulturellen Adjektivs russisch/russkij und des auf die staatliche Ebene abzielenden russländisch/rossijskij;

  • dem Austarieren der Rollen von Zentrum und Peripherie mit den sich wandelnden Rollen von föderativen Republiken, Regionen (kraja) und Gebieten (oblast);

  • den außenpolitischen Machtansprüchen gegenüber ehemaligen Teilstaaten der Sowjetunion im Changieren zwischen Versuchen ökonomischer Integration bis hin zur Ausübung militärischer Gewalt und der Aufrechterhaltung ‚eingefrorener‘ Konflikte, verdeutlicht in den Konzepten des ‚nahen Auslands‘ (bližnee zarubežʹe) und, stärker kulturell gedacht, der ‚russischen Welt‘ (Russkij mir).

Für Vladimir Putin konstatiert Aust, dass dieser einen „taktischen Umgang“ (129) mit solchen Traditionsbeständen pflege und dahinter, anders als oft von westlichen Beobachtern gedacht, kein durchkomponiertes Konzept stehe. Insofern befinde sich Russland nach wie vor in einem Prozess, der die genannten Problemstellungen immer wieder neu aufgreifen müsse und noch keinen konsequenten Umgang mit ihnen entwickelt habe. Als mögliche Szenarien einer zukünftigen Entwicklung sieht der Autor eine „neoimperiale Entfaltung“ (nach zuvor nötiger wirtschaftlicher Stabilisierung), eine Phase der „Stagnation“ oder aber die Möglichkeit von entstehender „Unordnung beim Machttransfer in die Post-Putin-Zeit“ (133). Ob die Nachwirkungen der imperialen Vorläufer des heutigen Russlands tatsächlich mit dem Begriff „Schatten“ analytisch sinnvoll gefasst werden können, bleibt dahingestellt.

Neben dem Titel greift Aust das Wort Imperium nur im letzten Satz des Buches auf, sonst schreibt er durchgehend vom imperialen „Erbe“, unter anderem in den Kapitelüberschriften „Erblasser wider Willen: Gorbatschow, das Ende der Sowjetunion und das Erbe des Imperiums“ sowie „Die Erben: Russlands Umgang mit dem imperialen Erbe“. Der Umgang mit diesem Erbe wird das Land und seine Nachbarn in jedem Fall noch lange beschäftigen.

 

Verfasst von:

Martin Munke

Erschienen am:

7. Oktober 2019

Martin Aust

Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991

München, C. H. Beck 2019

Margareta Mommsen

Das Putin-Syndikat. Russland im Griff der Geheimdienstler

München, C. H. Beck 2017

In Russland herrsche ein verborgenes Netzwerk, schreibt Margareta Mommsen, in dem die politischen und ökonomischen Interessen der regierenden Eliten des Landes ausgehandelt würden. Die Spitze der Machtpyramide aus informellen Gruppen nennt sie das „Putin-Syndikat“. Dieser realen Machtkonstellation seien die formellen Institutionen der gleichzeitig bestehenden Scheindemokratie, etwa das Parlament und das Ministerkabinett, untergeordnet. Rezensent Hannes Adomeit stimmt ihren zentralen Thesen zu, hätte sich allerdings deren Verknüpfung mit Aspekten der russischen Außenpolitik gewünscht.
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Sammelrezension

Deutsche Russlandpolitik in der Kontroverse. Ansichten über „Russlandversteher“ und „Russlandkritiker“

Welche Haltung sollte Deutschland gegenüber Putins Russland einnehmen? Klaus von Beyme und Ilja Kalinin gehen in ihren Büchern dieser Frage entlang des Konflikts zwischen „Russland-Verstehern“ und „-Kritikern“ nach und sehen sich dabei selbst als „Versteher“ im Sinne von „Erklärern“. Ihre Analysen zeigen allerdings erneut die Schwierigkeit auf, Verständnis von Rechtfertigung und Verteidigung zu trennen.
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Timothy Snyder

Der Weg in die Unfreiheit. Russland – Europa – Amerika

München, C.H. Beck Verlag 2018

Die Nachwirkungen von Faschismus und Kommunismus stellt Timothy Snyder bei seiner Betrachtung der gegenwärtigen politischen Kultur und des Aufstiegs autoritärer Regime in Russland, Europa und den USA ins Zentrum. Dabei verfolgt der Professor für Osteuropäische Geschichte an der Yale University den Anspruch, Gemeinsamkeiten oder zumindest Parallelen aufzuzeigen, schreibt Rezensent Frank Kaltofen. Europa und die Vereinigten Staaten seien in Snyders Erzählung eher Nebendarsteller; Russland sieht er hingegen als den eigentlichen Akteur, der die anderen beeinflusst.

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Aus der Annotierten Bibliografie

Leonid Luks

Die Rückkehr des Imperiums? Der neue Moskauer Paternalismus und seine Widersacher. Essays

Berlin: Lit 2015; II, 133 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-643-13015-0
Die sogenannte gelenkte Demokratie Wladimir Putins hat in Russland die demokratischen Aufbrüche der ersten Hälfte der 1990er‑Jahre unter Boris Jelzin abgelöst. Ähnlich wie im Deutschland der Weimarer Republik erscheint das westliche Demokratie‑Modell dort heute diskreditiert, es wird mit politischem Chaos und wirtschaftlichem Niedergang identifiziert. Der aus Russland stammende Historiker und frühere Inhaber des Lehrstuhls für Mittel‑ und Osteuropäische Zeitgeschichte an der ...weiterlesen

Margareta Mommsen / Angelika Nußberger

Das System Putin. Gelenkte Demokratie und politische Justiz in Russland

München: C. H. Beck 2007 (Beck'sche Reihe 1763); 216 S.; 12,95 €; ISBN 978-3-406-54790-4
In den neunziger Jahren sei ein zweites neues Russland entstanden, schreiben die Politikwissenschaftlerin Mommsen und die Direktorin des Instituts für Ostrecht an der Universität Köln Nußberger. Es zeichne sich aus durch eine „Rezentralisierung der Macht und Verstaatlichung der Zivilgesellschaft“ (9). Damit gehe „eine ideelle Abschottung“ (10) einher, bei der den europäischen Vorstellungen von Menschenrechten, Demokratie und unabhängiger Justiz die „russischen Werte...weiterlesen

Margareta Mommsen

Wer herrscht in Rußland? Der Kreml und die Schatten der Macht

München: C. H. Beck 2003; 260 S.; 14,90 €; ISBN 3-406-45953-6
Ist der Präsident wirklich der entscheidende Machthaber in Russland? Die Autorin versucht diese Frage zu beantworten und zeichnet dabei den schwierigen Weg des Landes bei der Etablierung eindeutig demokratischer Strukturen nach. Das Buch bietet eine Einführung in das politische System Russlands und vermittelt darüber hinaus einen Einblick in die informellen Machtstrukturen. Mommsen untersucht dabei die demokratische Entwicklung unter den Präsidenten Jelzin und Putin. Der erste russische Präsiden...weiterlesen

Jürgen Hartmann

Russland. Einführung in das politische System und Vergleich mit den postsowjetischen Staaten

Wiesbaden: Springer VS 2013; 283 S.; brosch., 24,95 €; ISBN 978-3-658-00174-2
Anstelle der Bewertung Russlands „mit der grellen Leuchtreklame einer empirischen Demokratieforschung“ (10) möchte Jürgen Hartmann eine differenziertere Darstellung und Wertung des politischen Systems dieses Landes vornehmen. Grundlage dafür bildet zunächst ein Parforceritt durch die russische Geschichte seit dem Mittelalter, der nicht immer auf der aktuellen historischen Forschungsliteratur basiert. Darauf folgt die Vorstellung von Aspekten der politischen Kultur und politischer Akt...weiterlesen

Kerstin Holm

Das korrupte Imperium. Ein russisches Panorama

München/Wien: Carl Hanser Verlag 2003; 264 S.; 19,90 €; ISBN 3-446-20378-8
Die Korruption habe in Russland jahrhundertealte Wurzeln, so die Autorin. Für viele gehöre die Korruption zum Land und bleibe für die Geschichte Russlands schicksalhaft. Sie habe die Ausrottungsversuche während der Sowjetära überstanden, sei während der Perestroika aufgeblüht und charakteristisch für die postsowjetische Privatisierung gewesen. Die neue Freiheit habe keine Selbstläuterung des korrupten Systems gebracht. Gegenwärtig versuche Präsident Putin der Korruption mit dem Ausbau des Polize...weiterlesen



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