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SIRIUS: Analyse

 Zapad 2017 Russisches Verteidigungsministerium via siriusRussland und Belrus demonstrierten mit der Militärübung Zapad gegenüber der NATO Stärke.
Foto: Russisches Verteidigungsministerium

Fünf Anmerkungen zu Zapad 2017
Kernaussagen der gemeinsamen Militärübung von Russland und Belarus

Nach sieben Tagen intensiver militärischer Operationen wurde das fiktive Land Weschnorija (das etwa so groß ist wie die drei baltischen Staaten zusammen) durch eine gemeinsame Aktion russischer und weißrussischer Streitkräfte unterworfen. In einer groß angelegten Show-Übung zerstörten die Unionsstaaten Russland und Belarus den Feind, nachdem Weschnorija Grenzverletzungen und massive Luftangriffe unternommen hatte. Dieses Szenario wurde natürlich nur in Russland und in Belarus während der Übung Zapad 2017 im September durchgespielt. Aber was waren die Kernbotschaften, die man aus dieser Übung mitnehmen kann?

Westliche Beobachter hatten sich im Vorfeld besorgt gezeigt über die Größe der Übung, wobei immer wieder die Zahl von 100.000 Soldaten genannt wurde. Aber Russland hat diese Befürchtungen widerlegt, indem es die Übung klein, diszipliniert und begrenzt hielt. Konkrete Zahlen liegen noch nicht vor, aber die Anzahl dürfte deutlich unter den Schätzungen gelegen haben, die ursprünglich im Westen genannt worden sind. Dies lag hauptsächlich daran, dass Zapad 2017 sich hauptsächlich auf die Verbesserung von Führung und Kontrolle (Command and Control – C2) und die Integration unterschiedlicher Teilstreitkräfte konzentrierte und weniger Wert auf die Verlegung von realen Truppenteilen legte – was Gegenstand der Übung Zapad 2013 war.

Auf diese Weise gelang es dem Kreml auch in glaubwürdiger Weise, dem Westen Alarmismus vorzuwerfen. Dieser habe sich auf Gerüchte und Panikmacher verlassen und Moskau zu Unrecht mangelnde Transparenz vorgeworfen. Nachzuweisen, dass westliche Einschätzungen falsch lagen, ist im Übrigen Teil der politischen Strategie Moskaus und nährt Russlands Gefühl der eigenen Überlegenheit.

Russland praktizierte zwei der vier hauptsächlichen Typen moderner Kriegführung: asymmetrisch und konventionell (die beiden anderen wären Cyber-Krieg und Nuklearkrieg). In der ersten Phase des eingespielten Szenarios – in der illegale, bewaffnete Banden aus Weschnorija in das Territorium von Russland und Belarus eindrangen – testeten Russland und Belarus den Aufmarsch von Truppen, den Aufbau von vorgelagerten Feldposten und von C2-Komponenten. Ebenso wurden in dieser Phase die Vorbereitung von verbundenen Streitkräften für eine Gegenoffensive gegen einen konventionellen Feind getroffen, die dann in der zweiten Phase stattfand. Um zu gewinnen, praktizierte Russland dann das, was es am besten kann: einen durch schwere Artillerie vorbereiteten Vorstoß zu Land, der durch Aufklärungseinheiten, Spezialeinsatzkräfte, Kampfflugzeuge, Luftabwehr und Marineeeinheiten unterstützt wurde. Das russische Militär integrierte ebenfalls asymmetrische Komponenten in die Zapad Übung. Insbesondere betraf das die Abwehr von kleinen Spezialkräften (Aufklärung, Ablenkung, „Grüne Männer“), den Einsatz neuer Mittel der Abwehr elektronischer Kampfmittel (electronic warfare) und die Verteidigung des eigenen Luftraums gegen gegnerische Flugzeuge mit ausgeschalteten Transpondern. Russland setzte auch mehrere neue Waffensysteme ein, darunter den T-72B3M/T-72B4-Panzer und den BTR-MDM Rakuschka-Schützenpanzer. Dies diente der Erprobung dieser Waffensysteme, teilweise sollten aber auch mögliche Käufer auf diese aufmerksam gemacht werden.

Alle russischen Teilstreitkräfte, die an Zapad 2017 beteiligt waren, bauten auf der Kampferfahrung auf, die sie in Syrien (und inoffiziell auch in der Ukraine) haben sammeln können. Dahinter steht die Logik, dass Veränderungen in der Militärdoktrin am Besten in der Praxis ausprobiert werden.

Die Schwerpunkte der Übungen waren die folgenden:
– Allgemeine Vorbereitung, Stärkung der Kampfbereitschaft, die Integration fortgeschrittener technischer Systeme und die Interoperationalität mit den Streitkräften von Belarus.
– Taktische kombinierte Operationen zwischen Heeresstreitkräften und Luftstreitkräften.
– Das Zusammenwirken von Luftlandeoperationen und konventionellen Bodentruppen bei Sondereinsätzen unter Einsatz von Artillerie, Panzereinheiten und mechanisierten Schützenbrigaden.
– Luftüberlegenheit und Luftunterstützungseinsätze mittels Kampfbomber, Düsenjäger und Angriffshubschrauber.
– Luftverteidigung (insbesondere S-300/S-400 Raketensysteme, Pantsir-S1 Luftabwehrsysteme, und Iskander-M Komplexe) mit dem Ziel, die Effektivität von Russlands Fähigkeiten zur Schaffung einer anti-access/area denial Blase ebenso zu testen wie die Fähigkeiten zur Wirkung auf große Entfernungen.
– Gemeinsame Operationen der Seestreitkräfte mit Luftstreitkräften und Luftlandeeinheiten.
– Integration von Drohnen (unmanned aerial vehicles – UAV) zum Zwecke der Aufklärung und Zielerfassung (ISTAR) und das Testen von Verfahren zur Beschleunigung der Informationsweitergabe und –verarbeitung (real-time data transmission)
– Ausprobieren von fortgeschrittenen Systemen der Kampfführung, Kontrolle, Nachrichtenauswertung, Überwachung und Aufklärung (Command and Control, Intelligence, Surveillance, Reconnaissance – C2ISR), darunter der Sagittarius Zielerfassungskomplex und das RB-109A Bylina System zur elektronischen Kampfführung.

Im Gegensatz zum anfänglichen russischen Narrativ, wonach es sich bei der Übung um eine defensive taktische Operation zur Abwehr einer terroristischen Aggression handelte, änderte sich die Rhetorik im Verlauf der Übung immer mehr in Richtung der Zerschlagung eines konventionell bewaffneten Gegners. Dies bedeutet, dass Zapad 2017 tatsächlich eine Übung war, die eine begrenzte konventionelle Operation gegen einen gleichstarken und modern bewaffneten Gegner simulierte und die auf einem Territorium stattfand, auf dem sich verbundene Streitkräfte von NATO-Staaten befanden. In der Tat begannen im Zapad 2017 Szenario die Truppen von Weschnorija mit grenzüberschreitenden Operationen, die durch leichte Verbände vorgetragen wurden. Diese weiteten sich nach kurzer Zeit aber zu massiven Operationen mit großer Feuerkraft aus, die durch Luftschläge, dem Vordringen von Bodentruppen, der Herstellung von Luftüberlegenheit sowie dem flankierenden Einsatz von U-Booten und elektronischer Kriegführung durchgeführt wurden.

Das Szenario von Zapad 2017 ging davon aus, dass der mutmaßliche Feind auf Unterstützung von draußen zählen konnte, aber die Übung selber sah aus wie eine Generalprobe der Verteidigung gegen eine Invasion der NATO gegen Russland. Im Kern wollte Russland damit der NATO zeigen, wie es einen künftigen regionalen Krieg sieht und was es zu tun gedenkt, um einen Gegner zu besiegen. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Spannungen mit dem Westen hoch sind, versucht der Kreml mit einer derartigen Übung mehrere Botschaften zu übermitteln.

Zum einen zeigt die Übung, dass Russland gewillt ist, die Eskalationsdominanz im Rahmen eines konventionellen Krieges mit der NATO nicht zu verlieren. Die Übung bezog sich nicht auf einen großen und umfassenden Krieg, sondern auf einen regional begrenzten Krieg. Russland hat mit der Übung seine Bereitschaft unter Beweis gestellt, einer Invasionsarmee hohe Kosten aufzubürden. Weschnorija hatte keine Chance.

Zum zweiten ging es auch darum, die NATO einzuschüchtern und gleichzeitig Russlands militärische Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren. Damit ist eine abschreckende Wirkung ebenso verbunden wie ein erhöhtes Gefühl der Unsicherheit in den Nachbarstaaten Russland. Abschreckung ist eine Sache, aber den unmittelbaren Nachbarn zu demonstrieren, dass eine militärische Auseinandersetzung mit Russland in eine Katastrophe führen wird, ist eine andere.
Zapad 2017 hat gezeigt, dass jede Streitmacht, die versucht, Russlands anti-access/area denial Blase zu durchdringen, damit rechnen muss, zu unverhältnismäßig hohen Kosten zu scheitern. Im Großen und Ganzen hat Russland nicht nur gezeigt, dass seine Grenzen mit den osteuropäischen Staaten für Angreifer extrem schwer zu durchbrechen wären. Es verfügt zudem über formidable Fähigkeiten zur Herstellung von Räumen, die für gegnerische Truppen nicht zugänglich sind (anti-access). Diese Räume sind nicht nur durch Landgrenzen markiert, sondern setzen sich zur See und im Weltraum fort.

Dieser Beitrag ist erschienen in SIRIUS - Zeitschrift für Strategische Analysen, Band 1, Heft 4: https://www.degruyter.com/view/j/sirius.2017.1.issue-4/sirius-2017-0089/sirius-2017-0089.xml?format=INT, die englischsprachige Fassung ist nachzulesen bei Chatham House: http://www.chathamhouse.org/expert/comment/five-things-know-about-zapad-2017-military-exercise

Verfasst von:

Mathieu Boulègue

Erschienen am:

19. Dezember 2017

SIRIUS: Rezension

Richard Connolly
Towards a Dual Fleet? The Maritime Doctrine of the Russian Federation and the Modernisation of Russian Naval Capabilities
Russian Studies. NATO Defense College 02/2017

In seiner Studie betrachtet Connolly die überarbeitete maritime Doktrin der Russischen Föderation von 2015 und analysiert, inwiefern die russische Marine über die Fähigkeiten verfügt, um die in der Doktrin identifizierten Ziele zu erreichen. Zu diesem Zweck ist die Studie in drei Abschnitte unterteilt. Zuerst vergleicht Connolly die Doktrin von 2015 mit ihrer vorherigen Version von 2001, bevor er den russischen Ambitionen vorhandene Fähigkeiten und Beschränkungen gegenüberstellt. Abschließend analysiert der Autor den Wandel der russischen Marinestreitkräfte und Probleme, die sich daraus für die NATO ergeben.
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SIRIUS: Kurzanalyse

Machtprojektion ins NATO-Meer. Die Marine der VR China in der Ostsee

Sebastian Bruns und Sarah Kirchberger stellen in ihrem Beitrag ein gemeinsames Flottenmanöver Chinas und Russlands, das im Juli 2017 in Ostsee abgehalten wurde, in einem größeren Kontext. So wird dieses Manöver sowohl vor dem Hintergrund der allgemeinen Modernisierungs- und Expansionsstrategie der chinesischen Marine als auch angesichts einer sich stetig vertiefenden russisch-chinesischen Kooperation im politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bereich analysiert. Herausgearbeitet werden Aspekte, die aus Sicht der NATO teils Gründe zur Beruhigung, teils Anlass zur Sorge bieten.
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SIRIUS: Analyse

Russia changes the game. Bilanz der russischen Militärintervention in Syrien

Die seit Herbst 2015 laufende russische Militärintervention in Syrien hat nicht nur die Lage vor Ort verändert, sondern auch die strategische Lage im Nahen und Mittleren Osten auf den Kopf gestellt. Russland hat demonstriert, dass es im östlichen Mittelmeerraum über militärische Handlungsfähigkeit verfügt. Mit ihrer zögerlichen Haltung hat die Regierung in Washington Russland ein Window of Opportunity eröffnet. Die Russen im Nachhinein zu einer Aufgabe ihres Einsatzes zu zwingen, ist für die USA kaum möglich, es sei denn sie sind zu einer massiven Eskalation bereit. Die Intervention hat das scheinbar unvermeidliche Ende des Assad-Regimes abwenden können und hat das Bündnis zwischen Russland und dem Iran gestärkt, was innerhalb der sunnitischen arabischen Welt zu großer Besorgnis beiträgt.
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