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Rezension

Flucht und Migration in Europa
Neue Herausforderungen für Parteien, Kirchen und Religionsgemeinschaften

Es ist erfreulich, dass nicht jede wissenschaftliche Analyse wie die Eule der Minerva bis zur Dämmerung wartet. So legen der Politikwissenschaftler Oliver Hidalgo (Regensburg) und der Theologe Gert Pickel (Leipzig) zeitnah eine Analyse der politischen und gesellschaftlichen Implikationen der intensiven Zuwanderung im Jahr 2015 vor, wobei der Schwerpunkt auf den religiösen Konnotationen liegt. Zunächst werden die konzeptionellen und empirischen Grundlagen erörtert, sodann die religiösen und politischen Akteure untersucht und schließlich die politischen Folgen prognostiziert. Im Fokus steht dabei die Situation in Deutschland.

Sehr generell und grundsätzlich stellt Hidalgo das Verhältnis von Politik und Religion dar. Demnach seien Religionen schon immer eine Herausforderung für den Staat gewesen, weil ihre Machtansprüche konfligierten. Die gegenwärtige friedliche Koexistenz zwischen Christentum und Demokratie sei also keineswegs selbstverständlich, sondern historisch das Resultat einer langwierigen Befreiungsbewegung und sachlich angewiesen auf eine wechselseitige Tolerierung. Dieser „Waffenstillstand“ werde nun durch die Migration hinterfragt, weil die Religionen sowohl durch ihre universale Ausrichtung als auch durch ihre zentralen Botschaften (Nächstenliebe) mit der auf den eigenen Staat fokussierten Politik in Widerspruch geraten seien. Auf der anderen Seite seien religiöse Nationalismen stärker geworden und auch die darin implizierte religiöse Aufladung des Politischen würde den Waffenstillstand hinterfragen. Wie sollen Gesellschaft und Politik darauf reagieren? – Diese grundlegenden Erwägungen werden durch Aufsätze von Julia Schulze Wessel und Antonius Liedhegener flankiert, die beide darlegen, dass eine Lösung nur im Verbund mit den Religionen gefunden werden könne.

Dementsprechend widmen sich die folgenden Beiträge dem Engagement von Religionen in der sogenannten Flüchtlingskrise. Näherhin werden die Rolle des Papstes Franziskus (Mariano Barbato und Johannes Löffler), der kirchlichen Wohlfahrtsverbände (Wolfgang Schroeder und Lukas Kiepe), muslimischer Gemeinden (Rauf Ceylan und Samy Charchira) und Verbände (Julia Henn, Alexander-Kenneth Nagel und Yasemin El-Menouar) sowie auch der beiden christlichen Unionsparteien (Christoph Handwerker) analysiert. Dabei wird deutlich, dass sich die religiös motivierten Akteure sehr klar für die Aufnahme und Integration der Geflüchteten einsetzen – und zwar aus mehreren Motiven: die eigenen normativen Grundlagen (die im Christentum begrifflich als Nächstenliebe und narrativ als biblische Flüchtlingserzählungen entfaltet worden seien), die dadurch verstärkte politische Integration in Deutschland (vor allem von muslimischen Akteuren) und das advokatorische politische Engagement (Sprachunterricht, Behördengänge) aller Akteure, das den Staat zugleich unterstützt wie angefragt habe. Die Vielschichtigkeit der analysierten Protagonisten und wohl auch der geringe zeitliche Abstand führen zwar dazu, dass manche Beobachtungen von mehreren Autor*Innen geschildert werden, zudem gibt es auch Redundanzen innerhalb einiger Texte. Dennoch ist die umfassende Sichtung der religiös motivierten Akteure für das Verständnis ihrer Rolle in der sogenannten Flüchtlingskrise sehr hilfreich.

Hanna Fülling hat in ihrem Beitrag die Brücke geschlagen zwischen dem religiösen (näherhin christlichen) Engagement einerseits und den politischen Reaktionen andererseits. So habe sich das christliche Handeln vom Konzept der Öffentlichen Theologie leiten lassen und dementsprechend politische Verantwortung übernommen, aber auch kritische Impulse gesetzt (235). Kritische Bemerkungen seien die Folge gewesen, man befürchtete eine Moralisierung oder auch Politisierung der Religion – das erinnert an Hidalgos gefährdeten Waffenstillstand. Diese Kritik wird nun im Rückgriff auf den Philosophen Jürgen Habermas und den Politiker Wolfgang Schäuble zurückgewiesen: Als gesellschaftlicher Akteur solle und dürfe die Kirche sich durchaus am politischen Diskurs beteiligen und dabei ihre Argumente in ihrer Sprache vortragen, zugleich sollte sie aber die Eigengesetzlichkeiten der Politik beachten und sich daher mit konkreten Handlungsempfehlungen zurückhalten (246 f.). Diese überzeugende Position ist eine modifizierte Version der wechselseitigen Toleranz und daher weiterführend – nur: Wo verortet man die politischen Handlungen der religiös motivierten Akteure vom Sprachunterricht über die Behördengänge bis hin zum Kirchenasyl?

Die Aufnahme der Geflüchteten in 2015 und das religiöse Engagement zu ihrer Integration hatten politische Konsequenzen in Deutschland, die man im Anschluss an Gert und Susanne Pickel mit den beiden Stichworten Rechtsruck und Angst vor dem Islam benennen kann. Stefanie Hammer und Steven Schäller nehmen sich dezidiert PEGIDA vor und analysieren, inwieweit diese Empörungsbewegung von vornehmlich konfessionslosen männlichen Teilnehmern mittleren Alters wirklich als „religiös unmusikalisch“ (329) beziehungsweise areligiös eingestuft werden sollte. Sie plädieren demgegenüber dafür, von einem zivilreligiös aufgeladenen Protestphänomen auszugehen, weil mit dem Islam und dem Abendland zwei religiös konnotierte Begriffe im Namen der Bewegung stehen. Das Leitparadigma von PEGIDA sei die Bürgerrechtsbewegung von 1989, bei der das Volk zivilreligiös aufgeladen worden sei. Nun befürchte man eine Übersteuerung des Volkes durch den Islam, also gleichsam einen Wertewandel. Aber diese Befürchtung sei empirisch eher unwahrscheinlich, behaupten Anja Mays und Verena Hambauer im letzten Beitrag des Buches, zumindest hätten sich bei den Einwanderern der 1950er-Jahre keine Parallelgesellschaften entwickelt und auch bei der Integration von Südeuropäern und Türken sei die Religiosität kein einflussreicher Faktor gewesen. Doch dieser Analogieschluss droht die historischen Umbrüche bis hin zur Wiederkehr der Religion zu nivellieren.

Trotz der monierten Redundanzen sind die vorgelegten Studien sehr hilfreich: sowohl für das Verstehen der aktuellen Strömungen als auch für eine politische Standortbestimmung angesichts des stärker werdenden Rechtspopulismus.

Verfasst von:

Volker Stümke

Erschienen am:

10. Juli 2019

Oliver Hidalgo / Gert Pickel (Hrsg.)

Flucht und Migration in Europa. Neue Herausforderungen für Parteien, Kirchen und Religionsgemeinschaften

Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2019

Literaturbericht

Migration und der „nationale Container“. Über einen konflikthaften Diskurs und symbolische Grenzziehungen

Vorgestellt werden Bücher, die eine gestiegene Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Kommunikationsformen belegen, in und mit denen die Themen Migration und Integration verhandelt werden. Deutlich wird dabei nicht nur der konflikthafte Charakter dieser Aushandlungen, in denen sich soziale Kräfteverhältnisse spiegeln. Die neueren Publikationen ermöglichen zum Teil auch erhellende Einsichten in Funktionsweise und Wirkungen symbolischer Grenzziehungen, die in öffentliche Debatten eingelassen sind. Integration wird so nicht länger nur als Anpassung in eine sozial und kulturell eindeutig definierte Mehrheitsgesellschaft gedacht.

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Rezension

Siegfried Karl / Hans-Georg Burger (Hrsg.)

Herausforderung Integration: Wie das Zusammenleben mit Geflüchteten und MigrantInnen gelingt

Gießen, Psychosozial-Verlag 2018

Aktuelle Fragen der Integration von Migrant*innen in die bundesdeutsche Gesellschaft stehen im Fokus dieses Sammelbandes – wie etwa die nach dem Gelingen der Integration, der Einstellung der Bevölkerung zu Flüchtlingen sowie den Ursachen von Ängsten und Unsicherheiten. Integration bezeichnen Siegfried Karl und Hans-Georg Burger als eine „gesellschaftliche Dauer- und Zukunftsaufgabe“, die nicht allein dem Staat obliege. Sie könne nur gelingen, wenn sie sich in Verbindung mit dem Fremden vollziehe. Dabei sei es erforderlich, die zunehmende Diversität der Gesellschaft anzuerkennen.

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zum Thema
Integrationspolitik in Deutschland

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