Portal für Politikwissenschaft

Dieser Artikel wurde veröffentlicht von: Logo
Portal für Politikwissenschaft
Osterstraße 124 | 20255  Hamburg 

Rezension

Die Vielfalt der Zivilgesellschaft zeigt sich auch in der Flüchtlingshilfe. Foto: Geralt / PixabayDie Vielfalt der Zivilgesellschaft zeigt sich auch in der Flüchtlingshilfe. Foto: Geralt / Pixabay

So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch
Neunzig wegweisende Projekte mit Geflüchteten

Seit der großen Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 wird der politische und mediale Alltag insbesondere durch die zunehmende Sichtbarkeit rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen dominiert. Leicht aus dem Blickfeld fallen dabei – sieht man einmal von den medial präsenten Bildern der Willkommensbewegung aus dem Sommer und Herbst 2015 ab – rund 15.000 zivilgesellschaftliche Projekte, die alleine zwischen 2015 und 2016 entstanden sind. Aber handelt es sich hierbei tatsächlich um eine Neubelebung, gar Neuerfindung der deutschen Zivilgesellschaft? Um eine „Zivilgesellschaft im Aufbruch“, wie der Buchtitel suggeriert? Vor dem Hintergrund von Zeitdiagnosen, die die Tendenz zur Individualisierung und zum schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt zum dominanten Paradigma des Neoliberalismus erklären, lässt sich die „gesellschaftspolitische Relevanz“ (13), die Werner Schiffauer im Einleitungskapitel postuliert, in der Tat nicht leugnen: Die Bürgerbewegung zeigt schonungslos die Schwachstellen und Konstruktionsfehler des homo oeconomicus auf, der sich allen politischen Bemühungen und wirtschaftlichen Konkurrenzsituationen zum Trotz offenbar immer noch ein nicht zu unterschätzendes Ausmaß an sozialem Verantwortungsgefühl und ethisch-moralischem Gewissen leisten kann. Die sogenannte Flüchtlingskrise hat hier offensichtlich verloren geglaubte Tugenden wieder zum Vorschein gebracht. Aber gebietet es sich deshalb gleich, davon zu sprechen, dass es sich hierbei nicht um eine humanitäre, sondern eine „hauptsächlich politische Bewegung“ (15) handele? Dies ist nämlich die Hauptthese der Herausgeber*innen.

Ihre Beobachtung gründen sie auf die Auswertung der im Buch vorgestellten 90 zivilgesellschaftlichen Projekte mit Geflüchteten. Die jeweils zwei- bis dreiseitige Darstellung der Projekte ist dabei in thematischen Blöcken organisiert, die beispielsweise Wohnen und Unterbringung, Psychosoziale Beratung, Amtshilfe, Bildung und Ausbildung, Arbeitsvermittlung oder Freizeitprojekte umfassen. Diese thematische Untergliederung macht das Buch nicht nur aus sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten interessant, sondern erlaubt zudem zivilgesellschaftlich Aktiven das gezielte Suchen nach Erfahrungsberichten, die für die eigene Praxisarbeit mit Geflüchteten von Interesse sein können. Denn darum handelt es sich bei den Beiträgen in erster Linie: knappe Erfahrungsberichte, welche die verschiedenen Projekte kurz in den lokalen Entstehungszusammenhang einordnen, Projektinhalte und beteiligte Akteure benennen und ein erstes Zwischenfazit ziehen. Eine (ansatzweise) sozialwissenschaftliche Deutung und Einordnung findet sich ausschließlich in der bereits zitierten Einleitung.

Alles in allem handelt es sich also um ein spannendes Buch, das nicht zuletzt zum Stöbern und Querlesen einlädt. Um aber zur entscheidenden Frage zurückzukehren: Was ist denn nun das explizit Politische an der neuen zivilgesellschaftlichen Bewegung? Schiffauer stützt seine Einschätzung auf ein breit angelegtes Politikverständnis, das in Anlehnung an Hannah Arendt den Kern des Politischen in der Begründung eines Gemeinwesens von einander zunächst Fremden durch gegenseitige Anerkennung verortet. Und in der Tat berührt das bürgerschaftliche Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten den Kern des Politischen, indem es in ganz explizitem Zusammenhang mit der Frage steht, in welcher Gesellschaft wir auf welche Weise miteinander leben möchten. Zwar spielen in vereinzelten Fällen durchaus auch pragmatische Antriebskräfte eine Rolle – wenn sich etwa im brandenburgischen Golzow überhaupt nur deshalb Akzeptanz für die Aufnahme einer Handvoll Geflüchteter generieren lässt, weil sich dank der zwei hinzugezogenen Kinder die drohende Schulschließung verhindern lässt. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle handelt es sich jedoch um weitgehend selbstloses Engagement, das mit dem Wunsch nach einer besseren Gesellschaft verbunden ist. Nun ist es allerdings von einem zivilgesellschaftlichen Engagement, das direkt oder indirekt Kernfragen des Politischen berührt, hin zu einer politischen Bewegung kein zwangsläufiger und oft sogar ein weiter Weg. So konstatiert auch Schiffauer an anderer Stelle, dass die „Schwäche der Bewegung [...] allerdings gerade in dem Fehlen einer überregionalen Stimme“ (28) liege und dass auf lange Sicht eine Politisierung und die Entwicklung eines übergreifenden Selbstverständnisses und Profils erforderlich sei. Hier ist zumindest Skepsis angebracht, ob und wann eine solche Entwicklung eintreten kann – obwohl die Bewegung allen Unkenrufen und medialen Abflauungstendenzen zum Trotz seit gut zwei Jahren eine überraschende Beständigkeit an den Tag legt.

Liest man die Beiträge des Bandes, so ließe sich sarkastisch formulieren, dass, wer auf die Entstehung einer nachhaltigen politischen Bewegung mit klar umrissenen (wenn auch breit formulierten) gesellschaftlichen Zielvorstellungen und politischen Forderungen hofft, am kurzfristigen Erfolg der zivilgesellschaftlichen Projekte kein allzu großes Interesse haben dürfte. Denn es scheint, als ob der Nährboden für eine Politisierung (im Sinne einer gesamtgesellschaftlich bezogenen Reflexion, die über den lokalen Kontext hinausgeht) vor allem dort aufscheint, wo der Arbeit von ehrenamtlich Engagierten immer wieder Hindernisse seitens der Behörden und der Politik in den Weg gestellt werden. Und dies ist leider gar nicht selten der Fall – etwa, wenn Asylverfahren verschleppt und somit Planungssicherheit und Motivation bei Geflüchteten wie auch ehrenamtlich Aktiven beeinträchtigt werden. Oder wenn Initiativen wie Geflüchteten unnötige und disziplinierende bürokratische Hürden aufgezwungen und der Weg zur Bildung und Ausbildung versperrt werden und damit den Integrationsprozess behindern. Ganz allgemein fehlt es oftmals auch an der notwendigen (finanziellen wie ideellen) Unterstützung durch Politik und Verwaltung, was den Fortbestand zahlreicher Projekte zu einem täglichen Kampf macht.

Gleichsam lassen sich auch Positivbeispiele finden. So arbeiten etwa in Nürnberg Stadtverwaltung und zivilgesellschaftliche Akteure von Beginn an auf Augenhöhe zusammen, die Stadt unterstützt die Arbeit der Freiwilligen-Verbände sowohl finanziell wie auch personell und fördert darüber hinaus eine reibungslose Koordination der unterschiedlichen Projekte, in denen sowohl Alteingesessene mit und ohne Migrationshintergrund als auch Geflüchtete zusammenfinden. Die hier zu beobachtende erfolgreiche Arbeit mit Geflüchteten bietet wenig Anlass zu weiterreichenden Politisierungserscheinungen – ihren Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leistet sie freilich trotzdem.

Verfasst von:

Björn Wagner

Erschienen am:

31. August 2017

Werner Schiffauer, Anne Eilert, Marlene Rudloff (Hrsg.)

So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch. 90 wegweisende Projekte mit Geflüchteten

Bielefeld, Transcript 2017

Suchen...