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/ 26.06.2014
Dirk Kaesler

Max Weber. Preuße, Denker, Muttersohn. Eine Biographie

München: C. H. Beck 2014; 1.007 S.; Ln., 38,- €; ISBN 978-3-406-66075-7
Runde Jubiläen von Klassikern der Sozialwissenschaft sind ein immer willkommener Anlass, die Ergebnisse spezialisierter Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Der 150. Geburtstag Max Webers bildet da keine Ausnahme. Dirk Kaesler ist ein ausgewiesener Kenner der Geschichte der Soziologie und am Beginn seiner lang erwarteten Biografie steht eine selbst aufgenommene Hypothek: In einer wenig freundlichen Besprechung der letzten großen, von Joachim Radkau verfassten Weber‑Biografie (siehe Buch‑Nr. 28656) resümiert Kaesler, dass diese „ganz sicher nicht die definitive Biografie des großen Denkers unserer Moderne ist“ (Der Spiegel 4/2006: 144). So präsentiert sich dieses Buch als Produkt großen Fleißes und beharrlicher Mühe und ist das Resultat fast zwanzigjähriger Arbeit. Entstanden ist ein Monumentalwerk, das überaus detailreich in der Darstellung des historischen Kontextes ist. Allein der Familiengeschichte Webers sind 130 Seiten der Darstellung gewidmet. Das persönliche Beziehungsgeflecht rund um Max Weber wird mit ausführlichen Briefzitaten erhellt. Die großen Linien der Weber‑Interpretationen werden in den Grundzügen vorgestellt. All das beruht auf einer profunden Sachkenntnis, die die Studie zu einem Weber‑Kompendium machen könnte – wenn sie wissenschaftliche Nachweise enthielte. Allein, auf den 1.000 Seiten findet sich keine einzige Anmerkung, wohl aber eine fünfzigseitige Literaturübersicht. Der Verzicht auf Fußnoten soll der Lesbarkeit dienen, ist aber gerade bei den vielen wörtlichen Zitaten unschön. In der Deutung des Lebens von Max Weber hält sich die Studie an ihren Untertitel: Preuße, Denker, Muttersohn. Auf den Spuren Wolfgang Mommsens wird uns Weber vor allem als homo politicus vorgestellt, als Machtmensch und Strippenzieher, der wegen seiner ausgeprägten Streitlust doch Außenseiter bleibt. Das wissenschaftliche Werk erhellt sich ebenso im Zeichen persönlicher und politischer Bündnisse und Feindschaften. Hier wird Ideengeschichte lebendig und es zeigt sich, wie und wo auch wissenschaftliche Texte wirken sollen. Demgegenüber begibt sich Kaesler mit der Deutungslinie des „Muttersohnes“ auf das Feld psychologistischer Spekulation, das er bei Radkau vehement kritisierte. Andeutungen über das „sexuelle Vakuum“ (691) Webers bleiben auch hier nicht aus, wenngleich sie hinter die Darstellung des Denkers und Politikers deutlich zurücktreten. Was als Eindruck von der Lektüre bleibt, ist eine Zerrissenheit, die das Buch mit seinem Gegenstand gemein hat. Für ein wissenschaftliches Werk fehlen die Nachweise und für eine Erzählung ist es zu lang und zu detailverliebt.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.462.311 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Dirk Kaesler: Max Weber. München: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http:///index.php?option=com_content&view=article&id=43713.de/rezension/37221-max-weber_45429, veröffentlicht am 26.06.2014. Buch-Nr.: 45429 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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