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Aus der Forschung

Nach den Auseinandersetzungen beim G20-Gipfel am 8. Juli 2017: Brandreste von Barrikaden am Schulterblatt in Hamburg. Foto: Cosmicgirl (Anja Jung) / Wikimedia CommonsNach den Auseinandersetzungen beim G20-Gipfel am 8. Juli 2017: Brandreste von Barrikaden am Schulterblatt in Hamburg.
Foto: Cosmicgirl (Anja Jung) / Wikimedia Commons


Eskalation: Zur Dynamik der Gewalt bei den G20-Protesten

Ergebnisse des Forschungsprojektes „Mapping #NoG20“

Formale Hintergründe

Das Forschungsprojekt „Mapping #NoG20“ startete im Dezember 2017, koordiniert vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb), dem Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin (ZTG) und dem Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Getragen und durchgeführt wurde es von einem Netzwerk von mehr als 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Protest-, Polizei- und Gewaltforschung an einem knappen Dutzend Universitäten und wissenschaftlichen Instituten in Deutschland sowie an einer Hochschule in England.

Die Idee ergab sich nicht zuletzt aus dem Bedürfnis nach einer unabhängigen Aufarbeitung der Ereignisse in Hamburg, das in den Wochen und Monaten nach dem G20-Gipfel, nicht zuletzt angesichts einer schrillen politischen Rhetorik und mit äußerstem Nachdruck verfolgten Ermittlungen, immer wieder deutlich wurde. Der G20-Gipfel 2017 stellte in vielerlei Hinsicht eine Zäsur dar. Auch ein gutes Jahr nach den Ereignissen werden insbesondere die Gewalteskalation im Kontext des Gipfels und das ungewöhnlich harte polizeiliche Vorgehen immer noch kontrovers diskutiert.

Wir sind allerdings – dies gilt es zu betonen – nicht die vielfach geforderte Expert*innenkommission; eine solche hätte Ressourcen in weit größerem Umfang erfordert. „Mapping #NoG20“ ist ein Forschungsprojekt, dessen Ziel es war, zu rekonstruieren – und exemplarisch zu analysieren –, wie und warum die Gewalt in Hamburg in dieser Form eskalierte. Indem wir eine sozialwissenschaftliche Perspektive auf die Ereignisse bieten, wollen wir zur Debatte beitragen.

Zu den Quellen des Forschungsprojektes zählen Interviews mit Protestbeteiligten, Polizisten, Anwohnern, Journalisten, Sanitätern und vielen anderen; eine Umfrage unter Demonstrationsteilnehmern; die Auswertung von Video- und Bildmaterial sowie von Medienberichten und eines großen Datensatzes von Mitteilungen in den sozialen Medien (Tweets) sowie schließlich die Sammlung und Analyse einer Vielzahl von offiziellen und anderen Dokumenten zu den Ereignissen rund um den G20-Gipfel.

Das Projekt war modular aufgebaut. Neben einer Rekonstruktion der Ereignisse in ihrem Gesamtverlauf wurden Analysen zu bestimmten, besonders relevanten – wenn auch beileibe nicht allen relevanten – Fragen oder Aspekten vorgenommen, darunter zur Polizei, zu Bewegungsdebatten, zur Campproblematik, zu eskalativen Schlüsselsituationen, zum Diskurs in der Presse und in den sozialen Medien, zu rechtlichen Fragen sowie eine Sekundäranalyse von Befragungsdaten zweier großer Demonstrationen.

Ermöglicht wurde das Projekt zum einen – das sollte man, nicht zuletzt weil es symptomatisch für Beschäftigungsverhältnisse im deutschen Wissenschaftsfeld ist, auch erwähnen – durch viele unbezahlte Arbeitsstunden der beteiligten Wissenschaftler*innen, zum anderen durch die unbürokratische Förderung, ganz besonders durch die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie die ZEIT-Stiftung, die Rosa Luxemburg Stiftung und die Mara-und-Holger-Cassens Stiftung, denen wir auch an dieser Stelle ganz ausdrücklich unseren Dank aussprechen wollen.



Zur Analyse von Gewalt – der Forschungsansatz

Den Ausgangspunkt unserer Analysen bildet die wissenschaftlich gut fundierte Annahme, dass für die Entstehung und Ausweitung von Gewalt nicht nur vorgefasste Strategien und Pläne verantwortlich sind, sondern dass wir es mit Prozessen der Eskalation zu tun haben, mit Prozessen, die eigene Dynamiken ausbilden, die sich verselbstständigen können und von den Beteiligten nur noch begrenzt steuerbar sind. Wir grenzen uns damit von der verbreiteten, aber irreführenden intentionalistischen Vorstellung ab, Gewalteskalation sei das Resultat des Agierens einer der beteiligten Seiten – etwa von „Linksextremisten“ oder „Chaoten“. Das lässt sich vielleicht für einen Teil der Aktionen konstatieren, die offensichtlich vorbereitet waren, beispielsweise die Zerstörungen in Altona. Doch selbst hier muss gefragt werden, wie die Gesamtdynamik zum Verlauf solcher Aktionen beiträgt.


Prozesse der Gewalteskalation entstehen sozusagen in den körperlichen Interaktionen der Beteiligten an einem Ort und sie sind untrennbar verbunden mit parallel ablaufenden Deutungsprozessen. Unser eigentlicher Untersuchungsgegenstand sind also Eskalationen, verstanden als stufenweise Ausweitung eines Konflikts, als ein Prozess,

  •  in dem sich die beteiligten Parteien gegenseitig so stimulieren, dass ihre Perspektiven immer unvereinbarer werden;
  •  in dem immer mehr Handlungen des Gegenübers als geplanter Angriff interpretiert werden und nach entsprechender Gegenwehr geradezu verlangen
  •  und in dem somit den jeweiligen Parteien der Einsatz immer stärkerer Gewaltmittel als gerechtfertigt oder gar zwingend erscheint.


Wir haben die Eskalation in Hamburg auf vier verschiedenen Dimensionen empirisch erfasst:

  1. Intensität – es geht besonders um die Stärke des Konflikts, die Härte der eingesetzten Mittel, auch um ihr symbolisches Drohpotenzial;
  2. Akteurskonstellation – wer ist in welchen Konstellationen in den Konflikt involviert? Wie ändert sich die Zusammensetzung? Gibt es moderierende Dritte?
  3. Raum – materiale Charakteristika (die Beschaffenheit von Interaktionsorten), die Nutzbarkeit (für Erholung beispielsweise), aber auch symbolische Kämpfe (die Integritätsverletzung) spielen eine Rolle;
  4. Emotionalität – verweist auf die hohe Bedeutung starker Gefühle im Geschehen.

Mit unserem Fokus auf Interaktionen und Deutungen als basalen Elementen des Eskalationsgeschehens steht die Protestwoche selbst (2. bis 9. Juli 2017) im Zentrum. Wir rekonstruieren dazu insbesondere stark prägende Konflikte und Einzelereignisse wie die Zerschlagung der Welcome-to-Hell-Demonstration teilweise minuziös und quasi-mikroskopisch. Solche Ereignisse sind oft Wendepunkte, die dem Geschehen eine neue Richtung oder Intensität verleihen. Immer haben wir dabei im Blick, wie sich Akteure auf den Straßen der Stadt verhalten und wie sie das, was sie erleben, interpretieren. Diese Interpretationen sind aber nicht nur Ausdruck ganz unmittelbaren Erlebens, sondern heute mehr denn je auch durch Medien geprägt. Letztere erlauben heutzutage nicht nur eine nachträgliche, sondern ebenfalls eine simultane Beteiligung am Geschehen und seiner Bewertung aus der Distanz.

Diese Deutungen und Interaktionen sind zugleich aber auch nicht ohne ihren Kontext zu verstehen. Zu diesem gehören neben dem Recht die höchst ungleich verteilten Machtchancen und andere strukturelle Bedingungen des Aufeinandertreffens der Konfliktbeteiligten sowie ihre Konflikterfahrungen. Einen Einfluss haben globale Erfahrungen in der Geschichte der Gipfelproteste. Einfluss geht aber auch von der spezifisch lokalen Konfliktkonstellation aus, beispielsweise der langen Auseinandersetzung in Hamburg zwischen linken Bewegungen für ein Recht auf Stadt auf der einen Seite und der kompromisslosen, legalistischen „Hamburger Linie” der Polizei auf der anderen. Das heißt, dass trotz aller Bedeutung von situativen Eskalationsprozessen die Beteiligten mit Vorannahmen und Erwartungen, Feindbildern oder Ängsten und natürlich auch mit Zielen ins Geschehen eintreten.

Um all diesen Aspekten gerecht zu werden, wurde die hier abgebildete Grundstruktur unserer Untersuchung gewählt. Zum einen kondensieren wir die Kontextbedingungen, Vorprägungen, Erwartungen und Pläne in dem, was wir Ausgangskonstellation nennen. Sie ist so etwas wie ein zeitlicher Schnitt zu Beginn der Protestwoche und der erste Schwerpunkt. Den zweiten bilden die Interaktionen und Deutungen während der Protestwoche selbst. Aus Gründen der Übersichtlichkeit unterscheiden wir an dieser Stelle für die Darstellung die direkten Interaktionen auf Demonstrationen, bei Blockaden oder bei Ausschreitungen und die medialen Deutungen in der Presse und den sozialen Medien.

In diesen drei Schritten – Ausgangskonstellation, Schlüsselinteraktionen und mediale Interpretationen – werden im Folgenden ausgewählte Ergebnisse knapp vorgestellt.

 

Ausgangskonstellation

Die Ausgangskonstellation könnte man vorsichtig als spannungsgeladen bezeichnen; sie ist geprägt von Diskursen über und Erwartungen von Gewalt.

Die Protestakteure planen eine Vielzahl unterschiedlichster Protestformate, um ihre Kritik an den G20 zu formulieren, deren Treffen viele für illegitimes „Politiktheater“ halten, getragen von den eigentlich Verantwortlichen für viele Missstände der gegenwärtigen krisengeschüttelten kapitalistischen Weltordnung wie Klimakollaps oder Kriege (ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sich unter ihnen einige diktatorische und autokratische Herrscher befinden). Geplant werden Gegengipfel, Demonstrationen und Blockaden. Daneben gibt es aber auch in den Bündnisgesprächen nicht repräsentierte militante Vorfeldaktionen und eine martialische Mobilisierung radikaler Gruppen, die drohend selbst den Konflikt heraufbeschwören. Früh wird unter anderem darüber gestritten, welche Mittel legitim sind, welches Bild vom Protest akzeptabel und wie deutlich die Distanzierung von Gewalt erfolgen soll, auch in den sich organisierenden Bündnisstrukturen, und es gibt eine Spaltung.

Beeinflusst ist dieser Zwist unter anderem von den Einschätzungen des polizeilichen Vorbereitungsstabes, der eine proaktive Öffentlichkeitsarbeit betreibt und stetig düsterer werdende Szenarien beschreibt. Nach denen werden am Ende bis zu 10.000 „gewaltbereite Störer“ erwartet. Die Polizei erklärt im Rahmenbefehl den reibungslosen Gipfelablauf zur Priorität unter ihren Einsatzzielen – dies ist sicherlich einer der deutlichsten Hinweise darauf, dass es hierbei eben nicht nur um eskalative Prozesse, sondern um Machtfragen ging – und legt sich gegenüber den Protestierenden auf eine Strategie der Härte im Sinne der „Hamburger Linie“ fest: niedrige Eingriffsschwelle, hoher Einsatz von Technik, Null-Toleranz-Strategie – eine recht eindeutige Positionierung.

Dabei werden große Teile der Protestgruppen in einem einfachen, binären Gut-Böse-Schema als „gewaltbereit“ markiert. Und die Erwartung gewaltbereiter Teilnehmender wird bei einzelnen Veranstaltungen von der Polizei in den Lagebewertungen dann auf den Charakter der gesamten Veranstaltung übertragen – bis hin zur Warnung vor der Teilnahme an einzelnen Veranstaltungen durch die Innenbehörde. Innerhalb der Polizei richtet sich die Wahrnehmung zunehmend auf die Erwartung von Gewalt aus.

Deeskalierende Maßnahmen hingegen, etwa die Kommunikation mit den Organisator*innen von als konfliktträchtig bewerteten Protestveranstaltungen, werden von ihr äußerst geringgeschätzt, wie zwei Beispiele deutlich machen: Die Organisator*innen von Demonstrationen, besonders diejenigen, die als konfliktträchtig galten, sind in Kooperationsgesprächen nie mit höheren Beamten zusammengetroffen; teilweise mussten sie alle erreichbaren politischen Hebel in Bewegung setzen, damit es überhaupt zu Kooperationsgesprächen kam. Auch beim Einsatz von Kommunikationsteams zeigt sich diese Haltung. Sie waren in Hamburg gerade nicht zur Kommunikation im Konfliktfall verfügbar. Der Innensenator formuliert später im Sonderausschuss mit Bezug auf die Camps ganz explizit, dass man da keine Kooperationspartner gesehen habe.

Man kann zusammenfassen, dass viele Beteiligte schon mit einer Gewalterwartung in den Konflikt gehen und sich entsprechend rüsten. Im Falle der Polizei, aber auch eines kleinen Teils der Protestierenden – erfolgt dies mit dem Ziel, vor allem Stärke zu zeigen – womit ein erster Schritt zur Eskalation gegangen ist.

 

Schlüsselinteraktionen

Die Auseinandersetzung um die Protestcamps wird dann zur Ouvertüre der Protestwoche, in der Polizei und Demonstrierende das erste Mal aufeinanderprallen. Polizei und Innenbehörde haben sich hier ganz klar auf die Position festgelegt, dass von den Camps Gewalt ausgeht. Was dabei allerdings nicht gesehen wurde, sind die politischen Funktionen von Protestcamps und ihr teilweise auch deeskalierendes Potenzial. Protestcamps sind von gegenwärtigen Gipfelprotesten nicht wegzudenken. So wie der Gipfel eine immense Infrastruktur erfordert, benötigt dies auch der Protest. Menschen müssen sich verpflegen, ausruhen und, vielleicht noch wichtiger: Sie brauchen Raum zum Austausch, kurz Raum für Politik, ohne dass sie über die Ressourcen der Staatsapparate der Mächtigen verfügen.

Die Verhinderung der Camps von Beginn an und mit allen rechtlichen und bürokratischen Mitteln hat einen kaum intendierten Effekt: Sie weitet den Konflikt aus und bringt weitere Menschen gegen die Polizeistrategie auf. Es kommt angesichts dieser harten Linie zu Solidarisierungen mit den Protestierenden durch Gruppen, die bisher gar nicht am Protest beteiligt waren. Dieses Muster wiederholt sich im Übrigen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, zum Beispiel nach dem harten Vorgehen gegen Feiernde beim Cornern und bei der Auflösung der Welcome-to-Hell-Demonstration. Ein zweites Resultat ist eine zunehmende Polarisierung. Aus Sicht vieler Protestierender positioniert sich die Polizei eindeutig protestfeindlich.

Eine Folge davon ist, dass sich der Konflikt verlagert. Aus dem Konflikt zwischen Protestierenden und G20 wird (durchaus kein Novum der Protestgeschichte, sondern eine der sozialen Funktionen von Polizei) ein Konflikt zwischen Protestierenden und Polizei. Diese Verschiebung trägt dazu bei, den politischen Gehalt des Konflikts zum Verschwinden zu bringen. Diese Konstellation wird noch dadurch verschärft, dass es nun auch um ein anderes Thema geht, womöglich ein noch grundsätzlicheres: um die Versammlungsfreiheit. Zum Ausdruck kommt das im fortan präsenten Slogan „Yes we camp“.

Zwei weitere Eskalationsbedingungen sind nun gegeben: Mancher noch bestehende Kommunikationsfaden wird in diesen ersten physischen Konfrontationen gekappt (zum Beispiel die Absage des Kooperationsgesprächs mit der Polizei durch die Organisator*innen der Welcome-to-Hell-Demonstration) und der Konflikt wurde zu einem grundsätzlichen Wertkonflikt geradezu hochgestuft.

Dabei soll hier nicht negiert werden, dass Teile des Protestspektrums mit expliziten militanten Plänen angereist sind. Ein überschaubarer Teil der Protestierenden ist bei jedem Gipfelprotest auf symbolische Bilder der Konfrontation und der Zerstörung aus. Ob dieser Teil mobilisiert wird, wie er sich verhält und inwiefern er Legitimität organisieren kann, hängt stark von den Umständen ab. In Hamburg entwickelt sich eine Situation, in der immer weitere Gruppen gegen die Polizei aufgebracht werden und immer mehr Menschen sich Slogans zu eigen machen wie: „Ganz Hamburg hasst die Polizei”.

Hier wird auch die emotionale Qualität des Geschehens deutlich, am stärksten sicherlich nach der Zerschlagung der Welcome-to-Hell-Demonstration, die den Punkt markiert, an dem sich die Eskalationsspirale endgültig schnell zu drehen anschickt. Es sind solche Punkte, an denen die Eskalation Fahrt aufnimmt, an denen das Geschehen den Beteiligten entgleitet. Unsere Situationsanalysen deuten die Auflösung der Welcome-to-Hell-Demonstration als Prozess einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, indem Befürchtungen, Gewalterwartungen und Drohgebärden irgendwann einen wenigstens halbwegs kooperativen Umgang unmöglich machten. Die folgende Äußerung des Einsatzleiters Hartmut Dudde in einem Interview wurde traurige Realität: „Ein Wasserwerfer hat keinen Rückwärtsgang.” Die Tragik dieser Situation – wenn man angesichts des Rätsels der fehlenden Beauflagung nicht einfach bloßen Konfrontationswillen unterstellen will – liegt darin, dass sich die Polizei in ihrer düsteren Prognose so verfangen hatte, dass ein wenig Pragmatismus und Konzilianz zum Gesichtsverlust geführt hätte.

Das ist ein für Hamburg – und auch für verschiedene Gipfelproteste – typisches Vorgehen, das weder dem Stand zeitgemäßer polizeilicher Einsatzlehre noch dem Geist des Brokdorf-Beschlusses entspricht und auch polizeiintern kritisiert wurde. Einschneidend ist dieser Moment nicht nur wegen der vielen Verletzten, der Sachschäden und der durch das plötzliche Losschlagen ausgelösten Massenpanik, sondern auch, weil auf beiden Seiten Gewissheiten ins Wanken gerieten. Ein Protestierender formulierte, die Sicherheit , dass bei Protesten in Deutschland niemand auf der Straße liegenbleibt, war verschwunden. Entsprechend hoch kochten die Emotionen: Angst, Wut, Hass, aber auch Euphorie.

Auch die Ausschreitungen im Schanzenviertel entwickelten sich mit einer Eigendynamik, die die Beteiligung wiederum auf vorher Unbeteiligte ausweitet. Gruppen von Vermummten greifen die Polizei massiv an, um einen polizeifreien Raum herzustellen. Mit den Angriffen wird in der Wahrnehmung der Polizei die Schwelle zur Gefährdung von Leib und Leben der Beamt*innen überschritten. Diese Gefahreneinschätzung – und die Tatsache, dass Kräfte entsprechend der Einsatzprioritäten anderweitig gebunden waren – verzögert die Intervention und macht aus Polizeisicht den Einsatz von Spezialkräften erforderlich.

Hier wird auch besonders die Anspannung bei der Polizei deutlich. Sie resultiert bei den Beamt*innen auch aus den Erfahrungen mit den andauernden Konfrontationen, aus überaus langen Einsatz- und Bereitschaftszeiten, aus einer „Dauerbeschallung“ mit Bedrohungsszenarien über Funk und soziale Medien. All dies ist Ursache für den Erschöpfungszustand vieler Beamt*innen. Der trägt auch dazu bei, dass sich im Einsatz die ohnehin weitgehend feindselig ausgerichtete normative Rahmung der Interaktionen weiter verschiebt. Mit Gewalt vorzugehen erscheint ihnen mehr und mehr als geboten. Zusammengenommen bilden diese Faktoren den Hintergrund für häufig beobachtete Übergriffe auf Protestierende, Journalist*innen und Umstehende.

 

Mediale Deutung

Zur Wirkung der Medien im Eskalationsgeschehen lassen sich zwei zentrale Befunde herausstellen:

Zuerst zur Presseberichterstattung: Die Untersuchung ergab zum einen – wenig überraschend –, dass wieder einmal das Thema Gewalt mit seinem hohen Nachrichtenwert die Berichterstattung dominierte. In einem großen Teil der Medien sind die Anliegen der Proteste weitgehend untergegangen. Die Fixierung auf Gewalt hat zu einem Zerrbild dessen geführt, was in Hamburg tatsächlich für eine Vielfalt an Protestformen – mehrheitlich übrigens friedlicher Natur – stattgefunden hat. Schon mit diesem einseitigen Fokus sind die Medien Teil der Eskalation. Zu beobachteten ist aber auch eine starke Lagerbildung: Auf der einen Seite steht eine bürgerrechtsorientierte Position, die die Einschränkungen der Versammlungsfreiheit kritisiert und das demokratische Potenzial des Protestes herausstellt; auf der anderen Seite eine Law-and-Order-Position, die den Protest primär als Sicherheitsproblem deutet. Mit diesen sehr unterschiedlichen Framings haben die jeweiligen Erwartungsstrukturen der Medienkonsument*innen eine immense Verstärkung erfahren. Das Ergebnis ist eine weitere Polarisierung und der Verlust von Differenzierung.

In den sozialen Medien zeigt sich etwas Vergleichbares. Das Social-Media-Modul hat über 700.000 Tweets analysiert. Ergebnis: Zu Beginn der Proteste gibt es einen vielfältigen Twitterdiskurs, mit verschiedenen Standpunkten und gegenseitigen Bezugnahmen. Im Verlauf der Protestwoche bilden sich auch hier zwei Lager, die völlig getrennte Echokammern konstituierten.

Und: Ein Akteur gewinnt im Verlauf der Proteste so stark an Reichweite, dass er die Interpretation der Ereignisse entscheidend aus seiner Perspektive beeinflusst: die Hamburger Polizei. Damit wird ein zentraler Akteur des Konflikts zugleich zum massenmedial vielfältig aufgegriffenen Akteur der Deutung des Konflikts, indem er doch selbst Partei ist. Dies zeigt die Stellung der Polizei im Twitterdiskurs am Ende der Protestwoche.

 

Fazit

Am Ende erwies sich das vollmundige Sicherheitsversprechen, also die Vorstellung von Polizei und Senat, das Geschehen durch einen hohen Einsatz von Menschen und Material spielend kontrollieren zu können, als Illusion, ja nachgerade als Omnipotenzfiktion der Kontrollierbarkeit.

Dabei war das Gewaltniveau der Protestwoche für Gipfelproteste trotz aller Weltuntergangsrhetorik nicht beispiellos, auch die Aktionsformen des Protestes und die polizeilichen Vorgehensweisen waren an sich nicht neu. Dennoch stellt die Eskalation in Hamburg einen Einschnitt dar. Für die Analyse der Entstehung von Gewalt ist der Fall ein eindrückliches Beispiel für die Bedeutung der Verkettung von Ereignissen ebenso wie für die Eigendynamik situativer Konfrontationen. Dies bedeutet keinesfalls, dass die Planungen, Erwartungen und Entscheidungen der Handelnden keine Rolle spielen würden. Die Dynamik des Geschehens verwirklicht sich, im Gegenteil, gerade darin, dass die Beteiligten in der Verflechtung ihrer Handlungen ihre Kalkulationen verändern und Situationsdeutungen entwickeln, welche Gewalt möglich oder notwendig erscheinen lassen.

Wir haben – soweit dies in diesem umkämpften Gelände möglich ist – versucht, uns einer Bewertung weitgehend zu enthalten, sondern zu analysieren, was geschehen ist und warum. Wir hoffen, dass die politische Debatte trotz der eingangs geschilderten Begrenzungen und Verzerrungen in der Lage ist, wenigstens einige dieser Erkenntnisse aufzugreifen. Der Debatte über Hamburg 2017, aber auch grundsätzlich über Gipfelproteste, den polizeilichen Umgang mit Demonstrationen und damit auch über den immer bedrohten Zustand der Demokratie im Allgemeinen würde dies sicherlich nicht schaden.


 

Der Text basiert auf dem Vortrag des Autors zur Vorstellung des Forschungsberichts „Eskalation. Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017“ im Hamburger Institut für Sozialforschung und ist insofern als Zusammenfassung der Ergebnisse des Berichts auch ein Kollektivprodukt. Besonderer Dank für ihre Beiträge und konzeptionellen Ideen gilt den beiden Ko-Projektleitern und v. a. Initiatoren des Unterfangens Stefan Malthaner und Simon Teune. Weitere den Forschungsbericht ergänzende Satelliten-Texte sowie eine interaktive Karte der Protestwoche sind auf der Projektwebseite zu erreichen. Die Veröffentlichung wird begleitet von einer Debatte auf dem soziologischen Fachportal Soziopolis, wo sukzessive Texte zum Ansatz und Grenzen der Studie sowie darüber hinausreichende Aspekte veröffentlicht werden. Der mündliche Sprachduktus wurde weitgehend beibehalten.


Literatur:
Stefan Malthaner / Simon Teune /Peter Ullrich et al. (2018):
Eskalation. Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017.
Forschungsbericht, Berlin/Hamburg 2018. Download (6,3 MB)

Verfasst von:

Peter Ullrich

Erschienen am:

24. September 2018

Digirama

Die Eskalation. Linke Krawalle beim G20-Gipfel in Hamburg. Ein Problemaufriss

An Ankündigungen hatte es nicht gefehlt, wohl aber an Vorstellungskraft bei denjenigen, die sich in einer friedlichen Demokratie lebend wähnten: Die Hansestadt und ihre Bewohner*innen sahen sich beim G20-Gipfel Anfang Juli 2017 mit Krawallen, brennenden Fahrzeugen und Plünderungen konfrontiert. In dieser Zusammenstellung einiger ausgewählter Beiträge liegt der Fokus auf dieser Gewalt, ihrer Ankündigung und Rechtfertigung, vor allem aber auf dem Widerspruch.
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Information

Parlamentarisches Nachspiel

Im Juli 2017 beschloss die Hamburgische Bürgerschaft, eine „umfassende, parlamentarische Aufarbeitung der Geschehnisse rund um den G20-Gipfel vorzunehmen und zu diesem Zweck einen Sonderausschuss einzusetzen. In der Drucksache 21/9805, ein Antrag der Fraktion der SPD sowie der Grünen, wird der Auftrag an das 19 Abgeordnete umfassende Gremium definiert: Er wird aufgefordert, „die gewalttätigen Ausschreitungen, die im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel in Hamburg stattgefunden haben, aufzuarbeiten und eine Analyse und ganzheitliche Betrachtung von Tat-, Täter- und Unterstützungsstrukturen, des bundesweit abgestimmten Sicherheitskonzeptes sowie weiterer relevanter Umstände vorzunehmen. Ziel ist es, die richtigen Lehren zu ziehen, damit sich so etwas in Hamburg nicht wiederholt.“

 



zum Thema
G20 – Gipfeldiplomatie in Hamburg

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