Portal für Politikwissenschaft

Dieser Artikel wurde veröffentlicht von: Logo
Portal für Politikwissenschaft
Osterstraße 124 | 20255  Hamburg 

Kommentar

Foto: herbert2512 / PixabayFoto: herbert2512 / Pixabay

 

Energiemonitor 2018
Aktuelle Meinungen zur Energiewende

Der Energiemonitor des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) misst jährlich das Image der Energiebranche und der Energiewende. Für den Energiemonitor wurden keine Expert*innen befragt, da die Ergebnisse die Meinungen und Erwartungen der „ganz normalen“ Bevölkerung widerspiegeln.

Kohlestrom wird unwichtiger – auch bei SPD-Anhänger*innen

Die guten Nachrichten zuerst: Die Energiewende hat in Deutschland weiterhin einen hohen Rückhalt. Eine große Mehrheit wünscht sich einen vermehrten Einsatz von Sonnen- und Windenergie sowie einen geringeren Einsatz von fossilen Brennstoffen. Kohle wird zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit von 63 Prozent als nicht notwendig erachtet. Gut ein Drittel denkt, Kohle sei wichtig für eine sichere Stromversorgung in Deutschland. Interessanterweise glauben sogar jeweils 75 Prozent der Anhänger*innen von SPD und Linke, dass Kohle ersetzt werden kann (Grüne 76 Prozent).

 

BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 26. All rights reserved.BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 26. All rights reserved.


Es geht zu langsam voran


Die weniger guten Nachrichten: Die Menschen werden zunehmend skeptisch. Die Mehrheit ist der Meinung, dass die Energiewende „weniger gut“ bis „gar nicht gut“ vorankommt. Diesen Befund würden auch viele Expert*innen unterschreiben.

Auf der Habenseite der Energiewende stehen der Ausbau der Solar-Photovoltaik, die hohe Versorgungssicherheit, der Ausbau der Transportnetze sowie die robuste Beschäftigungsentwicklung in der Energiebranche.maschutzlücke im Stromsektor, der Primärenergiebedarf und der Stromverbrauch hinken den Reduktionszielen hinterher, der Ausbau und die Anbindung von Windparks kommen nicht wie geplant voran.

Im Koalitionsvertrag findet sich zwar ein Bekenntnis zu den Klimazielen 2020, diese wurden aber inzwischen mehr oder weniger offiziell ad acta gelegt. Das hat auch damit zu tun, dass die Bundesregierung die Erwartungen an die „Kohle-Kommission“ niedrig halten will. Die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken müsste bis zum Jahr 2020 halbiert werden, die installierte Leistung würde sich von rund 40 Gigawatt auf 20 Gigawatt reduzieren.

 

BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 18. All rights reserved.BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 18. All rights reserved.

 

Heimischer Strom ist gefragt

Die große Mehrheit der Befragten findet es „sehr wichtig“ und „wichtig“, dass der in Deutschland verbrauchte Strom auch im Land produziert wird. Aufgrund des europäischen Binnenmarktes und grenzüberschreitender Netze gibt es aktuell einen regen Stromaustausch mit den Nachbarstaaten, insbesondere mit der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. In 2017 hat Deutschland rund 69 Terrawattstunden (TWh) exportiert und ist damit Netto-Stromexporteur.

BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 27. All rights reserved.BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 27. All rights reserved.

 

Zu der Nachfrage nach heimischem Strom passt, dass zwei Drittel der Befragten der Eigenerzeugung und Hausbatterien in zehn Jahren eine sehr wichtige und wichtige Rolle zuschreiben. Hausgemachter und heimischer Strom stehen also hoch im Kurs.

Derzeit werden Möglichkeiten und Geschäftsmodelle dafür ausgelotet. Im New Yorker Stadtteil Brooklyn ist das für etwa zehn Wohnblöcke schon Realität. Die Anwohner*innen sind am Brooklyn Microgrid angeschlossen. Sie kaufen und verkaufen auch kleinste Mengen lokal erzeugten Stroms mittels einer App. Das Ganze basiert auf einer Blockchain-Technologie. Eine digitale Watt-Signatur bestätigt, dass der Strom auch wirklich lokal ist. Für diese home grown power und potenzielle Autarkie sind die Leute auch bereit, ein paar Cent mehr zu bezahlen. Es ist unklar, inwiefern das Geschäftsmodell innerhalb von Kiezen und Kommunen in Deutschland angewandt werden könnte.

Apropos Digitalisierung: Mehr Sicherheit, Komfort und Energieeinsparung werden als Vorteile von Smart-Home-Anwendungen angesehen, knapp ein Viertel der Befragten erkennt jedoch gar keinen Vorteil in der Nutzung digitaler Anwendungen. Als Nachteile werden Datenmissbrauch und mögliche Hackerangriffe von 66 Prozent der Befragten genannt.


Politische Uneinigkeit verzögert Energiewende

Die Befragten vermuten, dass die Energiewende nicht gut vorankommt, weil Finanzierungsprobleme auftreten, es politische Uneinigkeit und nicht genug Leitungen gibt. Zudem ist interessant, dass der Betrieb von Kohlekraftwerken als handfestes Hindernis gesehen wird.

BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 19. All rights reserved.BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 19. All rights reserved.


Die politische Uneinigkeit findet aktuell darin Ausdruck, dass zwischen Union und SPD über zwei zentrale energiepolitische Themen gestritten wird: über einen CO2-Preis außerhalb des Emissionshandels (der die Energiewende im Verkehr anreizen könnte) und über den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Gleichwohl denkt eine Mehrheit der Befragten, dass insbesondere Industrie und Stromerzeuger einen effektiven Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Zwei Drittel geben jedoch auch an, dass private Haushalte einen „sehr großen Beitrag“ oder „großen Beitrag“ leisten können.

BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 35. All rights reserved.BDEW-Energiemonitor, Kommentierte Zusammenfassung der Ergebnisse der Meinungsforschungsstudie, S. 35. All rights reserved.


Ergänzend zum BDEW-Energiemonitor sind die Umfragen Soziales Nachhaltigkeitsbarometer zur Energiewende (IASS) und das Expert*innen-Monitoring der Energiewende (Bundesregierung) interessant.


Zur Erstveröffentlichung des Kommentars:

Stefanie Groll
Energiemonitor 2018: Aktuelle Meinungen zur Energiewende
Heinrich-Böll-Stiftung; 27. April 2018.

Verfasst von:

Stefanie Groll

Erschienen am:

30. Juli 2018

Analyse

Die politische Umsetzung der Energiewende. Soziales Nachhaltigkeitsbarometer des IASS gibt Hinweise

Um die Einstellungen der Bevölkerung in Deutschland im Hinblick auf die Energiewende sowie politische Handlungsbedarfe zu erkennen, wurde unter Federführung des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) ein Monitoringinstrument erstellt: das Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Energiewende 2017. Ausgewählte Ergebnisse des ersten Barometers stellen Daniela Setton und Ortwin Renn vor. Dabei zeigt sich zwar eine breite Unterstützung in der Bevölkerung für die Energiewende, weniger positiv wird jedoch ihre politische Umsetzung eingeschätzt.

weiterlesen

 

 


Information

ISPEX AG (2018)
BDEW-Energiemonitor 2018

„Der BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft) hat in einer repräsentativen Umfrage verschiedene Branchenthemen in der Bevölkerung untersucht. Die Ergebnisse sind unter anderem, dass sich das Image der Unternehmen aus der Energie- und Wasserbranche insgesamt verbessert hat, besonders das der Gasversorger. Das Meinungsbild zur Energiebranche als solches blieb im Ganzen unverändert. Bei den energiepolitischen Themen stehen die ‚Erneuerbaren Energien‘ im Vordergrund, gefolgt von dem neu hinzugekommenen Sachverhalt ‚Kohle und Kohleausstieg‘. Die Energiewende wird von einer sehr großen Mehrheit der Befragten als wichtig oder sehr wichtig eingestuft, kommt aber nach überwiegender Meinung nicht voran. Die Versorgungssicherheit stuft eine sehr deutliche Mehrheit als sicher ein und präferiert Sonnenergie als zukünftigen Energieträger am meisten.“ (Eigendarstellung)


 Medienschau

Im Fokus: die Kohlekommission

Michael Gassmann / Nikolaus Doll
Und plötzlich wird die Energiewende zur Nebensache degradiert
welt.de, 26. Juni 2018

Planung des Kohleausstiegs Mitglieder der Kohlekommission stehen fest
SPIEGEL Online, 4. Juni 2018

Kohlekommission sucht das Ausstiegsdatum
wdr.de, 26. Juni 2018

Kohlekommission mit CSU – aber ohne die Grünen
rbb24.de, 26. Juni 2018
 


zum Thema
Deutschland im Energiewandel

zum Überblick
alle neuen Beiträge

Suchen...