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Rezension

America First!
Über die Rückständigkeit einer Politik der Rücksichtslosigkeit

„America First“ – Es muss für europäische und deutsche Ohren geradezu unheimlich geklungen haben und in Mark und Bein gefahren sein, als der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, mit anschwellendem Fortissimo und in einschüchternder Manier schon im Wahlkampf angekündigt, jenen Schlachtruf zur Grundlage seiner bevorstehenden Amtszeit auserkoren hat. Im außenpolitischen Rahmen lässt sich diese dann eingeschlagene Marschroute an den „bösen Staaten“ wie Iran und China oder der „Achse des Bösen“ sehr drastisch, an den europäischen Verbündeten und der EU im recht herablassenden Betragen exemplifizieren. Es zählt ausschließlich das eigene Land, die Länder in allen anderen Hemisphären werden gleich von vornherein wie ‚natürliche‘ Feinde wahrgenommen. Es gibt natürlich Ausnahmen. Das sind in mehrfacher Hinsicht gewichtige Staaten, die den Vorstellungen und Gepflogenheiten eines demokratischen Gemeinwesens westlicher Prägung sehr fern stehen und eigenartige bis besorgniserregende Ansichten von Demokratie haben wie zum Beispiel Russland oder Brasilien. Über den uns unermesslich erscheinenden Massen von multilateralen Verträgen und Abkommen auf globaler, kontinentaler oder regionaler Ebene und den sich daraus ergebenden Vorteilen und Verpflichtungen für einen Staat, über den internationalen Organisationen wie die Vereinten Nationen und ihren mannigfachen Unterorganisationen – über all diesen institutionellen Gegebenheiten in den inter-, trans- und supranationalen Beziehungen hängt seit 2017 das Damoklesschwert des Scheiterns, des Ignorierens, des Unpatriotischen, des Misstrauens, des Absentismus. Dieser multilaterale Kontraktualismus müsse beiseitegeschoben werden, weil sie nur das Wohlergehen und die Handlungsmöglichkeiten und -erfordernisse hemmen, ja ganz zähmen würden. Nichts ist der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik mehr zuwider, als einen „Koloss auf tönernen Füssen“ abzugeben und sich dem Gespött der Welt auszuliefern. Dagegen wird die Heroisierung des American way of life gesetzt, der nicht nur durch den sprichwörtlichen common man repräsentiert wird, sondern sich de facto rassistisch, egoistisch (rugged individualism, ein Begriff aus der Zwischenkriegszeit), fundamentalistisch, parochialistisch, bellizistisch, plutokratisch und wirtschaftsimperialistisch zum Ausdruck bringt. Differenzierungsansprüche, -angebote und -leistungen sind nicht nur unerwünscht, sondern werden als ‚unamerikanisch‘ unbarmherzig guillotiniert, selbst in den eigenen administrativen Reihen. Dies – und vieles mehr noch – ist die Situation US-amerikanischer Regierungspolitik im Allgemeinen und der Außenbeziehungen im Besonderen seit dem Tage, an dem Donald Trump mit seiner Entourage vom Weißen Haus Besitz ergriff. Und die Maxime „America First“ formt er zu seinem politischen Handwerkszeug. Unglücklicherweise werden dadurch die Sinne des seriösen nicht-amerikanischen Resonanzraums so vernebelt, dass dieser sich tatsächlich in dem Glauben wiegt, dieser Slogan sei Trumps eigene Erfindung.

Abgesehen davon, dass man mit dieser Einschätzung Trump viel zu viel Ehre angedeihen ließe, so ist tatsächlich die „America First“-Doktrin das Essential des US-amerikanischen sozialen und politischen Systems seit der Unabhängigkeit beziehungsweise dem Bestehen der Vereinigten Staaten. Diese Doktrin bildet die Grundlage des US-amerikanischen gesellschaftlichen und politischen Lebens, das als Ausgangs- und Fluchtpunkt zugleich ausgezeichnet ist, was das Dasein der ehemaligen britischen Kolonie in ca. 250 Jahren Geschichte im Kern bestimmt hat und ausnahmslos in dieser ‚Metaphysik‘ zentriert. Kein Präsident, keine Regierung hat diese Praxis je infrage gestellt. Trump hat sie lediglich radikalisiert. Der Autor Wolfgang Plasa demonstriert in seinem lesenswerten kritischen Buch, wie dieses „America First“, wie diese „Pax Americana“ geformt war, welche Strategien eingesetzt wurden, wie die Verflechtungskontexte bestimmt waren, in denen sich dies abspielte, und was daraus jeweils resultierte – mit welchen mehr oder weniger schwerlastenden Konsequenzen. Für Plasa ist „America First“ sowohl in einer radikalen als auch in einer abgemilderten Form denkbar. Letztere könnte etwa lauten: „Wir sollten versuchen [..,] welche Schritte und Maßnahmen erforderlich sind, um die berechtigten Interessen und Wünsche unserer Bevölkerung zu schützen und zu verfolgen, und uns bemühen, sie unter Beachtung rechtlicher und moralischer Prinzipien in die Tat umzusetzen.“ (9) Die radikalere würde hingegen lauten: „Wir machen die Regeln und legen sie aus, doch gelten sie nur für die anderen. Wir sorgen dafür, dass die anderen sie beachten, aber wir unterwerfen uns nur unserer eigenen Gerichtsbarkeit. Wir wollen alles haben, und wir nehmen, was wir bekommen können. Dafür setzen wir alle Mittel ein, auch Gewalt, Rechtsverletzungen und Lüge“ (10). Ganz offensichtlich suggeriert der Buchtitel, dass der Autor die radikale Form zum Maßstab seiner Untersuchung gemacht hat.

Zum besseren Verständnis seien zunächst einige biografische Details erwähnt. Plasa gehört nicht jenem Kreis von ressentimentgeladenen Kritikern des US-amerikanischen politischen Systems an, die – von außen oder von oben herab – es nicht für nötig erachten, sich mit der politischen Kultur der USA eingehender zu beschäftigen, um etwa bestimmten außenpolitischen Denkvorstellungen und Manövern gerecht zu werden. Allzu leicht verfällt man dann in einen geistlosen Antiamerikanismus, der wirklich tragfähige Kritik in ihrem Aussagewert verdeckt und so durch den Anti-Antiamerikanismus seine ‚natürliche‘ Identifizierung mit den Werten und Interessen der USA ausspielen lässt. Wolfgang Plasa hat, als ausgebildeter Jurist, sein ganzes Berufsleben im Maschinenraum der Internationalen Beziehungen verbracht. Er sah und sieht manches, was die professionellen Beobachter nicht sehen, nicht sehen können oder wollen und dies halbgar unter die Leute bringen. Er wurde Beamter bei der Europäischen Kommission. In dieser Position suchte er Entscheidungen zu beeinflussen, die US-amerikanische Akteure dazu brachten, diese auszuhebeln und in ihrem Sinne zu formulieren suchten. Seit 1971 hat Plasa die USA kreuz und quer bereist, beruflich wie privat. Er tat seinen Dienst bei den Vereinten Nationen. Im Auftrag der EU hat er bei der Welthandelsorganisation in Genf dauernd mit amerikanischen Verhandlungspartnern zu tun gehabt und spüren können, „auf welche Weise und mit welchen Zielen sie Außenpolitik machen.“ (22). Er vertrat die EU als Diplomat im Libanon, Chile und Algerien. Aber kein Aufenthalt war so prägend für Plasa wie seine Tätigkeit in Afghanistan. Es war der afghanische Präsident Ashraf Ghani, der ihn bat, ihm als Berater für handelspolitische Fragen zur Seite zu stehen. Seit 2001 befanden sich Truppeneinheiten der NATO in diesem Land. Er wollte wissen, mit welcher Absicht dies geschah und welche Rolle dabei die USA spielten. Alle ihm zugänglichen Antworten erschienen ihm unbefriedigend. Schließlich erkannte er, dass die eigentliche Antwort nicht in Afghanistan, sondern in den USA zu suchen ist. Das war der Anlass zu diesem Buch. Dem „Fall Afghanistan“ räumt Plasa knapp 150 Seiten ein. Aber im Grunde handelt es sich um ein Buch über die Geschichte und Gegenwart der Vereinigten Staaten selbst (3 f.).

Es lag und liegt in dieser exzessiv ausgelebten, bisweilen naiven Selbstgewissheit der USA, die Welt sich so zurechtzulegen, wie es den Interessen dieser Weltmacht am besten zustattenkommt: durch Kriege, durch Interventionen, ökonomische Penetrierung, Instrumentalisierung von internationalen Organisationen für ihre Zwecke – so lässt sich die Grundthese von Plasas Ausführungen auf den Punkt bringen. Diese These durchzieht seine Abhandlung wie ein roter Faden, den eine gewisse Linearität auszeichnet. Der Preis, den er dafür zahlen muss, bezeichnet aber auch Plasas Grunddilemma. Doch davon später.

Das amerikanische Gemeinwesen mag begründet sein in einem in die Wiege gelegten exceptionalism im Sinne eines Auserwähltseins und in einem manifest destiny im Sinne eines Expansionsdrangs, der nach Westen hin am Pazifik, nach Süden hin am Rio Grande nicht Halt machte. Eigene Überlegenheitsgewissheit gegenüber anderen Völkern und damit einhergehend ein tiefsitzender Glaube an die Prädestination an ein, wenn es sein muss, aggressives Missionierungsgehabe in ihrem Außenverhältnis, wo sich Widerstand entgegenstellte, mit allen Mitteln vorzugehen: Kriege, ob formell erklärt oder nicht, erschienen im Ernstfall als unvermeidlich und wurden auch so gerechtfertigt. Als Beleg listet Plasa alle Kriege auf, die die USA je geführt haben: beginnend mit dem Unabhängigkeitskrieg (sic!), endend mit dem Syrien-Konflikt. Insgesamt kommt er auf die Zahl 17, darin eingerechnet die sogenannten Indianerkriege und der Sezessionskrieg. In der Summe erkennt Plasa einige interessante Strukturähnlichkeiten, unter anderem:

1. Unter der Prämisse, dass es gemäß völkerrechtlicher Übereinkunft lediglich legale (Verteidigungs-) und illegale Kriege gibt, heißt das für die USA, dass sie nur dreimal im Auftrag der UN Krieg führte: in Korea 1950-53, im Irak 1991 und in Somalia 1993-94. Alle anderen stuft Plasa als völkerrechtswidrig ein: Vietnam, Laos, Kambodscha 1964-72, auf dem Balkan 1995-99, im Irak 2003 (Verweigerung des Mandats durch die UN), Libyen 2011 und Syrien 2011.

2. Die Verhältnismäßigkeit der Einsätze waren nicht gewährleistet, das heißt, aus an sich unbedeutenden Anlässen leiteten die USA die Rechtfertigung von aggressiven Gewaltmaßnahmen ab. Ein Beispiel: „War Hiroshima eine angemessene Antwort auf Pearl Harbour?“ (117).

3. Es ist vorgekommen, dass die Kriegsgründe fingiert waren. Das berühmteste Beispiel ist der „Tonkin-Zwischenfall“, der Anlass des amerikanischen Engagements in Vietnam war. Es hat sich später herausgestellt, dass diese Begebenheit – im August 1964 sollen zwei nordvietnamesische Schnellboote zwei amerikanische Kriegsschiffe im Golf von Tonkin angegriffen haben – eine Finte war.

4. Die Kriegsziele umfassten immer drei Aspekte: Gebietserwerb (Mexiko 1848, Spanien 1898), Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen (Interventionen in Lateinamerika im Sinne einer Counter-Insurgency-Politik bei der Wahl ‚linker‘ Regierungen, Sicherstellung der Monopolstellung US-amerikanischer Konzerne), Stärkung des Einflusses in der Welt. (115 ff.).

Zuhauf stützten sich die USA auf diverse Doktrinen und Weltordnungsvorstellungen, die, so der Autor, dazu ausersehen waren, die Interessen der Vereinigten Staaten in allen Weltgegenden zur Geltung zu bringen und zu wahren. Ob es die Monroe-Doktrin war (1823, 204 ff.), die Open-Door-Policy in Bezug auf das chinesische Kaiserreich, 1898, 206f.), die Big-Stick-Policy („Politik des dicken Knüppels“, verkündet von Theodore Roosevelt, 207 f.), Wilsons 14 Punkte (inklusive Nicht-Ratifizierung der Völkerbund-Satzung durch den Kongress, 208 ff.), die Sichtbarmachung des amerikanischen Einflusses in internationalen Organisationen wie der UNO, des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, des GATT und der WTO (212 ff.), die Truman-Doktrin (policy of containment, 224 f.), der sogenannte Washington Consensus Ende der 1980er-Jahre (Liberalisierung des Welthandels und der Finanzströme, Dogma der Deregulierung beziehungsweise Privatisierung, 232 ff.), die Wolfowitz-Doktrin (Anerkennung der Führungsrolle der USA und deren oberstes Ziel, diese auch zu zementieren und jede Machtentfaltung eines anderen Staates aktiv zu blockieren, 241 f.), die Nationale Sicherheitsstrategie vom September 2002 (Bush-Doktrin: Priorität aller Außenpolitik ist die Sicherheit der USA, Recht auf pre-emptive strike). Die vitalen Interessen anderer, auch befreundeter Staaten müssen sich diesem Ziel unterordnen. (242 f.) Alle diese von Plasa aufgezählten Doktrinen, strategischen Planungen sowie außen- und sicherheitspolitischen Glaubenssätze spiegeln im Grunde nur das wieder, was der im 19. Jahrhundert geprägte Begriff des manifest destiny zum Ausdruck bringen sollte: Es entspricht dem vorherbestimmten Schicksal der amerikanischen Nation, sich als „Neue Welt“ der „Alten Welt“ als überlegen zu erweisen und aus dieser immanenten Überlegenheit heraus es sich zur Aufgabe zu machen, die Welt nach ihrem Geiste zu formen – durch Expansion, Nachdruck, Nachhilfe, Interpenetration. Also bedarf es einer klärenden Analyse des gesellschaftlichen und politischen Systems der USA und seiner politischen Kultur, um diese ‚Schicksalsbehaftetheit‘ verstehen zu können.

Und Afghanistan? Was diesen Kriegsschauplatz angeht, so ist sich Plasa überhaupt nicht sicher, warum die USA (im Rahmen der NATO) dort überhaupt Krieg führten und ihre Truppen immer noch in dem Land stationiert sind. Sie führten ja nicht Krieg gegen den afghanischen Staat. Sie führten dort Krieg, um sicherzustellen, dass Afghanistan „nie wieder“ ein Rückzugsgebiet für terroristische Organisationen darstellt, die auch die USA selbst bedrohen könnten (166). Dieses Kriegsziel ist aber nicht erreichbar. Das lässt sich schon an den starken Schwankungen der Truppenstärke ablesen. Hatte im September 2009 der amerikanische Oberbefehlshaber der NATO-Truppen angemahnt, dass zur erfolgreichen Bekämpfung des Terrorismus in Afghanistan 500 bis 600 Tausend Soldaten benötigt würden, umfasste das US-Truppenkontingent (und auch nur zwei Jahre lang) nicht mehr als ca. 90.000 Soldaten. Plasa leitet davon ab, dass die USA nicht gewillt seien, „alles daran zu setzen, diesen Krieg zu gewinnen“ (157). Hinzu komme, dass sowohl Barack Obama als auch Trump in ihren Wahlkämpfen versprochen hatten, alle Truppen abzuziehen, was in beiden Fällen nicht geschah. Es stellen sich Fragen über die Plausibilität dieses Krieges: Warum zum Beispiel wird dieser nur in Afghanistan geführt? Bin Laden stammte aus Saudi Arabien. Gab es dort keine al-Quaida-Terroristen? Auch in anderen Ländern (wie in Pakistan) können Terroranschläge vorbereitet werden. Bin Laden fand immerhin für zehn Jahre Unterschlupf in diesem angrenzenden Staat. Schließlich stimme die Verhältnismäßigkeit zwischen Kriegsziel und eingesetzten Mitteln nicht. „Um das offiziell erklärte Ziel zu erreichen, ist der Aufwand dagegen viel zu gering.“ (170) Plasa sieht vor allem fünf handfeste Kriegsgründe, die hier nur kurz erwähnt werden können: Bodenschätze, Interessen des militärisch-industriellen Komplexes, volkswirtschaftliche sowie geopolitische und geostrategische Erwägungen, Vermeidung von Gesichtsverlust (kein neues ‚Vietnam‘!, 172 ff.). Und noch ein Wort zu Pakistan: Plasa fragt sich, warum Bin Laden sich in Pakistan unbehelligt jahrelang verstecken konnte, ohne dass Pakistan diese Information an ihren Geldgeber USA weitergegeben hätte. Dieser Tatbestand lege – so der Autor –, die Vermutung nahe, dass Bin Laden, so lange er lebte, der beste Rechtfertigungsgrund für den Krieg gegen den Terrorismus darstellte (197).

Auf fast 200 Seiten hat Plasa darauf seinen kritischen Blick geworfen und seine Einsichten unter die Überschrift „Die Rückständigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika“ (Kap. 6, 271-354) gestellt. Ihm war klar, dass die US-amerikanische Weltpolitik im Grunde Innenpolitik war und ist. Die Agenda von Trumps Politik ist der beste Beweis dafür. Plasa sieht drei Ursachen für die Rückständigkeit der USA: (1) eine im Grunde konservative und (2) unkritische Grundhaltung ihrer Bürger*innen (wie etwa Mangel an politischem Interesse und politischer Bildung) sowie (3) bestimmte verfassungsrechtliche Regularien, die der politischen Stabilität den Vorzug geben (285). Letzteres betrifft zum Beispiel das System der checks and balances, das Austarieren von legislativer und exekutiver Gewalt, um dem möglichen Übergewicht der einen über die andere Gewalt vorzubeugen beziehungsweise Amtsmissbrauch zu verhindern. Dass dieses Instrument äußerst fragil war und ist, lässt sich am Beispiel von Militäreinsätzen sehr gut belegen. Kriege kann der Verfassung nach nur der Kongress erklären – einerseits. Doch Oberbefehlshaber aller Teilstreitkräfte ist der Präsident – andererseits. So ergibt sich die Frage, ob der Präsident auch ohne Zustimmung des Kongresses befugt ist, Militäreinsätze anzuordnen. Die Geschichte hat überdeutlich gezeigt, dass sich die Präsidenten das Recht herausgenommen haben, unter Inanspruchnahme des executive privilege offene oder verdeckte Auslandseinsätze unter Umgehung des Kongresses zu befehlen. Auch die berühmte War Power Resolution von 1973 – die legislative Reaktion auf den nicht-erklärten, für die USA desaströsen Ausgang des Vietnamkrieges – hat im Grundsatz daran nichts geändert: „Denn gewöhnlich wird der Kongress vor vollendete Tatsachen gestellt.“ (337). Hinzu kommen die Mehrheitsverhältnisse im Senat beziehungsweise im Repräsentantenhaus. Im Allgemeinen stellte sich die jeweilige Mehrheit hinter „ihren“ Präsidenten. Plasa charakterisiert die USA als „eine Demokratie mit Einschränkungen“ und mit prekärer Legitimität. Insbesondere die immanenten Defekte institutioneller Kontrolle von Militäreinsätzen erscheine „als ein Relikt aus vordemokratischen Zeiten“ (343). Zu den Defekten der amerikanischen Demokratie (dieses Wort kommt übrigens im Verfassungstext überhaupt nicht vor!) gehöre ihr Mangel an sozialer Kohäsion. Die sozio-ökonomischen Differenzen zwischen Reichen und Armen sind zu krass, um nicht zu sagen: beschämend zum Himmel schreiend. Innerhalb der Machtelite ist Solidarität Mangelware, mehr noch: sie war schon immer brutal und rücksichtslos (352 f.).

Im letzten Kapitel stellt Plasa die Frage, „wie wir unser Verhältnis zu den Vereinigten Staaten gestalten sollten.“ Mit „wir“ meint er Europa und Deutschland. Am Anfang steht eine Art Fundamentalkritik der US-amerikanischen Außenpolitik, die sich im Begriff einer Hegemonialpolitik auf den Punkt bringen lässt und eine spitzzüngige Zusammenfassung dessen darstellt, was Plasa in sechs Kapiteln breit dargelegt hat. Dabei stellt sich heraus: die Vorteile sind „sehr, sehr wenig“ (367). Selbst in den Fällen, wo europäische Länder die USA unterstützten – wie im Dritten Golfkrieg –, offenbarte sich die amerikanische Außenpolitik nach Kriegsende Großbritannien und Spanien gegenüber als wenig dankbar (ebd.). Zu den Nachteilen: Die EU wurde in den Ukraine-Konflikt hineingezogen, den die USA ‚angezettelt‘ hatten, indem sie behaupteten, Russland würde einen Waffengang mit ihnen provozieren. So stellten sich die USA auf die Seite der Ukraine. Die Annexion der Krim 2014 sieht der Autor als einen Befreiungsschlag Moskaus im Blick auf ein potenzielles Bedrohungsszenario seitens des Nordatlantikpakts (368 f.).

Der Autor empfiehlt, künftig die Außenpolitik Deutschlands so zu konzipieren, dass sie den „imperialistischen Ambitionen der Hegemonialmacht“ (1) ihre Hilfe in der Hoffnung auf Partizipation an den Früchten des Sieges nicht verweigert und (2) versucht, sich aus internationalen Konflikten, in denen die USA eine Hauptrolle spielen, herauszuhalten, wenn auch unter der Maßgabe einer stillschweigenden Billigung der US-amerikanischen Vorgehensweisen (382). Im Detail schlägt der Autor einige Optionen vor: Mut zum eigenen Urteil (gegen das Prinzip: Kritik an den USA ist tabu); die Einnahme einer selbstbewussteren Haltung gegenüber den USA (auch mit unmissverständlicher Gegenrede); Identifizierung eigener Interessen (deutsche Interessen sollen nicht kritiklos wie automatisch mit denen der USA koinzidieren); Identifizierung von Herausforderungen wie Kampfansagen oder Drohungen; Mut zur Wahrheit (Maßnahmen im Sinne der USA nicht als ‚geheim‘ klassifizieren, was der Großteil der deutschen Bevölkerung als unmoralisch beziehungsweise völkerrechtswidrig einstufen würde); Verweigerung von Gefolgschaft (sich nicht zum Sklaven der „Arroganz der Macht“ machen, 382 ff.). Was den letzteren Punkt angeht, so meint Plasa, dass dies leichter zu bewerkstelligen sei, als es scheine – und zwar aus dem Grunde, weil der Führungsrolle der Vereinigten Staaten die demokratische Legitimation fehle (388 f.). An früherer Stelle führt der Autor die fehlenden binnenstaatlichen Kontrollmechanismen als Beleg an, die die Delegitimierung der US-amerikanischen Außenpolitik nahelege: Falschmeldungen, um die heraufbeschworenen Gefahren für das Land in den schlimmsten und schrillsten Tönen einer unkritischen Bevölkerung ins (falsche) Bewusstsein zu bringen. Den politischen Akteuren der Europäischen Union empfiehlt Plasa folgendes: (1) eine gemeinsame Außenpolitik zu formulieren, die auch wirklich das integrative Moment stärkt; ansonsten werden die USA weiterhin aus einer stärkeren Position heraus die außenpolitischen Richtungen bestimmen und die Grenzen in ihrem Sinne ziehen. (2) Aufbau von Strukturen für eine europäische Verteidigungspolitik, um die Abhängigkeit von den amerikanischen Interessen, die im Laufe der Zeit immer aggressiver wurden, zu stoppen (sich der Vormundschaft der USA im Rahmen der NATO zu entziehen). (3) Verzicht auf Mehrausgaben für Rüstung – von den USA seit Jahrzehnten gebetsmühlenhaft den Partnern, besonders Deutschland, vorgehalten – und keine Beteiligung an militärischen Operationen im Ausland. (389-391) Fast händeringend bestärkt Plasa die Gemeinschaft der Staaten, dass es keinen Aufschub duldet, Regelungen zu finden, „die unserem Gesellschaftssystem und Sozialmodell entsprechen und nicht dem US-Kapitalismus“ (392)

Es ist in der Tat ein kritisches, ja außerordentlich kritisches Buch über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika. Plasa gesteht auch unverblümt ein, dass seine Aussagen und Urteile „gezwungenermaßen subjektiv“ seien (355). Das gilt allerdings auch für jene Teile, von denen er denkt, sie seien in einer faktenorientierten Weise niedergeschrieben. Man stößt auf Passagen, die alles andere als Applaus aufkommen lassen. Im Detail kann das nicht in diesem Rahmen ausgebreitet werden. Das ändert freilich nichts daran, dass das Werk durch ein hohes Maß an Seriosität und Reliabilität besticht. Oben ist von einem Grunddilemma gesprochen worden, in das sich Plasa wohl ungewollt hineinmanövriert hat. Und das bereitet einem historisch denkenden und einem politikwissenschaftlich synthetisierenden Betrachter Unbehagen. Ein Unbehagen, das darin gesucht werden könnte, dass die erwähnte ‚Linearität‘ sich zu einer teleologischen Betrachtungsweise auswachse: dass also amerikanische Politik, nach innen wie nach außen hin, in der Hauptsache im Sinne von Ursprungsdenken erklärt und verstanden werden müsse, wonach die Anfänge die Folgewirkungen gebiert. Dass aber dabei das Denken in Entwicklungen zum Verschwinden gebracht wird, obwohl es ein essential historischer und sozialwissenschaftlicher Akt der Erkenntnissuche ist, lässt sich nicht leugnen. Dieses sollte aber mindestens gleichwertig als analytisches Korrektiv seine Berechtigung haben. Wird dies evident, dann lassen sich zwangsläufig die verschiedenartigsten Kontexte, in denen sich die US-amerikanische Außenpolitik bewegt und auf die sie einwirkt als Wegmarken bestimmen, deren Beachtung dazu führen kann, mit größerer Wahrscheinlichkeit die Komplexität dieser Politik eine Spur reflektierter zu erfassen.

Wolfgang Plasa hat nach einem Jahr Tätigkeit seine Beraterdienste quittiert. Er mußte einsehen, daß die Afghanen nach 40 Jahren Einmischungspolitik ausländischer Mächte es sich bequem gemacht haben, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht auf diesem Polster auszuruhen beziehungsweise sich nur auf Entwicklungsprojekte zu verlassen. Ernüchternd stellt er fest, dass zu viele Afghanen lediglich daran interessiert seien, „dass alles so bleibt, wie es ist.“ (193).

 

Verfasst von:

Arno Mohr

Erschienen am:

22. April 2020

Wolfgang Plasa

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