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Die neuen Bundesländer sind auch Teil des postsowjetischen Raums. So betrachtet ist es nicht überraschend, dass PEGIDA auch mit Unterstützung polnischer Nationalisten demonstrierte, Dresden, 25. Januar 2015. Foto: Kalispera Dell (Wikimedia Commons)

An der Oberfläche
Analysen zu Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Ostdeutschland

Am Anfang war es ein ostdeutsches Sonderbewusstsein, das Christoph Kleßmann 2009 grummelnd unter der Oberfläche wahrnahm, damals profitierte noch die Linkspartei vom Unbehagen, mit dem einige ehemalige DDR-Bürger den Zusammenfall von Einheit und Globalisierung beobachteten. Wenig später stellten Monika Deutz-Schroeder et al. bei Schülerinnen und Schülern eher keine Ost-West-Unterschiede im historischen Wissen fest, sondern wie gering es war – für viele verschwammen die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur, einige wussten bei der Befragung mit dem Begriff Rechtsstaat nichts anzufangen.

Die Einstellungen und Ansichten über den Systemumbruch sowie Wissensstände und Bildungsgrad gehören zu den Hintergrundfaktoren, vor denen eine lautstarke Minderheit sichtbar wird: Als Vehikel dienen die steigenden Flüchtlingszahlen, PEGIDA beginnt in Dresden zu demonstrieren – vorgeblich lebt dabei die Tradition der Montagsdemonstrationen auf, tatsächlich aber besteht eine Kontinuität zu fremdenfeindlichen Kampagnen der Zwischenkriegszeit, wie Steffen Kailitz erklärt. Die AfD schließt zu diesen Strömungen auf und profiliert sich – mit gutbürgerlichem Personal – als rechtspopulistische Partei der Modernisierungsverlierer. Bei ihr haben, so geht aus der Leipziger Mitte-Studie hervor, bereits vorhandene Denkweisen eine Heimat gefunden. Am Beispiel Thüringen zeigt Christoph Lammert, dass sich aber nicht nur das rechte politische Lager, das sich noch vorzeigbar wähnt, modernisiert hat. Auch die extreme Rechte versucht, ein neues Auftreten zu zeigen und so in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen.

Matthias Quent stellt dieser Entwicklung und vor allem den rechtsextremen, fremdenfeindlichen Gewalttaten die Bielefelder Untersuchungen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gegenüber und hält fest: Es gibt nicht mehr menschenfeindlich eingestellte Personen, sehr wohl aber „eine Radikalisierung im Sinne einer gesteigerten Handlungsbereitschaft im Kontext der Asyldebatte.“ Wolfgang Benz erinnert an die einzigen wirksamen Gegenmittel: Vernunft und Aufklärung.

Die Analysen sind in chronologisch absteigender Reihenfolge sortiert.

 

Wilhelm Heitmeyer, interviewt von Matthias Micus und Marika Przybilla-Voß
„Was als normal gilt, kann nicht mehr problematisiert werden“
INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Heft 3, November 2017

In diesem ausführlichen Interview rekapituliert Wilhelm Heitmeyer, von 1996 bis 2013 Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, Erkenntnisse aus der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“. Im Mittelpunkt standen dabei stets die „Schattenseiten der Globalisierung“ (so auch der Titel des ersten Bandes). „Schon damals ging es um Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischen Regionalismus in westlichen Demokratien – dies zu einem Zeitpunkt, als das noch nicht die große Frage war, aber es erschien uns notwendig. Der Antrieb war schon zu diesem Zeitpunkt, ein Gespür dafür zu entwickeln, was sich außerhalb des Mainstreams beobachten lässt.“ Im Hintergrund hätten Thesen über die Verkoppelung von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung und Rechtspopulismus gestanden. Mit Blick auf Ostdeutschland stellt Heitmeyer fest, dass seiner Ansicht nach viele „Pegida“-Mitläufer „gar nicht hinhören, was da auf dem Lautsprecherwagen gesagt wird, sondern dass das Wichtigste schlicht das Gemeinschaftsgefühl ist, der Eindruck, Teil einer großen Gruppe, eines Kollektivs, zu sein“. Auch sei es „eine interessante Überschneidung“, dass der Protest, der sich vor dem Hintergrund einer Entwicklung formierte, in der „die Demokratie als Dienerin des Marktes“ auftritt, gerade in Dresden kulminierte – „in einer Stadt, die sich von ihren Schulden freigekauft hat, indem sie den gesamten sozialen Wohnungsbau an einen amerikanischen Investor verkauft hat, der sich für das Funktionieren des Gemeinwesens nicht interessiert und dies in der Logik des hier Vorgetragenen auch nicht soll und darf. Kurzum: Wir sehen eine Verschiebung der Kontrollmöglichkeiten“.

 

Heinrich Best / Steffen Niehoff / Axel Salheiser / Lars Vogel
Thüringen-Monitor 2017: Thüringens ambivalente Mitte: Soziale Lagen und politische Einstellungen
Institut für Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 1. November 2017

Im Jahr 2000 ist mit der Dauerbeobachtung der politischen Kultur in Thüringen begonnen worden, seither werden „jährlich empirische Befunde zur Entwicklung der Demokratiezufriedenheit, der Demokratieunterstützung und den politischen Einstellungen der Thüringer Bevölkerung generiert“, heißt es einleitend in der Zusammenfassung. Im Mittelpunkt habe in diesem Jahr die Vermessung der sozialen und politischen Mitte gestanden, schreibt Heinrich Best weiter, zu den Befunden zähle, dass 93 Prozent der Befragten mit ihrem Lebensstandard zufrieden seien. Allerdings fühlten sich 69 Prozent der Befragten politisch nicht wirksam vertreten. Ein wesentlicher Kritikpunkt sei auch die Verteilungsgerechtigkeit. Mehr als die Hälfte der Befragten äußere sich negativ über Langzeitarbeitslose, die damit nach den Muslimen die am stärksten abgelehnte Gruppe darstellten.

Wahrnehmungen über (vermeintliche) Ungerechtigkeiten in der Verteilung zeige sich auch in Form von Fremdenfeindlichkeit. Diese und der Rechtsextremismus werden in der Studie detailliert analysiert. „Wenn wir nach Erklärungen für ‚Rechtsextremismus‘ und die mit ihm verbundenen Einstellungssyndrome ‚Ethnozentrismus‘ und ‚Neo-Nationalsozialismus‘ suchen, dann haben bei einer Analyse der Ursachen ein höherer Berufs- und Bildungsstatus eine dämpfende Wirkung (letzterer allerdings nicht auf neo-nationalsozialistische Einstellungen). Die Einkommenshöhe trägt nicht signifikant zur Erklärung bei, ebensowenig wie Arbeitslosigkeit oder die Furcht um den Arbeitsplatz. Allgemein können wir festhalten, dass nicht allein die objektive soziale Lage der Befragten Einfluss darauf hat, dass sie rechtsextrem eingestellt sind. Bedeutsam und teilweise sogar bedeutsamer ist die subjektive Wahrnehmung und Bewertung der sozialen Lage in den Köpfen der Befragten. So erhöht die Furcht vor dem Verlust des eigenen sozialen Status signifikant eine ethnozentrische, aber nicht eine neo-nationalsozialistische Einstellung, während das Gefühl der individuellen Benachteiligung und der ‚Ostdeprivation‘ erheblich eine neo-nationalsozialistische Einstellung erhöht.“ (Seite 9 der Zusammenfassung)

Bei der Vorstellung der Studie erklärte Best laut MDR außerdem, dass die AfD nicht so schnell wieder aus deutschen Parlamenten verschwinden werde. Diese sei weniger eine Protest- als vielmehr eine Milieu-Partei. „Die Partei wird dem Wissenschaftler zufolge von Leuten gewählt, die über Jahre hinweg eine stabil kritische bis feindliche Haltung gegenüber Ausländern und politischen Eliten gezeigt hätten. Diese Menschen hätten sich vor der Gründung der AfD von keiner Partei angemessen vertreten gefühlt, jetzt aber eine politische Heimat gefunden“. Dies sei zunächst ein Zeichen dafür, dass das politische System funktioniere.

Robert Vehrkamp
Rechtspopulismus in Deutschland: Zur empirischen Verortung der AfD-Wähler vor der Bundestagswahl 2017
WZB Democracy Blog, 14. September 2017

„Aber was ist Populismus? Wie lässt er sich inhaltlich definieren? Und (wie) lässt sich Populismus empirisch messen?“ Robert Vehrkamp stellt diese Fragen vor dem Hintergrund der Bundestagswahl 2017. Die Forschung sei sich über die zwei Dimensionen des Populismus einig: „Zum einen Anti-Establishment und zum anderen Anti-Pluralismus.“ Eine repräsentative Umfrage zeige die rechtspopulistischen Einstellungen der AfD-Wähler auf, wobei die Daten an dieser Stelle nicht regional ausdifferenziert werden. Der Autor erläutert die Selbsteinschätzung der AfD-Wähler und deren Zuordnung als Anhänger des Populismus.

Matthias Quent
Hassgewalt und Rechtsterrorismus – aktuelle Entwicklungen, Hintergründe und religiöse Aufladungen vorurteilsgeleiteter Radikalisierung
Vortrag bei der Tagung „(Un-)Sicherheiten im Wandel. Gesellschaftliche Dimensionen von Sicherheit“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie des Fachdialog Sicherheitsforschung am 23. Juni 2017 in Berlin, Urania

Matthias Quent diskutiert verschiedene rechte Gewalttaten, die im ganzen Bundesgebiet verübt worden sind, als Hassverbrechen. Diese reichten über den Bereich des „klassischen Rechtsextremismus“ hinaus und sollten theoretisch seit 2001 als solche von der Polizei erfasst werden. Erst 2016 habe das Bundesinnenministerium entsprechende Daten erstmals veröffentlicht, die allerdings mit Defiziten behaftet seien. „Interessant ist es, die Befunde der Einstellungsforschung der Entwicklung der Vorurteilskriminalität gegenüberzustellen. So zeigen die Werte aus den Bielefelder Untersuchungen, dass im Gegensatz zu den polizeilich erfassten Straftaten der Anteil von Menschen, die gegenüber den hier genannten Gruppen feindlich eingestellt sind, im selben Zeitraum insgesamt zurückgegangen ist: Es gibt dem folgend nicht mehr menschenfeindlich eingestellte Personen, sondern eine Radikalisierung im Sinne einer gesteigerten Handlungsbereitschaft im Kontext der Asyldebatte.“

Wolfgang Benz
Aufstand der Ratlosen? Vormarsch der Rechten? Krise der Demokratie? Fremdenhass und Wutmenschentum in schwierigen Zeiten
Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, 6. April 2017

„In dem Beitrag werden eine historische Einordnung und eine Erklärung aktueller Migrationsbewegungen sowie rechter Gegenmobilisierungen gegeben. Außerdem stellt der Autor dar, welche Schlussfolgerungen aus der Geschichte zu ziehen sind für aktuelle Strategien im Umgang mit Populismus, Extremismus und Demagogen.“ (Abstract)

Christoph Lammert
Die extreme Rechte in Thüringen zwischen Kontinuität und Wandel
Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, 6. April 2017

Christoph Lammert zeichnet aktuelle Entwicklungen und Veränderungen in der extremen Rechten in Thüringen nach. Im Fazit schreibt er: „Die extreme Rechte hat in den vergangenen zwei Jahren in verschiedener Form auf die gewandelten politischen und gesellschaftlichen Kontexte reagiert. Vor allem im Rahmen der Diskussionen um die steigenden Geflüchtetenzahlen hat die Szene verstärkt versucht, Anschluss an die ‚Mitte der Gesellschaft‘ zu bekommen. Neben einigen Achtungserfolgen, die vor allem bei der Mobilisierung auf der Straße zu verzeichnen waren, konnte die extrem rechte Kern-Szene allerdings kaum von der Situation profitieren. In Thüringen sind es vor allem die RechtsRock-Netzwerke, welche in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut wurden und auch durch den Erwerb zahlreicher Immobilien mittlerweile fest im Freistaat verankert sind. Daneben entstanden teils neue neonazistische Jugendgruppen, die sich durch ein modernes Auftreten auszeichnen, sich in ihrer Ideologie und Gewaltbereitschaft aber kaum von anderen extrem rechten Gruppen unterscheiden. Neben diesen Veränderungen der organisierten extremen Rechten sind es vor allem rechtspopulistische und ‚neurechte‘ Akteur*innen, welche von der gesellschaftlichen Stimmung profitieren konnten – sowohl elektoral als auch bei der Mobilisierung auf der Straße.“ (81)

Axel Salheiser
Weltoffen oder fremdenfeindlich? Die Einstellungen der Thüringer Bevölkerung gegenüber Asyl, Migration und Minderheiten
Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, 6. April 2017

„Die Aufnahme und Integration von Asylsuchenden ist Gegenstand einer kontroversen Debatte, in der über das angemessene politische Handeln und über die gesellschaftlichen Folgen der Migration diskutiert wird. Dabei rücken auch die Werte und die Ziele unserer demokratischen Gesellschaft in den Mittelpunkt. Der Thüringen-Monitor erfasst dazu das Meinungsbild der Thüringer Bevölkerung und widmet sich Tendenzen der Demokratiegefährdung, wie sie in rechtsextremen Einstellungen und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zum Ausdruck kommen.“ (Abstract)

Oliver Decker / Johannes Kiess / Elmar Brähler (Hrsg.)
Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland
Gießen, Psychosozial-Verlag 2016

Vorgestellt werden die Ergebnisse der Leipziger Mitte-Studie 2016. Im Vorwort halten die Autoren fest, dass die klassischen rechtsextremen Einstellungen im Untersuchungszeitraum nur geringfügig zugenommen und Vorurteile gegen Migranten etwas abgenommen hätten. Zugleich aber hätten sich die Vorurteile zunehmend auf Asylsuchende, Muslime sowie auf Sinti und Roma konzentriert. Die schon zuvor dokumentierten fremdenfeindlichen und autoritären Einstellungen hätten nun durch Veränderungen im Parteiensystem eine politische Heimat gefunden. „Während die demokratischen Milieus in Deutschland stärker und größer werden, entwickeln sich andere Milieus in die entgegengesetzte Richtung: Offensiv vertretene völkisch-nationale Positionen werden dort als genauso akzeptabel angesehen, wie Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung.“ (8) Entsprechend sind in diesem Band PEGIDA, der AfD und rechten Gewalttaten eigene Kapitel gewidmet.

Matthias Quent / Maria Diedrich
Rechtsextremismus und zivilgesellschaftliches Engagement in der Krise? Kurzfassung der Situations- und Ressourcenanalyse für den Saale-Holzland-Kreis
Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, November 2016

Diese Untersuchung für den Saale-Holzland-Kreis „verbindet sozialwissenschaftliche Befunde mit Wissensbeständen und Alltagserfahrungen von Kenner*innen der politischen Sphäre und der rechtsextremen Szene vor Ort. Eine solche Forschungsstrategie intendiert neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn die Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft. Ausgewertet wurden für die Untersuchung 1) öffentliche Quellen (u. a. Presseberichte und Behördenangaben, Archive und Akten öffentlicher Träger, Beiträge in sozialen Netzwerken, einschlägige Literatur), 2) Daten aus teilnehmenden Beobachtungen von öffentlichen Versammlungen, politischen Kundgebungen und Akteurstreffen zivilgesellschaftlicher Initiativen und 3) Interviews mit insgesamt 18 Personen aus unterschiedlichen Bereichen der Zivilgesellschaft im SHK.“ (aus dem Abstract)

Torben Schwuchow
AfD: Radikale Bürgerliche
Göttinger Institut für Demokratieforschung, 30. August 2016

Im Mittelpunkt des Beitrags steht das politische Profil der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, die sich als einzig wahre Repräsentantin des Volkes inszeniere. „Nationalistische bzw. völkische Denkmuster treffen auf eine anti-feministische Haltung, werden auf die Spitze getrieben und damit radikal weitergedacht“, beschreibt Toben Schwuchow die inhaltliche Ausrichtung, dennoch sei die AfD nicht als rechtsextrem oder faschistisch einzuordnen, dazu fehlten ihr der Bewegungscharakter und die Militanz. Diejenigen, die für „die viel beschworenen Modernisierungsverlierer kandidieren“, seien Rechtsanwälte, Diplomökonomen, Polizeibeamte und Unternehmer.

Steffen Kailitz
Rechte Kampagnen damals und heute
Cicero, 13. November 2015

Steffen Kailitz, Dozent am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, zeigt die historischen Kontinuitäten von Flüchtlingsabwehr und Fremdenfeindlichkeit auf: „Wo heute über ‚Transitzonen‘ – auf der politischen Rechten gar über ‚Rückführungslager‘ und ‚Abschiebezentren‘ – nachgedacht wird, da forderte so mancher ‚besorgte‘ Bürger 1920 weit über die Grenzen des rechtsextremen Lagers hinaus ‚Konzentrationslager‘ oder ‚Internierungslager‘ für die ‚Ostjuden‘. Wer der Pegida-Mär glaubt, die Bewegung sei ein Wiedergänger des für die Demokratie demonstrierenden Volkes im Herbst 1989, der unterliegt einem fatalen Irrtum. Die Parolen des Hauptstroms der ‚Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes‘ in Dresden zielen wie die Parolen der völkischen und deutschnationalen Patrioten gegen die Judaisierung des ‚Abendlandes‘ zu Zeiten der ‚Ostjudenkampagne‘ in München Anfang der 1920er-Jahre gegen Liberalismus und Demokratie.“

Alexander Häusler
Die AfD. Partei des rechten Wutbürgertums am Scheideweg
Friedrich-Ebert-Stiftung, Expertisen für die Demokratie 1/2015

Seit der Entmachtung des früheren Parteiführers Bernd Lucke und der Hinwendung von Teilen der Partei zu PEGIDA sowie den Kampagnen gegen Flüchtlinge biete sich die AfD „als parteipolitisches Dach für einen rechten Kulturkampf an“, diagnostiziert Alexander Häusler und zieht Vergleiche zur Themensetzung des europäischen Rechtspopulismus. Insbesondere das Feindbild Islam sei anschlussfähig für breitenwirksame rechte Kampagnen. Bei der Bundestagswahl 2013, bei der die Partei knapp an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, erzielte die AfD ihre besten Ergebnisse in den neuen Bundesländern.

Tom Mannewitz
25 Jahre nach der Wiedervereinigung: Welche Demokratie wollen die Deutschen?
Deutschland Archiv / Bundeszentrale für politische Bildung, 22. Januar 2015

Es fehle an objektiven Maßstäben zur Abbildung der politischen Kultur in Deutschland, schreibt Tom Mannewitz, in Umfragen spiegelten sich zudem regionale Unterschiede, die sich nicht auf einen Ost-West-Gegensatz reduzieren ließen – in der Mentalität der Menschen verblasse das Erbe des real existierenden Sozialismus.

Everhard Holtmann / Tobias Jaeck / Infratest Dimap / Oscar W. Gabriel / Melanie Leidecker / Jürgen Maier / Michaela Maier
Deutschland 2014 – Sind wir ein Volk? 25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit
Öffentliche Vorstellung der Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Kurzzusammenfassung der Ergebnisse. Herausgegeben von der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer
Zentrum für Sozialforschung Halle e. V. an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2015

Aufgezeigt werden Einstellungen zurzeit der DDR, während der Friedlichen Revolution und nach der Einheit. „Ein zentrales Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, Konvergenzen und Divergenzen, also Tendenzen der Annäherung und der Auseinanderentwicklung in den Einstellungen der deutschen Bevölkerung darzustellen, wie sie sich während der zweieinhalb Jahrzehnte seit der Wiedervereinigung im östlichen und westlichen Landesteil als Bestandteile einer gesamtdeutschen politischen Kultur herausgeschält haben.“ (3) Beachtung finden dabei auch kulturelle Traditionsbestände von vor 1945.

Joachim Gauck
Rede anlässlich der Gedenkfeier „Lichtenhagen bewegt sich“ zum 20. Jahrestag der fremdenfeindlichen Angriffe auf das „Sonnenblumenhaus“
Rostock, 26. August 2012

Der Bundespräsident erinnert an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und sein Erschrecken darüber, dass die Fremdenfeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist. „Selten ist mir aus unserer jüngsten Geschichte so deutlich wie im Fall von Lichtenhagen bewusst geworden, dass wir beides brauchen: Mutige Bürger, die nicht wegschauen, wenn unser demokratisches und friedliches Miteinander im Alltag gefährdet wird. Aber vor allem brauchen wir auch einen Staat, der fähig und willens ist, Würde und Leben der Menschen zu schützen, die in ihm leben. Wenn unsere Demokratie Bestand haben soll, muss sie auch wehrhaft sein. Sie darf sich das Gewaltmonopol niemals aus der Hand nehmen lassen.“

Monika Deutz-Schroeder / Rita Quasten / Klaus Schroeder / Dagmar Schulze Heuling
Ungleiche Schwestern? Demokratie und Diktatur im Urteil von Jugendlichen
Aus Politik und Zeitgeschichte 32-34/2012

Die Autor*innen erläutern ihre Studie „Später Sieg der Diktaturen?“ Diese belege, dass das zeitgeschichtliche Wissen von Jugendlichen in Ost- wie Westdeutschland häufig recht gering sei. „Durchschnittlich am meisten wissen die Befragten über den Nationalsozialismus; über die DDR und die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung wissen sie deutlich weniger. Dieser Befund ist deshalb so problematisch, weil mit einem geringen zeitgeschichtlichen Wissen nach den Maßstäben der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unangemessene Urteile einhergehen. Auch dies hat die Studie gezeigt. Daraus aber auf eine grundsätzliche Diktaturaffinität der Jugendlichen oder ihre Distanz zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheitsrechten zu schließen, wäre falsch. Im Gegenteil erbrachte unsere Befragung, dass die meisten Schülerinnen und Schüler freiheitliche Systeme sehr schätzen. Viele von ihnen sind jedoch nicht in der Lage, Einschränkungen oder Bedrohungen dieser Freiheit in der (historischen) Realität zu erkennen. Damit einher geht das Phänomen, dass für viele die Trennlinien zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmen.“ (aus dem Fazit)

Christoph Kleßmann
„Deutschland einig Vaterland“? Politische und gesellschaftliche Verwerfungen im Prozess der deutschen Vereinigung
Zeithistorische Forschungen, Heft 1/2009
http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2009/id%3D4555
Christoph Kleßmann rekapituliert den deutschen Einheitsprozess, der nicht zwangsläufig alternativlos gewesen sei, aber insgesamt eine große Leistung darstelle. Bemerkenswert sei bis in die Gegenwart ein ostdeutsches Sonderbewusstsein, das sich aus einem zeitlichen Zusammenfall von Einheit und Globalisierung erklären lasse. Für den Zeitpunkt der Veröffentlichung konstatiert der Historiker einen heftigen „Groll bei den tatsächlichen und vermeintlichen Verlierern. Er grummelt unter der Oberfläche, wagt sich aber kaum an die Öffentlichkeit.“

Zusammengestellt von:

Natalie Wohlleben

Erschienen am:

27. Oktober 2017

Essay

Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Ostdeutschland. Entstehung und Entwicklung

Die AfD hat, wie die Bundestagswahl gezeigt hat, ihre Hochburgen im Osten Deutschlands, zu beobachten ist dort auch eine aktive rechtsextreme Szene. Für diese im Vergleich zum Westen deutlich ausgeprägteren Phänomene sind zwei miteinander verknüpfte Dimensionen verantwortlich, schreibt Klaus Schroeder: die Nachwirkungen unterschiedlicher politischer Sozialisationen sowie die durch die Wiedervereinigung entstandenen sozialen Umbruchprozesse. Zudem sind Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus auch in der DDR weit verbreitet gewesen, wie seit der Öffnung der Archive nachzulesen ist.

DDR Grenzbergang Peter H PixabayDie DDR verhinderte nicht nur bis kurz vor ihrem Untergang die freie Ausreise ihrer Bürger, sondern reglementierte auch die Einreise strikt. Zuwanderung hat der Teilstaat kaum erfahren und so konnte das Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft nicht Teil der Alltagskultur werden. Die wenigen Vertragsarbeiter etwa aus Vietnam oder Angola wurden diskriminiert. Foto: Ehemaliger DDR-Grenzübergang Marienborn. Foto: Peter H (Pixabay)
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Aus der Annotierten Bibliografie

Annäherung an ein Phänomen. Gesellschaftlicher Wandel und Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern

Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und rechte Gewalt sind keineswegs rein ostdeutsche Phänomene. Trotzdem ist festzustellen, dass gegenwärtig politische Strömungen weit rechts der Mitte in den neuen Bundesländern auf eine deutliche Resonanz stoßen – bei der Bundestagswahl im September 2017 wurde die AfD in Sachsen mit 27 Prozent gar stärkste Partei. Tickt der Osten also anders? In der Literatur, die hiermit in ausgewählten Kurzrezensionen vorgestellt wird, wird dieser Frage im Spannungsverhältnis von Systemwandel, tradierten Einstellungen und aktuellen Einflüssen nachgegangen.

Bundesarchiv Bild 183 09709 0003 Dresden Ankunft eines indischen GaststudentenSeltene Begegnung mit dem Fremden: Im Februar 1951 traf in Dresden ein indischer Student ein, der an der TU sein Studium fortsetzen wollte. Begrüßt wurde er von Jungen Pionieren und FDJ-lern. Die Herzlichkeit des Empfangs deckte sich nicht mit den Alltagserfahrungen, die viele Ausländer mit den DDR-Bürgern machten. Quelle: Bundesarchiv, Fotograf unbekannt.
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Die Anfeindung – rechtspopulistische und rechtsextreme Phänomene im postsowjetischen Raum


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