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Rezension

Politische Repräsentation in Frankreich und Deutschland
Einstellungen von Bürgern und Abgeordneten

Politiker in den meisten westlichen Demokratien sind, soweit sie ein Regierungsamt innehaben oder, mehr noch, als gewählte Volksvertreter in Parlamenten sitzen, zum größten Teil weit davon entfernt, beliebt zu sein oder wenigstens mit gebührender Achtung bedacht zu werden. Man muss da nicht einmal bösartig sein, um festzuhalten, dass Politiker, Parlamentarier zumal, sich in einem Berufsranking ziemlich weit unten platziert sehen werden (höchstens noch ‚übertrumpft‘ von den Medienleuten). Es scheint allerdings so zu sein, dass nicht wenige von ihnen damit gut zu leben wissen, weil sie gelernt haben, dass es mit der Politik so ist wie mit dem Wetter: Alle meckern und niemandem kann man es recht machen.

Die Zeiten, als das Führungspersonal der leicht überschaubaren Parlamentsparteien in der alten Bundesrepublik sich darüber mokiert hatte, dass die Wähler, wenn diese nicht in ihrem Sinne stimmten, ihre politische Programmatik nicht verstanden und sie unverdientermaßen durch Stimmentzug bestraft hätten, sind längst vorbei. Heutzutage kann sich kein Kandidat die selbstgefällige Missachtung von Wahlentscheidungen leisten, ohne sich nicht lächerlich zu machen oder gar politischen Harakiri zu begehen. Heute will jeder Politiker den Puls des Wählers spüren. Was will dieser eigentlich, was für Sorgen treiben ihn um, worin bestehen seine Wünsche und mit welchen Forderungen konfrontiert er die politischen Repräsentanten? Liegt ihm eher das Wohl des „Ganzen“ am Herzen oder interessiert ihn nur der Zustand und die erarbeitete Kontinuität seines individuellen Lebensbezirks, seiner eigenen ‚kleinen Welt‘? Die Rahmenbedingungen – das dürfte für seine Wahlpräferenzen ausschlaggebend sein – für seinen pursuit of happiness sollen stimmen. Wird er enttäuscht, wird strukturell und systematisch die ganze Bevölkerungsschicht, der er angehört, desillusioniert, und das Milieu, das ihn geprägt hat und dem er sich zugehörig fühlt, vernachlässigt – dann tritt latent oder faktisch das ein, was gewählte Politiker in parlamentarischen Demokratien panisch fürchten: der Schwund von institutionellem Vertrauen in die Werte und Mechanismen der Demokratie.

Demokratie ohne Echo?

Politische Apathie auf der einen, aktivistische Fundamentalopposition auf der anderen Seite sind die unangenehmen beziehungsweise gefährlichen Auswirkungen – zeigt sich damit doch eine beängstigende Distanz von Wählern und Gewählten, von Regierten und Regierenden. Daher ist der Bürger als Wähler das Goldene Kalb, um das sich alles dreht, ihm wird der Hof gemacht, die politischen Repräsentanten und die, die es noch werden wollen, heften sich mit aller Macht an seine Rockschöße, um ihm das Gefühl zu verleihen, dass er ernst genommen wird, dass eigentlich er entscheidet, wer Sitz und Stimme bekommt oder wer abstürzt. Aber gehen gescheiterte Hoffnungen, emotional empfundene Ungerechtigkeiten und die unausrottbaren politischen Pathologien (Korruption, Nepotismus, Selbstbedienung [Diätenerhöhung!], Manipulation u. Ä.) eine verhängnisvolle Symbiose ein, dann werden die Appelle an die demokratischen Prinzipien und Tugenden in nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung ohne Echo bleiben. Die Vorurteilsbehaftetheit einer solchen Resonanzlosigkeit in Rechnung gestellt, erwächst dieser La Rpublique en Marche runion publique du 8 juin 2017 Carpentras 13Die von Emmanuel Macron gegründete Bewegung La République en marche suchte intensiv den Kontakt zu den Bürgern. Foto: Veranstaltung im Juni 2017 mit Jean Viard und Brune Poirson, die beide für die Nationalversammlung kandidierten. (Marianne Casamance / https://bit.ly/2Wt1cym / CC BY-SA 4.0)Vertrauensentzug – und das erscheint als das eigentlich Belastende – aus dem Schoße des demokratischen Systems selbst. Die sich aus dieser Fundamentalkritik speisenden und herauskristallisierenden Populismen und Extremismen als lautstarke, aber nolens volens erfolgreiche politische Mitspieler sind das Resultat einer solch fatalen Umgestaltung der (partei)politischen Landschaft.

Es sind in der einschlägigen Forschung genug Indikatoren namhaft gemacht worden, dieses Phänomen einer validen Untersuchung zu unterziehen, und Schlagwörter genug gebildet worden („Politikverdrossenheit“ als das geläufigste, aber auch abgedroschenste), um diesen Phänomenbereich begrifflich zu konturieren. Einen interessanten Weg mit sehr aufschlussreichen Ergebnissen bietet das deutsch-französische Sammelwerk „Political Representation in France and Germany“ über die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten in Frankreich und Deutschland. Die Aufsätze zentrieren sich um die Frage, ob es Unterschiede macht, wie der einzelne Abgeordnete in der Nationalversammlung beziehungsweise im Bundestag auftritt und repräsentiert und wie er sich in seinem Wahlkreis zu wichtigen Problemen der Politik von nationaler Bedeutung sowie zu Belangen im lokalen Umkreis äußert. Im Vergleich Bundestag und Nationalversammlung wird offenkundig, dass in dieser Hinsicht die politischen Kulturen durchaus unterschiedlichen Traditionen und Mechanismen unterworfen sind. So denken in der Regel die französischen Députés eher in nationalstaatlichen Dimensionen. Diejenigen allerdings, die mittels des in Frankreich fest etablierten Instituts des „cumul des mandats“ (Ämterhäufung, zum Beispiel Parlamentarier und Bürgermeister in Personalunion) in der Nationalversammlung sitzen, verfügen über eine viel engere Bindung an die wichtigen lokalen Netzwerke und sind prädestiniert, im kommunalen Bereich eine aktive Rolle zu spielen (siehe Oscar W. Gabriel et al., 24). Insgesamt, so resümieren die Herausgeber und die Herausgerberin ihre Befunde, wird die Qualität der Repräsentanten in ihren Wahlkreisen umso höher bewertet, wenn sich bei den Wählern der Eindruck festsetzt, dass die Kommunikation des Repräsentanten mit der Basis bei dieser als „highly plausible“ erscheint (43).

Der Parlamentarier als Experte

Eric Kerrouche und Suzanne S. Schüttemeyer setzen sich mit der Professionalisierungsdimension der Parlamentarier auseinander. Soziologisch gesehen ist Professionalisierung gebunden an Kompetenz, Bildung, Erfahrung, Karriere, Ethik (60). Seine spezifische Aufgabe wird es sein, sein Expertenwissen auf die gesellschaftlichen Interessen der Bürger, die in der Realität in der Mehrheit eher ein restringiertes Verhältnis zur Politik haben, so auszurichten, dass er von daher die gesellschaftliche Unterstützung erhält, auf die er naturgemäß angewiesen ist. Voraussetzung ist seine Verwurzelung im Wahlkreis (76). Es wird festgehalten, dass in Frankreich der Deputierte eher wahlkreisorientiert ist als sein deutscher Kollege, dessen Schwergewicht auf die Parlamentsarbeit gerichtet ist. Da der Bundestag ein Arbeitsparlament ist, besteht die Gefahr der Separierung der Abgeordneten von ihren Wählern. Im französischen System hingegen sieht man in der Politik kein „métier“, sondern ein aktives Engagement, mit der Folge, dass dort die Bestimmung des „professionellen Politikers“ eher mit spitzen Fingern angefasst wird (70, 79).

Sven T. Siefken und Olivier Costa widmen sich vor allem der Wahlkreisarbeit der Parlamentarier, die sich nie allein auf den Wahlkampf bezieht. Die Autoren stellen unter anderem fest, dass im Wahlkreis für gewöhnlich der Kontakt zu den Bürgern am besten hergestellt werden kann – auch wenn nicht jeder persönlich erreicht wird. Die Parlamentarier spielen im Grunde die Rolle der „multilevel representatives“ (zum Beispiel in Bezug auf lokale Verwaltungsvorgänge), ebenso verwenden sie viel Zeit für die Informationsbeschaffung. Nach Ansicht der Verfasser sollte die Tatsache, dass die Abgeordneten „are available, accessible and ready to listen“, im Sinne des Verständnisses des politischen Systems nicht ignoriert werden (112).

Von den Affiliationen der Parlamentarier zu ihren Parteien im Wahlkreis handelt der Beitrag von Elisa Deiss-Helbig u. a. Es wird herausgearbeitet, dass die Rolle der Partei im Wahlkreis in Deutschland von zentralerer Bedeutung ist als in Frankreich. Freilich gibt es Ähnlichkeiten, wenn sich der einzelne Abgeordnete in seiner Selbstwahrnehmung als „party agent“ versteht, wobei allerdings die Distanz zu Parteien im lokalen Bereich in Frankreich geläufiger ist als im Nachbarland. Das ‚cumul‘-System lässt sich als funktionaläquivalent zu „party networking“ an der Basis auffassen. Vieles bleibt aber, so das unbefriedigende Resümee, im Unklaren, was interne Parteiarbeit und Parteirepräsentanz im Wahlkreis anbelangt (134 f.).

Corentin Poyet und Siefken thematisieren die Vermittlung von lokalen und parlamentarischen Aktivitäten. Diese umfassen im Kern die Gesetzgebung, die Kontrolle der Regierung, die Kommunikation mit dem Bürger und die Wahlfunktion. Während bei der Gesetzgebung deren Bedeutung in Frankreich im mittleren Bereich liegt – nur wenn zum Beispiel Gesetzesvorhaben auf lokale Gegebenheiten durchschlagen –, ist diese in Deutschland hoch angesiedelt, weil die Stimmung in der Bevölkerung nicht unberücksichtigt bleiben darf. Die Relevanz hinsichtlich der Kontrollfunktion liegt in beiden Ländern hoch. Sehr hoch ist die Kommunikationsfunktion in Frankreich zu veranschlagen, wo es unerlässlich ist, im Wahlkreis zu wichtigen Informationen zu gelangen. Stiefmütterliche Bezugnahme erfährt in beiden Nationen die Wahlfunktion, in Frankreich wenigstens noch in Wahlkämpfen (159).

Über die Lücken der politischen Kommunikation

„Can you hear me?“ Diese Titelfrage soll die „top-down and bottom-up patterns of communication“ umschreiben, unabdingbar für die Mandatsausübung. Die Kommunikationskanäle in Frankreich und Deutschland differieren, so Luisa Schittny und Tinette Schnatterer, in mehrfacher Hinsicht: in ihrer directness (direct vs. mediated), in ihrem Charakter (offering information vs. interaction), in ihrer Reichweite (large vs. small potential audience) sowie in ihren Zugangsbedingungen (free vs. closed, 167). Die Analyse zeigt, dass schlussendlich beide Kommunikationsdimensionen von Lücken und Hürden gekennzeichnet sind, die ein gegenseitiges Verständnis erschweren (189).

Wie sehen Abgeordnete, wie Bürger die Einrichtung der parlamentarischen Repräsentation? Dieser Frage stellen sich Mirjam Dageförde und Danny Schindler in ihrem Aufsatz. Die interviewten Parlamentarier in beiden Ländern geben im Großen und Ganzen ausweichende Antworten („That is a difficult question“; „Oh, that is a big word“, so ein Bundestagsabgeordneter, 203). Die Überzeugung überwiegt, dass es die eigentliche Aufgabe der Parlamentarier sei, das ganze Volk zu repräsentieren, und nicht sich durch Stimmungen im Wahlkreis beeinflussen zu lassen (206 f.). Was die Stellung der Bürger zum Parlament anbelangt, so fühlen sie sich in Deutschland bei ihrem einzelnen Abgeordneten oder der Regierung besser aufgehoben als beim Bundestag als Ganzem (211). In Frankreich zum Beispiel kritisieren die Bürger, dass die Deputierten weniger ihren Forderungen nachkommen als vielmehr sich als Repräsentant seiner Parteiarbeit hinzugeben. In Deutschland hingegen vertreten die Bürger die Meinung, der Abgeordnete vertrete alle Bürger, den Wahlkreis und seine Wähler (213). In beiden Ländern stimmen die Bürger darin überein, dass die Abgeordneten ihre Entscheidungen auf der Grundlage unabhängiger Beurteilungen fällen und dass sie die Bindung zu ihren Wählern nicht verlieren sollten. Aber sie sehen auch, dass in diesem Punkt ein Missverhältnis besteht (219).

Dageförde, Kerrouche und Poyet unterscheiden bei der Analyse von Repräsentation zwischen einem „substantive“-Aspekt und einem „acting for“-Aspekt. Ersterer bedeutet, dass die Bürger erwarten, dass ihre Interessen berücksichtigt werden und diese sich auch in konkreten politischen Ergebnissen wiederfinden. Im zweiten Fall wird impliziert, dass die Handlungen der Abgeordneten mit den Wünschen der Repräsentierten konvergieren. Das Verhalten der Abgeordneten ist hier von Interesse, nicht als Faktum, sondern wie es vom Bürger wahrgenommen wird, nicht allein im legislativen Betrieb, sondern auch darüber hinaus (230-232). Aus der Analyse ziehen die Autoren den Schluss, dass die Franzosen sich dürftiger als ihre deutschen Nachbarn repräsentiert fühlen – sowohl durch ihre Abgeordneten als auch durch die Arbeit der Nationalversammlung. Das führt zu einer negativeren Einstellung gegenüber politischen Angelegenheiten. Überwiegt in Frankreich die „substantive“-Dimension, lässt sich der deutsche Fall als eine robuste Mischung von beiden Dimensionen der Repräsentation beschreiben (241).

Misstrauen gegenüber der direkten Demokratie

Gabriel, wie alle anderen auch ein überzeugter Vertreter des Repräsentativgedankens, hegt beachtliches Misstrauen gegenüber direktdemokratischen Instrumenten, weil ihre Anhänger dem Irrglauben anhängen, dadurch notwendigerweise zu einer Politik zu verhelfen, die für die Probleme, die die Bürger beschäftigen, sensibilisierter ist als eine Politik, die mittels parlamentarischer Verfahren implementiert wird (273). Je größer die Bereitschaft ist, sich politisch zu engagieren, umso stärker ist die Enttäuschung, wenn die spezifischen Forderungen nicht in entsprechenden politischen policy outcomes ihren Ausdruck finden. Gabriels Gewährsmann ist Robert Dahl, den er mit den folgenden Worten zitiert: „Democracy cannot be justified merely as a system for translating the raw, uninformed will of a popular majority into public policy“ (249). In gewissem Sinne sei es evident, stellt Gabriel fest, „that participation can strenghten [...] citizen's perception of being well represented in politics“ (271) – sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Ideologisch gesehen sind Aktivisten weniger moderat als der Durchschnittsbürger. Und gerade sowohl die Parteiarbeit als auch das Instrument des zivilen Ungehorsams als aktivistische Formen der Interessenartikulation weisen den schwächsten Grad von Kongruenz auf in Relation zur Bürgerschaft insgesamt. Political Activism und Repräsentation bedingen einander und beeinflussen sich gegenseitig. Je aktiver die Bürger sind, umso positiver bewerten sie den Prozess von Repräsentation (273). Allerdings, so Gabriel, besteht überhaupt kein Grund für die optimistische Annahme, dass eine Zunahme bürgerlicher Teilhabe am politischen Prozess deren Blick auf das repräsentative System erheblich verändert (274).

Gerhard Loewenberg, einer zu beiden Seiten des großen Teichs hochgeschätzter Altmeister der internationalen Parlaments- und Repräsentationsforschung, formuliert in seiner abschließenden Problematisierung fünf Grundfragen hinsichtlich der Beziehungen der Repräsentanten zu den Bürgern eines Landes, das über ein demokratisches Regierungssystem verfügt, die sich fast zwangsläufig ergeben. Auf diese seien unabweisbar plausible Antworten zu finden. Es geht dabei um die Beziehungen (1) zwischen dem einzelnen Bürger und dem einzelnen Abgeordneten sowie (2) zwischen den Bürgern hinsichtlich ihrer räumlichen, parteilichen, geschlechtlichen, ethnischen oder klassenmäßigen Gruppierung und den ähnlich gruppierten Abgeordneten. Außerdem ist zu fragen (3), in welchem Ausmaß die Bürger erwarten können, dass ihre Forderungen erfüllt werden, (4) in welchem Ausmaß die Abgeordneten erwarten können, dass ihre Entscheidungen von den Bürgern akzeptiert werden können und (5) in welchem Ausmaß es sich um eine Beziehung zwischen den Durchschnittsbürgern und politischen Amateuren und in welchem Ausmaß es sich um eine Beziehung zwischen professionalisierten Interessengruppen und Berufspolitikern handelt (342). Auf der Grundlage der ermittelten Ergebnisse von elf Aufsätzen glaubt Loewenberg festhalten zu müssen, dass die Komplexität der politischen Probleme und Gegenstände es nicht erlauben, nach Lösungen zu suchen, die mit direktdemokratischen Mitteln anvisiert werden können. Allein Lösungen, die auf dem Boden repräsentativer Institutionen und in mühsamen Aushandlungsprozessen gefunden werden – und die nur so ermöglicht werden könnten –, würden „hopefully“ akzeptiert und könnten Geltung beanspruchen (345). Voraussetzung dafür sei allerdings, dass man sich von den unrealistischen Vorstellungen zu verabschieden habe beziehungsweise von überholten und naiven Anschauungen zu lösen imstande sei, im Wahlkörper einen fiktionsfernen „Souverän“ am Werke zu sehen, der sich gewissermaßen über den Arrangements der modernen Parteiendemokratie mit ihren spezifischen mehr oder weniger autonomen und intransparenten Methoden der Kandidatenauswahl erhebt und in seiner Selbstidealisierung die rationalen, mehr aber noch irrationalen Motivierungen, Vorgehensweisen und Gegebenheiten des parlamentarischen Betriebs als quasi ‚dekadent‘ abtut.

Gesamtstaatliche Interessen – und die des Wählers

Die in den Aufsätzen gelieferten Erkenntnisse beleuchten im Grunde zwei Aspekte, die von zentraler Bedeutung sind: erstens den Aspekt einer adäquaten Ausbalancierung des – man muss es wohl so festhalten – Dualismus zwischen den gesamtstaatlichen Interessen und den Forderungen und Anforderungen, die aus dem Wahlkreis gestellt werden und denen sich der einzelne Abgeordnete stellen muss (oder zumindest sollte). In Deutschland gehört dazu selbstverständlich auch die Verfassungsbestimmung, dass der einzelne Abgeordnete in parlamentarischen Abstimmungen nur seinem Gewissen unterliegt und an Weisungen nicht gebunden ist; zum zweiten der Aspekt des Dualismus zwischen Repräsentation und Partizipation. Um mit Letzterem zu beginnen: Die Autoren verbindet eine mehr oder weniger ausgeprägte Skepsis gegenüber einem Vorrang partizipatorischer Verfahren oder ausgedehnterer Einflussmöglichkeiten in politischen Angelegenheiten. Das hängt durchaus damit zusammen, dass, historisch betrachtet, Repräsentation vor Demokratie (und damit Partizipation) war. Es ist kein Zufall, dass die Herausgeber auf die USA verweisen (in deren Bundesverfassung, nebenbei bemerkt, das Wort „democracy“ übrigens gar nicht vorkommt, 6). Sie sehen überdies die schleichende Gefahr einer direkten Demokratie „von oben“ durch Plebiszite (wenn auch nur in begrenztem Maße). Gabriel spricht am Schluss seines Beitrags von einem übertriebenen Optimismus in Bezug auf die Möglichkeit, dass eine Stärkung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, wie Normativisten oft Glauben machen, zu einer verantwortlicheren Politik führe als parlamentarische Entscheidungsprozesse (249).

Was den zuerst erwähnten Aspektbereich anbelangt, so ist weiterhin die Vorstellungswelt John St. Mills nicht unbedingt falsch, wenn er in seinem berühmten Essay über die Repräsentativverfassung vor dem Missstand warnt, das Verhalten des Abgeordneten von den Interessen seiner soziologischen Klientel abhängig werden zu lassen und nicht von der Verantwortlichkeit des Gemeinwohls. Selbststilisierung, gepaart mit Verantwortungslosigkeit, seien die Folgen. Macht korrumpiere den Menschen. Dagegen setzt Mill auf Bildung, Urteilsvermögen und Moral. Ein Blick auf heutige Repräsentativkörperschaften, ja auf die politischen Eliten insgesamt, verdeutlicht nur zu gut, dass das Einfordern dieser Elemente lediglich ein frommer Wunsch ist und mit der Realität wenig zu tun hat. Mit einem Plus von Bildung lässt sich heute die Integrität eines Abgeordneten mit Blick auf Gemeinwohlorientierung nicht mehr begründen. Dagegen sprechen schon die parteilichen Strukturen der Parlamente als ihre relevanteste Grundlage. Gewiss, Mill ist nicht maßgebend für die moderne empirische Parlamentsforschung. Aber manche Gedanken könnten, die Ansätze und Ergebnisse des Sammelbandes weiterführend, zur Erarbeitung einer realistischeren Repräsentations- und Parlamentstheorie beitragen. Dabei ist der mikropolitische Ansatz (Einstellungen, Verhaltensweisen) ebenso wichtig wie andere Zugangsweisen auch. Erhöhung von Komplexität, nicht Reduzierung muss die Aufgabe lauten.

Verfasst von:

Arno Mohr

Erschienen am:

31. Januar 2019

Oscar W. Gabriel / Eric Kerrouche / Suzanne S. Schüttemeyer

Political Representation in France and Germany. Attitudes and Activities of Citizens and MPs

Basingstoke, Palgrave Macmillan 2018 (New Perspectives in German Political Studies)

Information

Website der Assemblée nationale

Website des Deutschen Bundestages


Literatur

Florian Meinel
Vertrauensfrage. Zur Krise des heutigen Parlamentarismus
München, C. H. Beck 2019


Analyse

Online-Bürgerbeteiligung und parlamentarische Arbeitsweisen. Erfahrungen aus der Arbeit des Deutschen Bundestages

Vorgestellt werden die Ergebnisse einer Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) über die Erfahrungen mit verschiedenen parlamentarischen Online-Beteiligungsangeboten. Im Mittelpunkt stehen die Wirkungen der unterschiedlichen Verfahren und Formate auf die Arbeit der Ausschüsse und Gremien des Bundestages. Weitere Fragen betreffen die konkrete Umsetzung und künftige Gestaltungsoptionen für die Verknüpfung der Online-Bürgerbeteiligung mit der Parlamentsarbeit.

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Rezension

Guillermo Cordero / Xavier Coller (Hrsg.)

Democratizing Candidate Selection. New Methods, Old Receipts?

Basingstoke, Palgrave Macmillan 2018

Zu den Folgen der europäischen Währungs- und Staatsschuldenkrise zählt, dass sich neue Parteien gebildet haben. In diesem Band wird gefragt, ob deren Abgrenzung zu den etablierten Parteien sich auch in den Verfahren spiegelt, mit denen sie ihre Parlamentskandidaten auswählen – womit die innerparteiliche Demokratie in den Fokus rückt. Es zeigt sich, dass etwa Podemos, MoVimento 5 Stelle oder NEOS zumeist auf im Prinzip erprobte Verfahren zurückgreifen, bei denen die Parteiführungen Einfluss ausüben. In weiteren Beiträgen werden die veränderten Rahmenbedingungen für die Aufstellung von Kandidaten diskutiert.
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 Aus der Annotierten Bibliografie


Annette Knaut

Abgeordnete als Politikvermittler. Zum Wandel von Repräsentation in modernen Demokratien

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2011 (Studien zum Parlamentarismus 17); 424 S.; 49,- €; ISBN 978-3-8329-5249-5
Diss. Koblenz-Landau; Gutachter: U. Sarcinelli, G. Göhler. – Ausgehend von sozialen Wandlungsprozessen, die auch Politik und Medien betreffen, fragt Knaut, ob ein neuer Typ des Parlamentariers entsteht. Neben den Rezipienten ändern sich aber auch die Abgeordneten selbst, wenn sie zum Zwecke parlamentarischer Repräsentation an neuen Kommunikationsformen teilhaben. Ausgehend von Theorien demokratischer Repräsentation entwickelt die Autorin ein Modell, das politische Kommunikation in inner- u...weiterlesen



Roger Willemsen

Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament

Frankfurt a. M.: S. Fischer 2014; 398 S.; 19,99 €; ISBN 978-3-10-092109-3
Ein Jahr lang hat Roger Willemsen – Buchautor, Kolumnist, Essayist – dem Plenum des Deutschen Bundestages bei der Arbeit zugesehen. Zustande gekommen ist eine detail‑ und aufschlussreiche Dokumentation, der die sprachliche Beschlagenheit des Autors ihr – stilistisches wie inhaltliches – Gepräge gibt. Ihm habe „eine Panorama‑Ansicht der parlamentarischen Geschichte eines Jahres“ (396) vorgeschwebt. Das ist allerdings schon deshalb nicht möglich, da ...weiterlesen



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