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Rezension

Geschichte Al-Qaidas
Bin Laden, der 11. September und die tausend Fronten des Terrors heute

Manchmal ist ein Spin Off erfolgreicher als das Original – genau das ist al-Qaida passiert. Diese „Basis“ des Dschihadismus, die weitgehend verantwortlich für eine neue Qualität des transnationalen Terrorismus zeichnet, wurde von ihrer irakischen Filiale sowohl medial als auch durch militärische Erfolge (zumindest bis 2017) an den Rand gedrängt. Und während der sogenannte Islamische Staat, obwohl militärisch geschlagen, immer noch in der Öffentlichkeit präsent ist, wird über al-Qaida sehr wenig berichtet. In einem Geschäft wie dem Terrorismus, das in erster Linie von Kommunikation lebt, ist das für das Terrornetzwerk eine katastrophale Entwicklung. Dies ist allerdings noch kein Grund, „die Basis“ abzuschreiben. In seinem Buch macht Behnam Said, der nicht nur ein ausgewiesener Kenner der Thematik ist, sondern auch praktisch mit ihr zu tun hat, deutlich, dass al-Qaida immer noch eine der „mächtigsten terroristischen Organisation der Moderne" (10) darstellt.

Zunächst stellt der Autor Osama bin Laden und seinen Nachfolger Aiman al-Zawahiri in kurzen Biografien vor, wobei er auch auf die sie prägenden Werke des politischen Islam eingeht. Dann beschreibt er die Entstehung al-Qaidas im Kontext des afghanischen Dschihad als Reaktion auf die Besetzung des Landes durch die Sowjetunion. Dabei stellt er bin Ladens Rolle richtig dar – nicht so, wie dieser sich selbst gerne gesehen hat, als unermüdlichen Krieger auf dem Wege Gottes, sondern als einen geschickten Geschäftsmann und Logistiker des Kampfes in Afghanistan. Nicht sein Mut oder gar die paar Kämpfer um ihn herum waren geschätzt, sondern seine Verbindungen, seine administrativen Fähigkeiten und das Geld, das er beschaffen konnte.

Mit dem Sieg über das kommunistische Regime in Afghanistan und den beginnenden Bruderkriegen der afghanischen Mudschaheddin entstand der Kampf gegen den „fernen Feind“ (die USA) als zentrale Ideologie der Gruppe um bin Laden: „Der Kampf gegen die USA sollte das Markenzeichen al-Qaidas werden, was sie von den lokal ausgerichteten Jihad-Gruppen, die gegen Ende der 2000er-Jahre allesamt gescheitert waren, abhob und ihr Zuspruch sicherte.“ (65)

Im Nachgang zu 9/11 thematisiert Said dann den Krieg gegen den Terror, den er als Fehler wertet: Es ist nicht gelungen, al-Qaida zu vernichten, sondern es gelang dem Netzwerk, sich global in der islamischen Welt mit vielen Standorten festzusetzen. Diesen Standorten widmet Said entsprechend auch eigene Kapitel und deren reine Anzahl (acht) zeigt den Erfolg des Netzwerkes. Regional sind immer noch die Gruppen in Tunesien, Algerien und Afghanistan erfolgreich. Auch im Zuge des syrischen Bürgerkrieges konnten sich Milizen, die al-Qaida nahe stehen, behaupten und der aktuelle Erfolg der Taliban in Afghanistan zeigt, dass die Zeit des Netzwerkes am Hindukusch noch nicht zu Ende ist. Im Jemen haben es Ableger von al-Qaida sogar geschafft, über 600 Kilometer der Küstenlinie zu kontrollieren und dort (vor allem im Jahr 2015) als die eigentliche Staatmacht wahrgenommen zu werden – durchaus mit einem guten Ruf, was die Fähigkeit zur Herstellung öffentlicher Ordnung und nicht-korrupter Gerichte angeht.

Einen der Gründe für die Dauerhaftigkeit von al-Qaida sieht Said in dem Übergang von einer zentralen, auf bin Laden ausgerichteten Gruppe zur Steuerung eines echten Netzwerks. „Die einst nur auf bin Laden und seinen engsten Führungskreis zugeschnittene Organisation delegierte nun Verantwortung an lokale Jihadisten-Führer oder beauftragte Mitglieder, regionale Ableger des Netzwerkes aufzubauen.“ (103) Die Organisation hat keine starke Resilienz gegen Rückschläge, war aber offensichtlich auch immer wieder bereit, sich selbst neu zu erfinden. Gerade die Entscheidung der al-Qaida-Leitung, den regionalen Abteilungen große Entscheidungsfreiheiten einzuräumen, sicherte das Überleben der Gesamtorganisation. Während also der Islamische Staat sich schnell ausbreitete, aber auch schnell in sich zusammenbrach, basiert al-Qaida auf robusteren Strukturen.

Wie schon in seinem Band zum Islamischen Staat zeigt sich Behnam Said als Kenner der Materie. Das Buch ist klar gegliedert und die Argumentation gut nachzuvollziehen. Aufgrund der Kürze (206 Seiten) handelt es sich aber um keinen Einführungsband. Bestimmte Vorkenntnisse (was macht beispielsweise den Unterschied zwischen der Wahhabiya und den Muslimbrüdern aus?) muss der Leser mitbringen. Das Buch bietet eine sehr gute und gelungene Zusammenfassung der jüngeren Zeitgeschichte des Dschihadismus. An einigen Stellen, vor allem wenn es um die organisatorischen Brüche und Adaptionen al-Qaidas geht, wären einige zusätzliche Seiten indes willkommen gewesen, um dem Autor mehr Raum zu geben, seiner Analyse hier etwas mehr Tiefenschärfe zu verleihen. Insgesamt ist das Buch sehr zu empfehlen und eine wichtige Ergänzung zu vielen Werken der vergangenen Jahre, die eher einzelne Aspekte ausleuchten. Said stellt den notwendigen Gesamtzusammenhang her.

 

Verfasst von:

Michael Rohschürmann

Erschienen am:

28. November 2018

Behnam T. Said

Geschichte Al-Qaidas. Bin Laden, der 11. September und die tausend Fronten des Terrors heute

München, C. H. Beck 2018

Rezensionen

Thomas Hegghammer (Hrsg.)

Jihadi Culture: The Art and Social Practices of Militant Islamists

Cambridge, Cambridge University Press 2017

Dass es bei Militanz und Kampfgeist nicht nur um Bomben und Doktrinen geht, sondern auch um Rituale und Bräuche, um Musikfilme und das Erzählen von Geschichten, um Sport und Essen, ist allen, die sich ausführlich mit der Propaganda des Islamischen Staates befasst haben, eigentlich klar. Dennoch bleiben diese Aspekte im akademischen Diskurs weitgehend ausgeblendet. Erhellt werden sie in dem Sammelband des norwegischen Dschihadismus-Experten Thomas Hegghammer. Er und sein Autorenteam befassen sich mit der Bedeutung von Poesie, Musik, Bildsprache und Literatur in der dschihadistischen Kultur.
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Hugh Kennedy

Das Kalifat. Von Mohammeds Tod bis zum "Islamischen Staat"

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Wer kann Kalif werden? Wie wird ein Kalif gewählt? Welche Machtfülle hat ein Kalif? Mit diesen drei Kernfragen der Kalifatsidee, auf die die islamische Geschichte die unterschiedlichsten Antworten bereithält, befasst sich der Londoner Islamwissenschaftler Hugh Kennedy in seiner historischen Arbeit. Er zeichnet ein großes Bild von Siegen, prächtiger Machtentfaltung und einem schleichenden Niedergang der unterschiedlichen Kalifate. Indem er die notwendigen Bezüge zur Gegenwart darstellt, belegt er eindrücklich, dass das Studium der islamischen Geschichte eine wesentliche Voraussetzung zum Verständnis heutiger Phänomene darstellt.
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Aus der Annotierten Bibliografie


Christina Hellmich

Al-Qaida. Vom globalen Netzwerk zum Franchise-Terrorismus. Aus dem Englischen von Claudia Kotte

Darmstadt: Primus Verlag 2012; 191 S.; kart., 19,90 €; ISBN 978-3-86312-347-5
Es ist nicht eine kurzgefasste Geschichte einer international agierenden Terrororganisation, die in dieser Studie präsentiert wird: Es ist die kurzgefasste Kritik an den Interpreten dieser Geschichte. Hellmichs methodischer Ansatz basiert auf kritischen Fragen. Die verbreitete Ansicht, Osama bin Ladens Al Kaida sei von Beginn an strukturiert und mit einem klaren Programm ausgestattet gewesen, wird nicht mit einer Gegendarstellung konfrontiert, sondern mit kritischen Perspektiven. Gab es denn ein...weiterlesen



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