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Rezension

Das chinesische Jahrhundert
Die neue Nummer eins ist anders

„Dieses Buch ist überfällig, da es das Potenzial hat, endlich die erforderliche Sachlichkeit in den Diskurs über China zu bringen“ (11), eröffnet Folker Hellmeyer, vormals Chefanalyst der Bremer Landesbank, sein Vorwort zu dem Buch von Wolfram Elsner. So wünschenswert eine ausgewogene und sachliche Debatte über China und seine Politik ist, so verbergen sich hinter dem Aufruf zur Sachlichkeit oft politische Interessen. Hellmeyer macht klar, worum es in dem Buch geht: „Selbstkritisch unseren westlichen Zeitgeist und unsere sogenannte moralische Überlegenheit zu hinterfragen“ (11). Dass Hellmeyer selbst Präsidiumsmitglied des Bundesverbands Deutsche Seidenstraßen Initiative ist, erfahren die Leser*innen im Abspann.

Das eigentliche Werk von Elsner entfaltet sich nur langsam. Die über sechzig Seiten lange Einleitung liest sich vor allem autobiografisch. Elsner führt lange und ausführlich aus, was ihn zu dem Thema bringt – dies ist in der Tat erhellend und umreißt eindeutig, was mit dem Buch erreicht werden soll und warum der Verfasser es als notwendig ansieht, seine Meinung an die Öffentlichkeit zu tragen. Elsner macht wenig Hehl aus seinen anfangs geringen Kenntnissen über China, die er im Folgenden allerdings durch seine persönlichen Erfahrungen wettmachen möchte. Der Leser erfährt über Elsners 68er-Sozialisation und seine ambivalente Haltung zum Maoismus. Schlussendlich zeigt er sich dankbar, dass er trotz der persönlich negativen Erlebnisse mit dem Maoismus in Deutschland dennoch zu China gefunden habe.

Die wesentliche Leistung Elsners besteht darin, ein neues Bild über Chinas Erfolge zu werfen. Dabei konzentriert er sich auf Einblicke in das alltägliche Leben und analysiert zahlreiche Entwicklungsbereiche und Politikfelder des chinesischen Systems. Das Kernanliegen des Autors ist es, die westliche Brille abzunehmen und vorurteilsfrei die Errungenschaften des chinesischen Systems zu belichten. Er plädiert für eine neue Kooperation von Europa mit China.

Inhaltlich weist das Werk erhebliche historische Auslassungen und Unklarheiten auf. So bezeichnet der Autor den Vietnam-Krieg als politisches Erweckungserlebnis, ein Sieg von David (Vietnam) gegen Goliath (USA) – und verschweigt die massive Einflussnahme Chinas in diesen Konflikt. Im Übrigen erwähnt er die Vereinigten Staaten nie, sondern bezeichnet selbige lediglich negativ konnotiert als Imperium – im Gegensatz zu dem angeblich friedlichen China. Dies ist selbstverständlich historisch falsch: Die Einflussnahme der chinesischen Regierung unter Mao auf andere Länder wie Kambodscha, Algerien, Zimbabwe und viele mehr ist schließlich gut dokumentiert.

Doch Elsner belässt es nicht bei Mao – auch Lenin wird von jeglicher Verantwortung freigesprochen. Letzterer sei erfolgreich gewesen, aber zu früh gestorben, um den Sozialismus einzuführen. Eine beachtliche Aussage, stand Lenin doch jahrelang in der Sowjetunion vorne und war de facto ein Vierteljahrhundert die einflussreichste Person im Staate.

Damit einher geht auch ein grobes Missverständnis des Nationalsozialismus, den Elsner als „rassistisch motivierte faschistische deutsche Militärmaschine“ (17) bezeichnet und den Antisemitismus verschweigt. Da passt es nicht schlecht, dass er quasi in raffendes (Westen) und schaffendes (China) Kapital unterteilt und dem „Imperium“ in Form von Donald Trump einen „absoluten Weltherrschaftsanspruch“ (51) andichtet.

Den Islamistischen Fundamentalismus sieht Elsner durch „neuartige Kräfte aus der Retorte“ (24) des Westens bestimmt. Dieser sei künstlich geschaffen worden, um „alle Bestrebungen weltlicher, fortschrittlicher oder auch nur souveräner nationaler Entwicklungen“ in einigen Staaten zu behindern. Als Beispiele für Staaten dieses Typs führt der Verfasser tatsächlich den Irak, Afghanistan und Libyen an.

Elsner wettert gegen „Mainstream-Medien“ (19), die „Einheitsmedien im Westen“ (21), „offensichtliche Gesinnungsmedien“ (22) und gegen den Westen allgemein. Westliche Akteure in China seien „staatlich-militaristische eingebundene Nicht-Regierungs-Organisationen“ (sic! 20), die für das Tian’anmen-Massaker verantwortlich seien. Es gebe „im Westen tabuisierte Bilder“ (21), die zeigen, dass die Demonstrierenden die eigentlichen Mordenden gewesen seien. Eigentlich sei damals gar kein Massaker geschehen. Andererseits seien die Maßnahmen der chinesischen Regierung einfach eine „Notbremse“ (26) zur Erhaltung der Nationalstaatlichkeit gewesen.

Der Maoismus zieht sich zwischen den Zeilen wie ein roter Faden durch das Buch. Latent wird Maos Voluntarismus gelobt, der sich bei den Chinesen zeige, die aus freien Stücken heraus hart arbeiteten. Seine eigenen Erfahrungen stehen für Elsner über allem: Vor allem ein chinesischer Freund habe ihm erzählt, wie es vor Ort wirklich aussehe. Die Berichte haben ihm die Augen geöffnet und er sei dorthin gereist. Im Folgenden habe die chinesische Regierung begonnen, sein akademisches Institut in Bremen finanziell zu unterstützen. Elsner gesteht: „Eigene Haushaltsmittel [wären] ohnehin nicht vorhanden gewesen“ (39). Dem folgt eine Lobeshymne auf die akademische Freiheit in China. Denn die Akademiker*innen seien dort komplett unabhängig. Hier wird die reale Tatsache ausgespart, dass alle chinesischen Studierenden im Ausland regelmäßig der eigenen Botschaft Bericht erstatten müssen und über andere chinesische Austauschstudent*innen ausgefragt werden.

China wird im gesamten Buch in rosaroten Farben dargestellt. Die Zwangsumsiedlungen zum Bau neuer Flughäfen werden verschwiegen, stattdessen bittet Elsner seine chinesischen Freunde, „schnell fünf BERs [zu] bauen“ (43). Zudem wollten Taiwanesen gerne an China angegliedert werden und die Proteste in Hongkong seien manipuliert. Arbeitslager der Uiguren gebe es nicht. Elsner orakelt über das Corona-Virus, es werde bald vorüber sein, denn „Wuhan hat frühzeitig alle Informationen international transparent bereitgestellt, sodass […] Diagnoseinstrumente schnellt entwickelt [werden] konnten“ (63).

Alte Denkmuster über China zu überwinden und ein tieferes Verständnis der chinesischen Politik zu erlangen, vermag Elsner mit diesem Buch nicht zu leisten. Am Ende bleibt vielmehr der Eindruck einer sehr subjektiven, teils propagandaartigen Schilderung. Es ist umso erschütternder, dass ein renommierter Verlag wie Westend solch ein Buch verlegt. Dieses Werk macht betroffen.

Verfasst von:

Vincent Wolff

Erschienen am:

5. Mai 2020

Wolfram Elsner

Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins ist anders

Frankfurt a. M., Westend Verlag 2020

Rezension

Theo Sommer

China First. Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert

München, C. H. Beck 2019

Theo Sommer (langjähriger Herausgeber der ZEIT) blickt in dieser Analyse Chinas nicht nur auf über vier Jahrzehnte Erfahrungen als China-Kenner zurück. Vielmehr berichtet er auch über den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes, analysiert die (geo-)politische Rolle des Reichs der Mitte und zeigt die Spannungslinien Chinas mit den Nachbarn und dem Westen auf. Nach Meinung des Rezensenten Rainer Lisowski zeichnet sich die Publikation durch sorgsames Abwägen und viele Details aus. Besonders der erste Abschnitt „China erwacht" sei spannend zu lesen.

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