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Rezension

Neudefinition einer Philosophie für das Weltregieren
Ein Beitrag der chinesischen Ideengeschichte

Chinas Regierung greift nach der Welt und so gewinnt das Land der Mitte an politisch-ökonomischem Einfluss. Philosophisch ist es vor allem für die Sprüche des Gelehrten Konfuzius weltbekannt, seine staatphilosophischen Beiträge sind weitaus weniger populär und ebenso wenig sind ideengeschichtliche Abhandlungen chinesischer Denker verbreitet.

Bezugnehmend auf ein klassisches Konzept der chinesischen Ideengeschichte offeriert Zhao Tingyang aus staatsphilosophischer Perspektive eine globale ‚überstaatliche Beziehungslehre’. Damit bietet der renommierte Professor der Pekinger Renmin Universität eine alternative Weltordnungsvorstellung an, die auf einem erneuerten System des chinesischen Tianxia-Konzeptes beruht. Übersetzt bedeutet der Begriff Tianxia so viel wie alles unter dem Himmel und bezeichnet verkürzt die Lebenswelt der Menschen. Für Zhao ist klar, das Konzept stamme zwar aus dem antiken China, der Fokus beschränke sich aber nicht auf China allein, sondern beziehe sich schon damals auf die ausgedehnte Welt. Die damit verbundene philosophische Vorstellung der Welt als ein integriertes System resultiert in der Forderung nach einer Weltpolitik, die sich von den nationalstaatlichen Einzelinteressen löst und die Integration der Weltgemeinschaft schafft. Zhao sieht in diesem erneuerten System die einzige Lösung für den Fortbestand der Menschheit, denn er befürchtet: Wenn ein neues System von Tianxia nicht etabliert werden könne, um globale Risiken unter Kontrolle zu bringen, verlören die Menschen sehr wahrscheinlich ihre Welt.

Diesem Schlüsselkonzept chinesischer Ordnungslehre widmet sich Zhao auf knapp 65 Seiten. In drei Kapiteln schildert er die geschichtlichen Grundlagen, die Bedeutung von Tianxia als Regulationsprinzip für das imperiale China sowie den Mehrwert für die Gegenwart.

Der erste Teil gleicht einem Forschungsresümee zum chinesischen Begriffskonzept Tianxia. Vor ungefähr dreitausend Jahren sollte während der Zhou-Dynastie durch theoretische Überlegungen das Problem gelöst werden, wie ein kleiner Staat viele große Staaten regieren könne und dazu sei ein staatsphilosophisches Verständnis etabliert worden, das alles Außenstehende in ein Konzept integriert; so sei das Tianxia-System entstanden.

Zusammenfassend führt Zhao drei Dimensionen der Begriffsbedeutung an: Zum Ersten beziehe sich Tianxia auf die physische Welt und zwar in einem geografischen Sinne. So zähle auch das unerforschte Land – also was im antiken China als Vier Meere bezeichnet wurde – ebenfalls unter Tianxia. Zum Zweiten nennt Zhao eine sozial-psychologische Dimension, die an eine Welt der Völkerverständigung erinnert. Zhao zitiert den Klassiker Guanzi: Für Tianxia zu kämpfen, bedeute zuerst für die Leute zu kämpfen und ihre Herzen zu gewinnen. Als Drittes nennt Zhao eine politikwissenschaftliche Perspektive, in der Tianxia die politische Welt bezeichne, welche durch ein Weltsystem definiert sei. Zhao befasst sich mit den staatsphilosophischen Ideen von Lü Buwei, Konfuzius und Laozi bis hin zum wenig bekannten Liu Tao. In diesem chinesischen Klassiker sieht Zhao den Beleg dafür, dass sich ein Tianxia-System, wenn als internalisiertes Weltsystem verstanden, fundamental von dem dominierenden hegemonischen Weltsystem des Imperialismus unterscheide.

Im zweiten Kapitel beschreibt Zhao angereichert mit Bezügen aus der chinesischen Geschichte, Beispiele für die politische Umsetzung gemäß der Tianxia-Vorstellung. China, das mit vielen politischen Systemen Erfahrungen gemacht hat und sich eines Vielvölkerstaates rühmt, dient ihm als der Welt-gleiche Staat („World-Pattern State“, 21 ff.). China sei der Inbegriff von Tianxia (Kapitel 2).

Im dritten Kapitel argumentiert Zhao, die Welt brauche auch ein neues Ordnungsverständnis. Gegenwärtig gebe es weder eine Weltverfassung noch Weltbürger, aber (ohne es explizit auszusprechen) Weltprobleme. Das wahre Problem sei (jedoch) nicht der sogenannte failed state, sondern die „failed world“ (44).

Nach Zhao sind vier Schlüsselkonzepte für die Etablierung eines neues Tianxia-Systems ausschlaggebend: erstens die Internalisierung der Welt, zweitens die relationale Rationalität, drittens die konfuzianische Verbesserung und viertens der kompatible Universalismus.

Im neuen Tianxia-System sollte die Exklusivität durch Internalisierung wegfallen, was unweigerlich zu einem Überwachungssystem („subvervisory system“, 58) führe. Dieses sei anti-imperialistisch, weil es die gesamte Welt umfasse. Auch löse sich dieses von der individuellen Rationalität und bedürfe stattdessen eine der Beziehungen. Ohne dies direkt anzuführen, folgt Zhao hier also dem guanxi-Verständnis, was in der chinesischen Politikwissenschaft auch zur Unterscheidung von Balance of Relation gegenüber der vorherrschenden Balance of Power eingeführt wurde. Als konfuzianische Verbesserung bezeichnet Zhao den Leitgedanken in Anlehnung an Pareto, wonach sich durch gesellschaftliche Verbesserung auch die Situation jedes Einzelnen verbessere. Mit der Behauptung, dass die Welt bis zur Einführung der mono-theologischen Ideologie in Ordnung gewesen sei, fügt Zhao noch das Schlüsselkonzept der universalen Kompatibilität hinzu, die auf einer rationalen symmetrischen Beziehung fuße.

Der Autor unterfüttert die Propaganda der chinesischen Regierung mit einer staatsphilosophischen Betrachtung des klassischen Konzepts Tianxia, indem er sich bemüht, eine Alternative zur westlichen Ideengeschichte anzubieten. So diskutiert Zhao kritisch Kant, Habermas, Huntington und Rawls. An Kant kritisiert er beispielhaft, dass die Umsetzung des ewigen Friedens homogene Gesellschaftsmodelle brauche und die Ideen daher nicht auf ein Weltregieren übertragbar seien. Während eine Stärke in den Referenzen zu klassischen Texten und Chinas Geschichte liegt, verwundert es, dass eine Diskussion des zeitgenössischen chinesischen Forschungsstandes schwach ausfällt. Auch fehlt jegliche Bezugnahme zum marxistischen Weltstaatsverständnis, obgleich die philosophische Nähe augenscheinlich ist.

Das Buch ist für westliche Leser*innen geschrieben, denen nicht nur die historischen Grundlagen vermittelt, sondern auch eine mögliche Anwendung des Tianxia-Systems in der Gegenwart schmackhaft gemacht werden soll. Das Buch liest sich vor dem politischen Hintergrund, dass seit dem Erfolg der wirtschaftlichen Liberalisierung Pekings Regierung die Genese einer Theorie der Chinesischen Internationalen Beziehungen (die Chinese IR) unterstützt. Philosophische Vorstellungen des alten Chinas dienen dabei als Ausgangskonzept. So basiert also Zhaos Philosophie des Weltregierens auf dem tradierten Konzept Tianxia und reiht sich damit in die Schriftreihe zu chinesischen Schlüsselkonzepten des größten chinesischen Verlagshauses Foreign Language Teaching and Research Press ein.

 

Verfasst von:

Josie-Marie Perkuhn

Erschienen am:

26. August 2019

Tingyang Zhao

Redefining A Philosophy for World Governance

London, Palgrave Pivot 2019 (China Insights)

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Wolfgang Bauer

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