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Redaktionelle Einführung

Klaus Detterbeck habe mit „Parteien im Auf und Ab“ seinem 2011 veröffentlichten umfangreichen Werk über Parteien und Parteiensysteme eine – wie Rezensent Sven Leunig schreibt – „lesenswerte Ergänzung beziehungsweise Aktualisierung“ seiner bisherigen Erkenntnisse zur Parteiensystemforschung hinzugefügt. Die Veränderungen in den europäischen Parteiensystemen, wie etwa der Mitgliederschwund, seien auch durch die Globalisierung bedingt, aber vor allem durch die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 verursacht. Die „Stunde der Populisten“ sei „somit eine Reaktion auf wirtschaftliche Sorgen und kulturelle Ängste“ gewesen. (ste)


 

BTW-Schwerpunkt: Gespaltene Gesellschaft
Rezension

Parteien im Auf und Ab
Neue Konfliktlinien und die populistische Herausforderung

Eine Rezension von Sven Leunig

Ungeachtet des etwas ‚lockeren‘ Titels hat Klaus Detterbeck seinem umfangreichen Werk über Parteien und Parteiensysteme aus dem Jahr 2011 mit diesem kurzen, gut hundert Seiten starken Buch eine lesenswerte Ergänzung beziehungsweise Aktualisierung seiner bisherigen Erkenntnisse zum Thema hinzugefügt. Als „Studie“ (11) bezeichnet, hat es doch eher den Charakter eines – dafür nun wieder sehr umfangreichen – State of the Art, im besten Sinne des Wortes. Aufhänger sind, wie der Untertitel schon verrät, die gegenwärtigen Veränderungen in den (vornehmlich) europäischen Parteiensystemen nach der Wirtschafts- und Fiskalkrise von 2008/2009. Diese wird, um es vorwegzunehmen, zusammen mit dem weiter ansteigenden Grad der Globalisierung, von der Forschung und ebenso von Detterbeck für die identifizierten Veränderungen verantwortlich gemacht. Die Krise habe viele Menschen, die schon in den 1990er- und 2000er-Jahren durch den ‚Kontrollverlust‘ der Nationalstaaten im Zuge der Globalisierung irritiert waren, vollends verunsichert. Nicht wenige seien dadurch in die Arme von Populisten getrieben worden: „Die Stunde der Populisten ist somit eine Reaktion auf wirtschaftliche Sorgen und kulturelle Ängste“ (81), stellt Detterbeck dann unisono mit der ganz überwiegenden Literatur zum Thema fest.

Etwas bedauerlich ist allerdings, dass er sich – gestützt auf eine Studie[1] von Takis S. Pappas und Hanspeter Kriesi – zwar intensiv mit den Daten zu west-, süd- und nordeuropäischen populistischen Parteien befasst, aber nur relativ knapp auf die osteuropäischen Vertreter dieser Ideologie zu sprechen kommt. Damit würde sich sein beruhigender Hinweis, in Westeuropa (!) hätten Populisten bislang nie mehr als 30 Prozent der Stimmen bekommen denn doch etwas relativieren, betrachtet man die Wahlerfolge des ungarischen Bürgerbundes Fidesz und der polnischen Partei ‚Recht und Gerechtigkeit‘ (PIS). Zwar ist die Entwicklung in Osteuropa ausweislich der Einleitung auch nicht Thema des Buches, ein entsprechender Hinweis hätte aber nicht geschadet.

Abgesehen davon führt Detterbeck, der Zielsetzung der Buchreihe „Politik verstehen“ entsprechend, die Leserinnen und Leser auf verständliche Weise in die Parteiensystemforschung ein, beginnend mit den Grundlagen (Kapitel 2) über eine erste Betrachtung der (In-)Stabilität der westeuropäischen Parteiensysteme (Kapitel 3) und der Erläuterung der Ursachen des Wandels dieser Systeme (Kapitel 4) bis – eben – zur Darstellung der Zeit ab 2008/09, überschrieben mit der „Dekade der Turbulenzen“ (Kapitel 5). In dieser Weise gelingt Detterbeck ein Text ‚aus einem Guss‘: Will man die massiven Veränderungen in den westeuropäischen Parteiensystemen zu Beginn des 21. Jahrhunderts verstehen, muss einem zunächst einmal klar werden, wodurch diese Systeme wissenschaftlich definiert und empirisch erfasst werden. Sodann gilt es zu verdeutlichen, wodurch Veränderungen auftreten können – und auch vor 2010 schon sind: aufgrund von „gesellschaftliche[n] Strukturen, institutionelle[n] Rahmenbedingungen und strategischem Handeln von Parteien“ (64).

Zentral sind für die Forschung hier immer noch die „Konfliktlinien“ (cleavages), die, von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan[2] in den 1960er-Jahren formuliert, weiterhin als Orientierungs- und Verständnisparameter dienen. Insofern folgerichtig geht der Autor in Kapitel 2 auf diese auch ausführlich ein. Gerade für die nachlassende Akzeptanz der politischen Eliten führt er auch die sinkende Wahlbeteiligung an. Allerdings wird nur in einer Endnote am Schluss des Buches erwähnt, dass die Wahlerfolge der Populisten in Deutschland auch zu einem erneuten Anstieg der Wahlbeteiligung seit 2013 geführt hat, was nicht zu vernachlässigen ist und in den Haupttext gehört hätte.

Fazit: Summa summarum bietet der Band einen gut lesbaren und informativen Einstieg in das Verständnis von Parteien, wie es der Intention des Verlages entspricht.


Anmerkungen

[1] Takis S. Pappas / Hanspeter Kriesi (Hrsg.): European populism in the shadow of the Great Recession (Studies in European political Science), ECPR Press, Colchester 2015.

[2] Seymour Martin Lipset / Stein Rokkan: Party Systems and Voter Alignments. Cross-National Perspectives“, Free Press, New York 1967.

Verfasst von:

Sven Leunig

Erschienen am:

24. September 2021

Klaus Detterbeck

Parteien im Auf und Ab. Neue Konfliktlinien und die populistische Herausforderung

Stuttgart, Kohlhammer 2020

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