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Digirama

Graffiti wilhelmsburg IMG 3977Graffiti in Hamburg-Wilhelmsburg. Foto: Karosa

Die Gesichter der Armut
Ursachen, Folgen und mögliche Auswege

Armut ist ein vielgestaltiges Phänomen. Sie kann öffentlich erkennbar sein, etwa in Gestalt von Obdachlosen oder um Almosen bettelnde Menschen im Straßenbild, sich nur latent andeuten oder lediglich im privaten Umfeld wahrnehmbar sein. Besonders gravierend in einem wohlhabenden Land wie Deutschland ist die steigende Erwerbsarmut, also der Umstand, mit der eigenen Arbeit kein ausreichendes Einkommen erzielen zu können. Nicht zu unterschätzen ist zudem das Ausmaß der verdeckten Armut, da nicht alle Betroffenen die ihnen zustehenden staatlichen Hilfeleistungen in Anspruch nehmen und daher in offiziellen Statistiken nicht sichtbar sind. Vielfach treffen mehrere Belastungen wie ungesicherte Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit, mangelnde Ausbildung, Krankheit usw. gleichzeitig zusammen. Zu den besonders von Armut bedrohten Gruppen gehören Alleinerziehende, Arbeitslose, kinderreiche Familien, Menschen ohne oder mit niedrigem Schulabschluss, Kinder aus von Armut und sozialer Ungleichheit betroffenen Familien sowie Frauen im Alter. Ihnen gemeinsam ist häufig das Gefühl, in dieser Gesellschaft nichts wert zu sein.

In diesem Digirama werden Studien, Aufsätze und Berichte vorgestellt, die die einzelnen strukturellen Facetten der Armut näher beleuchten, auf die Auswirkungen von sozialer Ungleichheit für Wirtschaft und Politik eingehen sowie mögliche Auswege aus der Armut aufzeigen. In der Gesamtschau zeigt sich ein komplexes Bündel an Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen von Armut, die es bei der Suche nach geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit in den Blick zu nehmen gilt. Deutlich wird dabei auch, dass die lange kaum thematisierte Verteilungsfrage neuerdings an Brisanz gewinnt.

Die Beiträge sind in absteigender chronologischer Reihenfolge sortiert.

 

Frank Decker / Volker Best / Sandra Fischer / Anne Küppers
Vertrauen in Demokratie. Wie zufrieden sind die Menschen in Deutschland mit Regierung, Staat und Politik?
Friedrich Ebert Stiftung 2019 (Für ein besseres Morgen)

„Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland ist damit zufrieden, wie die Demokratie in unserem Land funktioniert. Zwei Drittel glauben, dass es den nachfolgenden Generationen schlechter gehen wird. Das ist das besorgniserregende Ergebnis der vorliegenden Studie.“ Deutlich wird darin der Zusammenhang zwischen dem sinkenden Vertrauen in die Demokratie und der wachsenden sozialen Ungleichheit: „Diejenigen, die mit der Sozialpolitik unzufrieden sind, sind auch zu fast zwei Dritteln mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden. Unter denjenigen, die einen Anstieg sozialer Ungleichheit feststellen, sind 60 Prozent unzufrieden. (2)

Pavel Grigoriev / Rembrandt Scholz / Vladimir M Shkolnikov
Socioeconomic differences in mortality among 27 million economically active Germans: a cross-sectional analysis of the German Pension Fund data
BMJ Open 2019

Die Autoren, Forscher am Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR), haben erstmals auf Basis eines staatlichen Datensatzes der Deutschen Rentenversicherung untersucht, wie sich Bildung, Einkommen und Beschäftigungsstatus auf die Sterblichkeit auswirke. „Demnach verdoppelt Arbeitslosigkeit das Sterberisiko. Und für die am stärksten benachteiligte Gruppe von Männern im Osten ist der Tod achtmal so wahrscheinlich wie für die am besten gestellte.“ (aus der Pressemitteilung des MPIDR)


Georg Wenzelburger
Wer den Sozialstaat verteidigt, kürzt Leistungen besonders stark. Zur Wirkung von Parteien auf sozialstaatliche Reformpolitik
DVPW-Blog, 8. April 2019

Welche Parteien betreiben sozialstaatliche Kürzungspolitik und welche bauen den Sozialstaat aus? Die Debatte um diese Frage aufgreifend, skizziert Georg Wenzelburger in diesem kurzen Blogbeitrag eine Studie, die die These untermauert, dass „sozialstaatliche Kürzungspolitik umso wahrscheinlicher ist, je wohlfahrtsstaatsfreundlicher die ideologische Position der Regierung ausfällt“.


Marcel Helbig, Rita Nikolai
Bekommen die sozial benachteiligsten Schüler*innen die „besten“ Schulen? Eine explorative Studie über den Zusammenhang von Schulqualität und sozialer Zusammensetzung von Schulen am Beispiel Berlins
WZB Discussion Paper P-2019-002, März 2019

In ihrer Studie über den Zusammenhang zwischen der sozialen Mischung an einer Schule und deren Qualität kommen Marcel Helbig und Rita Nikolai zu folgendem Ergebnis: „Insgesamt kommen wir zu dem Befund, dass die sozial am stärksten benachteiligten Schulen auch die ungünstigsten Rahmenbedingungen aufweisen. An sozial benachteiligten Schulen ist die Personalabdeckung schlechter, Unterricht muss häufiger vertreten werden oder fällt aus und an ihnen arbeiten mehr Lehrkräfte ohne Lehramtsstudium als an Schulen mit einer besseren sozialen Zusammensetzung. Zudem sind an diesen Schulen die in den Schulinspektionen gemessenen Qualitätsbereiche schlechter.“ (25 f.)

Kristin Biesenbender / Timm Leinker
Einkommens- und Vermögensungleichheit. Empirischer Befund und politische Handlungsoptionen
Friedrich-Ebert-Stiftung (Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik) 2019

Die Publikation dokumentiert eine Tagung des Kocheler Kreises für Wirtschaftspolitik vom Januar 2019. Dabei haben sich 75 Vertreter*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und politischer Praxis mit der Frage der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen befasst. Die wichtigsten Ergebnisse aus den Präsentationen und Diskussionen werden in diesem Papier kurz und prägnant präsentiert. 


Stefan Liebig
Die Tafeln als Versagen des deutschen Wohlfahrtsstaats? Kann man so nicht sagen
DIW Wochenbericht 10/2018

In diesem kurzen Kommentar kritisiert Stefan Liebig eine verkürzte Sicht auf die Arbeit der Tafeln als Ausdruck einer zunehmenden Armut und eines Versagens der Sozialsysteme. Vielmehr gelte es, die Motive derjenigen, die die Angebote der Tafeln in Anspruch nehmen, eingehender zu untersuchen, um Handlungsbedarfe für die Politik und die Sozialsysteme genauer zu identifizieren.


Anselm Rink
Das Rätsel der Ungleichheit. Historische Erbsitten haben Auswirkungen bis heute
WZB Mitteilungen Heft 161, September 2018

„Warum sind manche Gesellschaften gleicher als andere? Wir argumentieren, dass gerechte Erbschaften innerhalb von Familien Gleichheit begünstigen. Deutsche Gemeinden, die historisch fair vererbt haben, wählen bis zum heutigen Tag mehr Frauen in Kommunalparlamente und haben weniger Aristokraten in der sozialen Elite. Gleichzeitig lässt sich zeigen, dass faire Erbschaften Einkommensungleichheit forcieren. Es gibt also einen ‚Trade­off‘ zwischen sozialer und ökonomischer Ungleichheit.“ (Abstract)


Peter Kupka / Joachim Möller / Philipp Ramos Lobato / Joachim Wolff
Teilhabe für arbeitsmarktferne Arbeitslose durch einen Sozialen Arbeitsmarkt – Chancen und Risiken eines notwendigen Instruments
Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Band 67, Heft 2: 154-163, August 2018

Um die Chancen auf die soziale Teilhabe von Langzeitarbeitslosen zu verbessern, wurde im Koalitionsvertrag die öffentliche Förderung von Arbeitsplätzen unter dem Titel „Förderung der Teilhabe am Arbeitsmarkt“ vereinbart. In diesem Beitrag werden die Voraussetzungen und Fragen der Ausgestaltung eines solchen Instruments des Sozialen Arbeitsmarktes erörtert. Unter anderem weisen die Autoren darauf hin, dass es entscheidend darauf ankommt, „bestmöglich sicherzustellen, dass tatsächlich nur ein Personenkreis gefördert wird, der ansonsten nahezu keine Beschäftigungschance hätte. Fehlzuweisungen wären fatal, da sie nicht nur öffentliche Mittel, sondern auch persönliche Ressourcen vergeuden. Die Sorgfalt bei der Auswahl der Personen entscheidet somit über den Erfolg des Instruments.“ (160) Praktische Umsetzungshürden sehen sie in unzureichenden Trägerstrukturen und der mangelnden Bereitschaft privatwirtschaftlicher Unternehmen zur Mitwirkung am Sozialen Arbeitsmarkt.


Stefan Stuth / Brigitte Schels / Markus Promberger / Kerstin Jahn / Jutta Allmendinger
Prekarität in Deutschland?!
WZB Discussion Paper P 2018-004, August 2018

Der strukturelle Wandel der Erwerbsarbeit hat zur Herausbildung prekärer Beschäftigungsverhältnisse und zu Einschnitten in der sozialen Sicherung geführt. Die Autor*innen dieser Studie fragen nach den Ausprägungen und Abstufungen von Prekarität in Deutschland und haben hierfür Daten des SOEP für den Zeitraum von 1993 bis 2012 untersucht. Die größte Personengruppe in anhaltender prekärer Beschäftigungs- und Haushaltslage bilden demnach Frauen und insbesondere Mütter, gefolgt von Vätern im Haupterwerbsalter und jungen Männern ohne Berufsausbildung. Ein erlernter Beruf sei aber keine Garantie für ein auskömmliches Einkommen: „Das Risiko prekär beschäftigt zu sein ist dann am geringsten, wenn der erlernte Beruf dem ausgeübten Beruf entspricht.“ (35) Insgesamt zeigt die Analyse, dass „etwa ein Achtel der deutschen Erwerbsbevölkerung […] dauerhaft oder zumindest in langen Zeiträumen prekär beschäftigt ist und unter prekären Umständen lebt. Die Arbeits- und Sozialpolitik wäre gut beraten, sich auf diesen Tatbestand stärker einzulassen“ (40).


Rudolf Zwiener
Mehr und besser bezahlte Arbeit statt „Rente mit 70“. Modellsimulation einer erfolgreichen Wachstums- und Beschäftigungspolitik zur Bewältigung des demografischen Wandels
Hans-Böckler-Stiftung, IMK Policy Brief, Juni 2018

Der Autor befasst sich mit den Folgen des demografischen Wandels für die Alterssicherung. Er betont, dass „vermeintliche Lösungen […] nicht allein ein höheres Renteneintrittsalter, höhere Beitragssätze oder eine Senkung des Rentenniveaus [umfassen], wie vielfach behauptet“ (2). Gegen diese verkürzte Sichtweise entwirft er ein wirtschaftspolitisches Wachstumsszenario, mit dem „gezeigt [werden] kann, dass es in einem 15-Jahreszeitraum unter realistischen Rahmenbedingungen möglich ist, eine zusätzliche Zunahme der Erwerbstätigen um rund 2 Millionen Personen zu erreichen. Höhere Reallöhne und eine gleichzeitige Anhebung bzw. Stabilisierung des Rentenniveaus verbessern in dieser Zeit die Realeinkommenssituation der Rentner und Rentnerinnen deutlich.“ (8)


Stefan Bach / Peter Haan / Michelle Harnisch
Progressive Sozialbeiträge können niedrige Einkommen entlasten
DIW Wochenbericht 13+14/2018

Vor dem Hintergrund der im Koalitionsvertrag vorgesehenen Reform der Sozialbeiträge werden in diesem Beitrag die Wirkungen verschiedener Entlastungskonzepte untersucht. Demnach biete das „Regierungsprogramm der Großen Koalition […] wenig Entlastung für Haushalte mit unteren und mittleren Einkommen. Der geplante Abbau des Solidaritätszuschlags bringt diesen Gruppen kaum etwas. Als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer profitieren sie zumindest kurzfristig von der Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Entlastung beim Arbeitslosenbeitrag. […] Progressive Sozialbeiträge hingegen“, so die Empfehlung der Autor*innen, „können die unteren und mittleren Einkommen gezielter entlasten.“ (284)


Florian Buhlmann / Eric Sommer / Holger Stichnoth
Verteilungswirkungen der Reformpläne der Großen Koalition: Rentner und Familien sind die Hauptprofiteure
ZEW Policy Brief 2, März 2018

Zur wirtschaftlichen Entlastung breiter Bevölkerungsschichten sieht der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD verschiedene Maßnahmen vor. Die Autoren ermitteln die Umverteilungswirkungen einzelner geplanter Vorhaben wie die Abschaffung des Solidaritätszuschlags, die Erhöhung des Kindergeldes und -freibetrags oder die Absenkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung und weiterer Maßnahmen. Bei allen differenzierten Darstellungen der jeweiligen Maßnahmen kann zusammenfassend folgender Befund festgehalten werden: „Die Berechnungen identifizieren Familien der Mittelschicht sowie ältere Bürgerinnen und Bürger als Hauptprofiteure der Reformen. Haushalte am oberen und unteren Ende der Einkommensverteilung profitieren relativ gesehen am geringsten.“ (4)


Alex Wischnewski
Wer ist hier „Krisengewinner“? Auswirkungen von neoliberalem Staatsumbau und politischem Rechtsruck auf das Leben von Frauen in Deutschland
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2018

Gemeinhin gilt Deutschland als Gewinner der globalen Finanzkrise von 2009. Dennoch ist eine wachsende soziale Ungleichheit zu verzeichnen, die, wie Alex Wischnewski in dieser Studie zeigt, vor allem auf Kosten der Frauen erfolgt. „Trotz der insgesamt positiven Leistungsbilanz, mit der Deutschland durch die Krise kam, explodierten die Staatsschulden infolge kurzfristig aufgelegter Konjunkturprogramme, was mit rigiden Sparvorgaben beantwortet wurde“. Die ab 2010 umgesetzte Austeritätspolitik der deutschen Regierung erklärt für die Autorin „nur einen Teil der sozialen Entwicklungen, die der Emanzipation von Frauen derzeit entgegenstehen.“ Sie blickt auf die langfristigen Folgen des bereits in den 1980er-Jahren begonnen Um- und Abbau des Sozialstaats zurück und benennt Ansatzpunkte, wie eine Politik für Frauen konsequent mit Fragen von Arbeitsverhältnissen und Umverteilung und Sozialstaatsreformen zu verknüpfen ist.


Holger Stichnoth et al.
Kommen Geldleistungen bei den Kindern an?
Hrsg. von der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2018

Die in der Öffentlichkeit vielfach debattierte Befürchtung, dass direkt ausgezahlte Geldleistungen für Kinder von den Familien zweckentfremdet würden oder werden könnten, hatte unter anderem zur Folge, dass 2011 das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) eingeführt wurde. Es sieht vor, Kinder und Jugendliche mit Transferbezug ausdrücklich in Form von Sachleistungen zu fördern. Dieses Verfahren erfordert jedoch einen hohen administrativen Aufwand und aufgrund der bürokratischen Hürden wurden die Leistungen vielfach gar nicht in Anspruch genommen. Vor diesem Hintergrund hat ein Forschungsteam des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht, inwieweit dieses Misstrauen gerechtfertigt ist.

Das Fazit lautet: „Zusammenfassend deuten weder die bisherigen Studien noch die hier vorgelegten empirischen Untersuchungen auf eine systematische Zweckentfremdung von Geldleistungen durch die Eltern hin. Vielmehr zeigt gerade die Analyse des Kindergeldes, dass dieses sinnvoll für Bildungs- und Freizeitaktivitäten der Kinder eingesetzt wird und dass sich die Wohnsituation der Familie durch das Kindergeld verbessert. Die Sorge vor einer massiven Zweckentfremdung eines Teilhabegeldes bzw. einer Kindergrundsicherung, die insbesondere Kinder im unteren Einkommensbereich stärker als bislang finanziell unterstützen würde, ist aufgrund der hier vorliegenden empirischen Ergebnisse nicht gerechtfertigt. Da auch Sachleistungen und zweckgebundene Geldleistungen wie beim Bildungs- und Teilhabepaket wegen der hohen Verwaltungsausgaben nie in voller Höhe bei den Kindern ankommen, plädieren wir angesichts der Studienlage zumindest für eine Beweislastumkehr und einen Verzicht auf einen Generalverdacht gegenüber Eltern in einkommensarmen Haushalten.“ (11)


Silke Tophoven / Torsten Lietzmann / Sabrina Reiter / Claudia Wenzig
Armutsmuster in Kindheit und Jugend. Längsschnittbetrachtungen von Kinderarmut
Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, Oktober 2017

Um die Dauer und Dynamik von Kinderarmut genauer in den Blick zu nehmen, hat das Autorenteam vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung „auf Basis der Daten des PASS [repräsentative Längsschnittstudie „Panel Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“, Anmerk. der Red.] Kinder und die Einkommenslagen der Haushalte, in denen sie leben, über jeweils fünf Zeitpunkte im Längsschnitt untersucht“ (52). Damit ist eine differenzierte Betrachtung von temporären und dauerhaften Armutslagen möglich. Im Ergebnis wurden vier Armutsmuster identifiziert, deren Zuschreibung abhängig von Kriterien wie Erwerbsstatus, Anzahl der Kinder, Migrationshintergrund und Qualifikation der Eltern ist. Insgesamt ließen sich etwa ein Drittel der Kinder einem dieser Armutsmuster zuordnen. Zudem zeigte sich im Beobachtungszeitraum eine hohe Kontinuität der Einkommens- und Armutslagen. „Wechsel in andere Einkommenslagen und damit auch ein (dauerhafter) Übergang aus dem SGB-II-Bezug in eine gesicherte Einkommenslage sind eher selten.“ (14)
(Downloadseite: https://www.bertelsmann-stiftung.de/es/publikationen/publikation/did/armutsmuster-in-kindheit-und-jugend/)

 

Nationale Armutskonferenz
Armutsrisiko Geschlecht. Armutslagen von Frauen in Deutschland
Berlin, Oktober 2017

Versammelt sind Kurzbeiträge von Autorinnen aus dem Umfeld der Nationalen Armutskonferenz, die die unterschiedlichen Facetten der Armut von Frauen beleuchten. In ihrem Einführungsbeitrag legt Gisela Notz eindrücklich dar, dass Armut „viele Frauengesichter“ hat. Beispielsweise werden Frauen arm, weil sie in der Regel mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer, weil sie oft einen schlechteren Zugang zu (Aus-)Bildung haben, weil sie weniger verdienen als Männer, weil sie nicht in einer sogenannten Normalfamilie leben oder weil das Rentensystem nicht ihrer Lebensrealität entspricht. Die aus den Einzelanalysen abgeleiteten Maßnahmen und Lösungsvorschläge setzen an den strukturellen Ursachen der Geschlechterungleichheit an. Gefordert werden unter anderem die Abschaffung des Ehegattensplitting sowie die Abkehr von den durch Hartz IV eingeführten ‚Bedarfsgemeinschaften‘ ebenso wie die Schaffung von Teilzeit-Ausbildungsstellen für junge Frauen mit Kindern, die Aufwertung von frauendominierten Berufen oder die Überwindung des Gender-Pay-Gap.


Gustav A. Horn / Jan Behringer / Sebastian Gechert / Katja Rietzler / Ulrike Stein
Was tun gegen die Ungleichheit? Wirtschaftspolitische Vorschläge für eine reduzierte Ungleichheit
Hans-Böckler-Stiftung, IMK Report 129, September 2017

Die soziale Ungleichheit in Deutschland ist seit Ende der 1990er-Jahre gestiegen und hat sich auf einem relativ hohen Niveau verfestigt. Diese Studie des IMK Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung ist im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 entstanden. Darin legen die Autor*innen das Ausmaß der Einkommensungleichheit dar: „Eine Gliederung in drei Einkommensgruppen zeigt, dass die obere Einkommensschicht Ihr Realeinkommen von 1991 bis 2014 erheblich steigern konnte, während die mittlere und insbesondere die untere Einkommensschicht deutlich dahinter zurückblieben. Die Mittelschicht schrumpfte und die Bevölkerungsanteile an den Rändern der Verteilung nahmen zu.“ (1) Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zur Reduzierung von Ungleichheit und Armut zählen neben einer effektiveren Besteuerung von Unternehmensgewinnen die konsequente Ahndung privater Steuerflucht, die Anhebung des Spitzensteuersatzes und eine Reaktivierung der Vermögenssteuer, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer sowie die Reform der Erbschafts- und Grundsteuer. Zudem sollten unter anderem das Kindergeld erhöht und das Tarifsystem gestärkt werden sowie der Mindestlohn „temporär stärker steigen und das Arbeitslosengeld II an dessen Entwicklung gekoppelt werden“ (1).


Sabine Hübgen
Armutsrisiko alleinerziehend
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 30-31/2017), 21. Juli 2017

Ein Drittel der rund 1,6 Millionen alleinerziehenden Mütter oder Väter waren 2015 armutsgefährdet, schreibt Sabine Hübgen und fragt nach den Gründen dafür, „dass Alleinerziehende in Deutschland dreimal so häufig von Armut bedroht sind als andere Familien mit Kindern“. Im Anschluss an eine begriffliche Klärung des Begriffs „alleinerziehend“ beleuchtet sie die drei Bereiche, die für das materielle und soziale Wohlergehen von zentraler Bedeutung sind: Familie, Arbeitsmarkt und Sozialstaat. Im „Zusammenspiel dieser drei Instanzen“, so Hübgen, lassen sich die Ursachen für das erhöhte Armutsrisiko verorten. Problematisiert werden beispielsweise die fortbestehenden geschlechtsspezifischen Normen, die die Verantwortung der unbezahlten Erziehungsarbeit in der Regel den Frauen zuschreiben, sowie die ebenfalls damit verbundenen strukturellen Hindernisse bei der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Erziehungsarbeit. Zu den von ihr abschließend skizzierten Handlungsbedarfen und Reformvorschlägen zählt die Abschaffung des Ehegattensplittings, der Ausbau von Weiterbildungsangeboten für Geringqualifizierte, Anreize für familienfreundliche Arbeitsbedingungen und die Ausweitung der Kinderbetreuung sowie überhaupt einen umfassenden Zugang zu Informationen über die Sozialleistungen und für Alleinerziehende und deren erleichterte Beantragung.


Dorothee Spannagel et al.
Aktivierungspolitik und Erwerbsarmut
Hans-Böckler-Stiftung, WSI-Report 36, Juli 2017

Um Armut und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, verfolgen viele Mitgliedstaaten der EU ein aktivierungspolitisches Leitbild. Damit verbunden sind Maßnahmen auf den drei Ebenen investive Arbeitsmarktpolitik, Konditionalität von Transferleistungen und Erhöhung der Eigenverantwortung. Die dem Leitbild zugrunde liegende Annahme, dass Beschäftigungswachstum automatisch Armut verringert, wird in dieser Studie hinterfragt. Auf der Grundlage eines Vergleichs zwischen 18 EU-Mitgliedstaaten untersuchen die Autor*innen den Einfluss arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Instrumente auf die Erwerbsarmut. Die Befunde zeigen, dass „Aktivierungspolitik kein Allheilmittel für die wachsenden sozialen Probleme in Europa ist“; insbesondere führe eine strenge Konditionalität dazu, dass „aus armen Arbeitslosen arme Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen“ (16) werden. Als besonders auffällig zeigt sich Deutschland, das für den Zeitraum von 2004 bis 2014 „mit Abstand den höchsten Zuwachs an Erwerbsarmut aufweist“ (6). Angezeigt seien daher eine weitere Eindämmung des Niedriglohnsektors und die Förderung von existenzsichernden Arbeitsverhältnissen. Darüber hinaus sei ein Paradigmenwechsel in der Arbeitsvermittlung erforderlich: „Weg von der Aktivierung und dem Vorrang der direkten und schnellen Vermittlung, hin zu einer individuellen Förderung und Befähigung der Arbeitssuchenden“ (16) bei gleichzeitiger Entschärfung von Zumutbarkeitsregeln.


Hans-Böckler-Stiftung (Hrsg.)
Schadet Ungleichheit dem Wachstum?
Böckler Impuls 08/2017

Skizziert werden neuere Forschungsergebnisse über die negativen Effekte von sozialer Ungleichheit für die wirtschaftliche Entwicklung. Die darin festgestellten Einbußen beim Wirtschaftswachstum werden unter anderem damit erklärt, „dass untere Einkommensgruppen bei steigender Ungleichheit weniger in Bildung investieren können, wodurch die soziale Mobilität und die Entwicklung des sogenannten Humankapitals geschwächt werden.“


Marcel Fratzscher
Armut gefährdet die Demokratie
Zeit Online, Fratzscher’s Verteilungsfragen, 17. März 2017

In diesem Kolumnenbeitrag erklärt Marcel Fratzscher die demokratiegefährdende Dimension von Armut. Dabei geht es um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Allgemein bekannt ist, dass materielle Armut oft mit mangelnder sozialer und politischer Teilhabe verknüpft ist. Dadurch sei das Funktionieren unserer Demokratie und der Wohlstand aller gefährdet. „Die zunehmende Armutsgefährdung führt zu einer stärkeren Abhängigkeit vom Sozialstaat. Dies reduziert die Möglichkeiten der Betroffenen, in ihre eigene Bildung und die ihrer Kinder zu investieren und ihre Fähigkeiten in Gesellschaft und Wirtschaft einzubringen. Es schädigt aber auch die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates, der für immer mehr Menschen Leistungen erbringen muss und dies dadurch immer weniger gut und weniger zielgenau tun kann.“ Insbesondere das gestiegene Armutsrisiko von Menschen in Arbeit sollte daher, so Fratzscher, „ein Weckruf für die Politik und ein zentrales Thema im politischen Diskurs sein“.


AWO Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e. V. (Hrsg.)
Aspekte der Armut in Mecklenburg-Vorpommern
Forschungsbericht im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt Mecklenburg-Vorpommern, September 2015

Im Vergleich zum Bundesdurschnitt ist Mecklenburg-Vorpommern besonders stark von Armut betroffen, durch den Strukturwandel haben viele Menschen ihre ökonomische Existenzgrundlage verloren. „Bei allen Fortschritten finden wir noch immer mit die höchste Arbeitslosigkeit, die geringsten Einkommen und oftmals die höchsten Preise für Leistungen der Daseinsvorsorge“, zudem habe sich das Land innerhalb von 25 Jahren von der „Kinderstube der Nation“ zum „Altersheim Deutschlands“ (13) entwickelt, heißt es in dem Bericht. Er ist das Ergebnis einer Studie, die in einem größeren Forschungsverbund durchgeführt wurde und deren Ziel es war, die Situation der von Armut betroffenen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern räumlich kleinteilig zu beschreiben und in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen darzustellen. Dabei ging es auch darum, die Unterschiedlichkeit der Lebenslagen und Betroffenheit von Armutsrisiken deutlich zu machen und dabei auf „vorschnelle plakativ-pauschale Zuspitzungen [zu] verzichten“ (6). In den Interviews werden die Isolation und die Armut an sozialer Teilhabe als besonders gravierend herausgestellt, auch Energie- und Mobilitätsarmut sowie die Verfestigung von Armutsbiografien werden problematisiert. Zudem deutet sich an, dass alleinstehende Männer in Zukunft eine (weitere) Armutsgruppe darstellen könnten. Die Studie hatte außerdem zum Ziel, auf der Basis der erhobenen räumlichen und strukturellen Gegebenheiten politische Strategien und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Diese setzen auf unterschiedlichen Ebenen an und reichen von Einkommensverbesserungen und gezielten Programmen für einzelne Risikogruppen über die Verbesserung gesellschaftlicher Inklusion bis zur Befähigung der Kommunen. (Unter dem obigen Link werden eine Kurz- und eine Langfassung zum Download angeboten.)

 

Zusammengestellt von:

Anke Rösener

Erschienen am:

30. Januar 2019, zuletzt aktualisiert im Oktober 2019

Literatur

Eva Maria Hohnerlein
Adressing Poverty Risks of Lone Mothers in Germany: Social Law Framework and Labour Market Integration, in: Uta Meier-Gräwe et al.(Hrsg.): Family Life in Japan and Germany
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2019

Gudrun Quenzel / Klaus Hurrelmann
Handbuch Bildungsarmut
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2019

Stefan Wellgraf
Schule der Gefühle. Zur emotionalen Erfahrung von Minderwertigkeit in neoliberalen Zeiten
Bielefeld, transcript 2018

Olaf Groh-Sambert / Nepomuk Hurch / Nora Waitkus
Dynamiken sozialer Ungleichheit
Schwerpunktheft WSI-Mitteilungen 5/2018 (1. Oktober 2018)
Baden-Baden, Nomos Verlag 2018

Stephanie Rose
Das Reproduktionsregime: Sicherung von Arbeits- und Lebenskraft zwischen Effizienz und Resilienz
Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2017

Pia Jaeger
Soziale Gerechtigkeit im Wandel. Ein idealistisches Konstrukt und/oder ein Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung?
Baden-Baden, Nomos Verlag 2017 (edition sigma)


Essay

Über die Angst vor dem Abstieg. Konsequenzen für die politische und gesellschaftliche Teilhabe

Lasse Eggert setzt sich mit den Diagnosen der jüngeren aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten und vorherrschenden Mediendiskursen auseinander, denen zufolge eine Zeit sozialer Unsicherheit und großer gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Umbrüche eingetreten ist. Der Wandel des Arbeitsmarktes im Kapitalismus, so die These, habe deutliche Prekarisierungstendenzen hervorgebracht, die wiederum Mechanismen der gesellschaftlichen Desintegration auslösen. Es habe sich eine diffuse Angst herausgebildet, mit riskanten Auswirkungen für unsere Demokratie.
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