Portal für Politikwissenschaft

Ökonomie der Ungleichheit

Thomas Piketty

Ökonomie der Ungleichheit. Eine Einführung. Aus dem Französischen übersetzt von Stefan Lorenzer

München: C. H. Beck 2016; 144 S.; 8,95 €; ISBN 978-3-406-69846-0
An der Frage nach dem Umgang mit der Ungleichheit scheiden sich die Geister: Während die einen fordern, die Marktmechanismen möglichst unangetastet zu lassen, können den anderen politische Interventionen kaum weit genug gehen. „Soll man den Markt und sein Preissystem gewähren lassen und sich auf Umverteilung durch Steuern und Transferleistungen beschränken? Oder braucht es einen strukturellen Eingriff in die Funktionsweisen des Marktes […]?“ (9) Der Weg zu einer sozial gerechten Gesellschaft, soviel steht fest, ist steinig. Thomas Piketty unternimmt in dieser erstmals 1997 publizierten Einführung den Versuch einer differenzierten Analyse derjenigen sozialen wie ökonomischen Mechanismen, die Ungleichheit überhaupt erst hervorbringen. Wäre, so lautet eine der Fragestellungen, denen er in diesem Zusammenhang nachgeht, ein perfekter Markt in der Lage, gerechte Löhne hervorzubringen, also solche, die nur durch das humankapitalistische Spiel von Angebot und Nachfrage bestimmt würden? Piketty, dem der akademische Charakter dieser Frage durchaus bewusst ist, ist eine Antwort überaus wichtig – denn sie könnte beispielsweise zeigen, ob ein über den Marktlohn hinausgehendes Entgelt auch dann zu erreichen wäre, wenn es keine gewerkschaftlichen Einflussmöglichkeiten wie etwa das Streikrecht gäbe. Und die Antwort lautet: ja. So könnte beispielsweise in Betrieben, in denen eine durchgängige Überwachung der Arbeitsleistung nur schwer möglich ist, ein Entgelt über dem Mindestangebot hilfreich sein, um die Arbeiterschaft zu motivieren – sei es, weil sie sich durch einen höheren Lohn in ihrem Gerechtigkeitsempfinden gestärkt fühlt, sei es, weil sie schlicht und ergreifend Angst hat, im Falle des Arbeitsplatzverlustes keinen ähnlich gut dotierten Job mehr zu finden. Neben solchen Aspekten von Effizienzlöhnen spielen natürlich auch Fragen nach geeigneten Umverteilungsmaßnahmen eine Rolle. Piketty betont, dass Umverteilung nur dann gelingen kann, wenn diese die sozio‑ökonomischen Mechanismen berücksichtigt, die Ungleichheit erst hervorbringen. Im Detail analysiert er reine und effiziente Umverteilung. Reine Umverteilung liegt dann vor, wenn etwa durch Besteuerung die am Markt erzeugten Ungleichverteilungen über Transferzahlungen korrigiert werden. Effiziente Umverteilung ist dann gegeben, wenn schon vor Entstehen von Ungleichheit Mechanismen angeboten werden, die allen bestmögliche Ausgangs‑ und Existenzbedingungen sichern. Vor diesem Hintergrund werden Bildungs‑ und Arbeitsmarktpolitik ebenso wie Sozial‑ und keynesianische Nachfragepolitik zu Instrumenten der Beseitigung von Ungleichheit. Dass dabei nicht die beste aller Welten entstehen wird, ist für Piketty klar. Wohl aber sind Märkte gestaltbar, ist krasse Ungleichheit vermeidbar – und ist die Politik in der Verantwortung.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.25.45 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Thomas Piketty: Ökonomie der Ungleichheit. München: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40171-oekonomie-der-ungleichheit_48485, veröffentlicht am 08.12.2016. Buch-Nr.: 48485 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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