Portal für Politikwissenschaft

Simon Tormey

Vom Ende der repräsentativen Politik. Aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher und Bernhard Jendricke

Hamburg: Hamburger Edition 2015; 231 S.; 28,- €; ISBN 978-3-86854-292-9
Um es gleich vorwegzunehmen: Der an der Universität Sydney Politische Theorie lehrende Simon Tormey wendet sich mit seiner gut lesbaren Studie über die Krise der repräsentativen Politik an ein breiteres Publikum jenseits der scientific community. Er verfolgt in durchaus suggestiver Herangehensweise die Absicht, entgegen verbreiteten Klagen über einen postdemokratischen Niedergang von Politik für die vielfältigen, widerständigen Aktivitäten zu sensibilisieren, in denen sich bereits ein neues Verständnis von direktdemokratischer, weil antirepräsentativer Politik artikuliert. Tormey lässt nur wenig Zweifel daran, dass der Titel seiner Studie nicht als Frage, sondern als Befund gemeint ist. Repräsentative Politik ist für ihn sowohl aus empirischen als aus normativen Erwägungen im Niedergang begriffen. Die Konturen der Krise belegt er zunächst mit den üblichen Indikatoren – langfristige Abnahme von Wahlbeteiligung, Parteimitgliedschaften und Politikervertrauen. Gravierender sind indes seine normativen Einwände: repräsentative Politik ist eine Politik der Disjunktion, die schon ihrer Form nach auf der Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, Eliten und Bevölkerung, reichen und armen Ländern beruht. Wir sollten sie – analog zum Kuhn‘schen Paradigmabegriff – als ein Narrativ verstehen, das in den historischen und kulturellen Kontext der Entwicklung und Etablierung des Nationalstaats eingebunden ist. Dieser Rahmen neigt sich aus strukturellen Gründen – die Tormey an den Stichworten Post‑Fordismus, Individualisierung, Globalisierung anschaulich illustriert – seinem Ende zu. Stattdessen können wir seit Längerem das „Aufkommen von individualisierten, unmittelbaren, autonomen, nicht repräsentativen Politikstilen“ (143) beobachten; als prominente Beispiele verweist Tormey auf die Zapatistas, das Weltsozialforum und die „Occupy Wall Street“‑Bewegung. Eine treibende Kraft sind hier die sozialen Medien, so die These, die das Paradigma der Repräsentation durch das der Resonanz ablösen. Für den Autor eröffnet sich mit den vielfältigen Formen individualisierter Politik nach den Mustern der Affinität, Identifikation und Mobilisierung eine „Wiedererweckung der demokratischen Komponente in der Demokratie“ (211).
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.22.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Simon Tormey: Vom Ende der repräsentativen Politik. Hamburg: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39583-vom-ende-der-repraesentativen-politik_47722, veröffentlicht am 07.04.2016. Buch-Nr.: 47722 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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