Portal für Politikwissenschaft

Geschichte des Westens

Heinrich August Winkler

Geschichte des Westens. Vom Kalten Krieg zum Mauerfall

München: C. H. Beck 2014; 1.258 S.; Ln., 39,95 €; ISBN 978-3-406-66984-2
Mit seiner Darstellung der deutschen Geschichte als „langer Weg nach Westen“ (Buch‑Nr. 20327) zählt der Autor zu den wirkmächtigsten deutschsprachigen Historikern – auch, wenn die von ihm damit vertretene sogenannte Sonderwegsthese für viele mittlerweile an Überzeugungskraft eingebüßt hat. Der Westen als „normative[s] Projekt“ (13) bleibt dennoch das Lebensthema von Heinrich August Winkler, dem er in den vergangenen Jahren eine monumentale vierteilige Darstellung gewidmet hat. Im dritten Band verarbeitet er die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und präsentiert in fünf großen Kapiteln auf weit über 1.000 Textseiten eine detaillierte Darstellung der Blockkonfrontation. Diese konzentriert sich in der Hauptsache auf politische und ökonomische Ereignisse und Hintergründe in chronologischer Abfolge – mithin eine recht traditionelle Art der Geschichtsschreibung, die aufgrund der verarbeiteten Stoffmenge gleichwohl herausfordernd bleibt und eine beeindruckende Leistung darstellt. Winkler bewegt sich hier souverän auf dem aktuellen Stand der deutsch‑ und englischsprachigen Forschung. Die Darstellung ist geografisch weit ausgreifend und bezieht die entsprechenden Antagonisten mit ein, ist insofern auch als globale Geschichte zu lesen. Dabei wäre es durchaus interessant gewesen, wie die Akteure in den „westlichen“ Ländern sich selbst verorteten, ganz zu schweigen von jenen im „Osten“, die sich auf das Gegenüber bezogen und es als Projektionsfläche für ganz eigene Vorstellungen nutzten. Diese ideellen Grundlagen dessen, was Winkler als „Westen“ bezeichnet, werden leider nur sehr knapp gestreift und als feststehend vorausgesetzt. Überdies scheint auch hier wieder, in umgekehrter Perspektive, der Sonderwegsansatz durch, wenn nämlich das „normative Projekt“ als idealisierter Fluchtpunkt der Geschichte erscheint. Für eine sich als Demokratiewissenschaft verstehende Politikwissenschaft ist das natürlich eine angemessene Perspektive. Sie läuft gleichwohl Gefahr, alternative Erklärungsansätze zu ignorieren und eine Zwangsläufigkeit zu suggerieren, die historischen Prozessen unangemessen erscheint.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.12.24.12.3132.3152.612.622.632.642.662.25 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. München: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38915-geschichte-des-westens_46634, veröffentlicht am 01.10.2015. Buch-Nr.: 46634 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...