Portal für Politikwissenschaft

Thomas Niehr

Einführung in die Politolinguistik. Gegenstände und Methoden

Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014; 191 S.; kart., 19,99 €; ISBN 978-3-8252-4173-5
Die Sprache gehört zu den wichtigsten Steuerungs‑ und Legitimationsressourcen der Politik. Gleichwohl wird sie in der politikwissenschaftlichen Analyse sträflich vernachlässigt. So verwundert es nicht, dass diese Einführung von einem Germanisten verfasst wurde. Thomas Niehr zeigt auf, „welche linguistischen Herangehensweisen es gibt, um politische Sprache zu analysieren“. Einer oft anzutreffenden rein intuitiven Herangehensweise stellt er eine Anleitung zur gezielten Analyse „besonders auffälliger Wörter“ (10), Texteinheiten und ganzer Diskurse gegenüber. Denn auch die Linguistik habe sich erst in jüngerer Zeit geöffnet und erkannt, dass zum Verständnis einzelner Worte und Aussagen auch das Textumfeld erschlossen und analysiert werden muss. Niehr geht deshalb bewusst von einem weiten Linguistik‑Verständnis aus, bei dem auch der funktionale „Sprachgebrauch in den Massenmedien und den Social Media oder die Struktur von Argumentationen“ (12) problematisiert werden. Allerdings unterstreicht er – gerade auch in Abgrenzung zum Beispiel zur kritischen Diskursanalyse – vor allem den deskriptiven Anspruch der Politolinguistik, die sprachliche Phänomene zwar beschreiben und erklären, nicht aber einer Wertung unterziehen will. Mit Blick auf die Anordnung der Abschnitte dieser Einführung ist das Kapitel zur „Geschichte der Politolinguistik“ (17) etwas lang geraten. Es enthält zwar spannende Darstellungen zur Sprachwissenschaft in verschiedenen, kritischen Phasen der jüngeren deutschen Vergangenheit. Allerdings dürften die konkreten Gegenstandsbereiche, Methoden und Objekte der Politolinguistik, die Niehr in den folgenden Abschnitten anschaulich darstellt, noch besser geeignet sein, um die Neugier unbedarfter Leser_innen zu wecken. Den Ausgangspunkt bildet dabei der ursprüngliche Untersuchungsgegenstand der Linguistik, die Wortebene. Nach Ausführungen zur Textebene problematisiert Niehr dann aber auch die Diskursebene. In allen drei Abschnitten verweist er anschaulich auf Beispiele aus dem aktuellen politischen Kontext. Spannend sind so etwa seine Ausführungen zur „diskursrelevanten Metaphorik“, mit denen er aufzeigt, wie der Mensch selbst unbewusst immer wieder in Bildern denkt und Botschaften entsprechend deutet. Niehr spricht deshalb von „Metaphernfeldern oder ‑netzen“ (144), die es durch politolinguistische Analysen freizulegen gelte. Zusammen mit den Aufgaben und Lösungsvorschlägen am Ende des Bandes bietet der Autor einen sehr guten ersten Überblick über alle relevanten Fragen bei der analytischen Auseinandersetzung mit politischer Sprache.
Henrik Scheller, Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 1.12.24 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Thomas Niehr: Einführung in die Politolinguistik. Göttingen u. a.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38277-einfuehrung-in-die-politolinguistik_46565, veröffentlicht am 09.04.2015. Buch-Nr.: 46565 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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