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Die Permanenz der Kritischen Theorie: Die zweite Generation als zerstrittene Interpretationsgemeinschaft

Muharrem Açıkgöz

Die Permanenz der Kritischen Theorie: Die zweite Generation als zerstrittene Interpretationsgemeinschaft

Münster: Westfälisches Dampfboot 2014; 247 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89691-951-9
Diss. Trier; Begutachtung: H. Dahmer, K. Fischer. – Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und vor allem Max Horkheimer begründeten in den 1930er‑Jahren die Kritische Theorie. Bei aller Schwierigkeit, diesen Ansatz auf den Punkt zu bringen, lässt sich doch als ein entscheidender Ausgangspunkt ein „westlicher Marxismus“ (23) erkennen, der neben ökonomischen vor allem auch philosophische Aspekte und kulturelle Phänomene berücksichtigt. Die Kritische Theorie zielt auf die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft, indem sie diese mit einer negativen, immanenten und „rettenden Kritik“ (24) auf der Grundlage eines „multidisziplinären“ (32) Ansatzes konfrontiert. Seit der Nachkriegszeit wird die Kritische Theorie auch als Frankfurter Schule bezeichnet, wobei sich unterschiedliche Generationen herausgebildet haben. Muharrem Aç?kgöz beleuchtet die aus seiner Sicht bisher zu wenig untersuchten Unterschiede und Gemeinsamkeiten der zweiten Generation, indem er sich mit fünfzehn deutschsprachigen Schülerinnen und Schülern der ersten Generation auseinandersetzt. So erklärt er unter anderem die Unterschiede zwischen den Generationen mit den gesellschaftlichen Einflüssen sowie den theoretischen Ansichten, wie etwa der Haltung zu dem Werk „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno und dem sich davon weitgehend abgrenzenden Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas. Letztlich kommt der Autor über dieses Vorgehen zu einem differenzierten Bild der zweiten Generation der Kritischen Theorie, die er in seinem Fazit als eine „zerstrittene Interpretationsgemeinschaft“ (228) bezeichnet. Drei unterschiedliche Positionierungen stellt er dabei fest: Eine Gruppe habe sich von den Ansichten der Gründerväter weitgehend distanziert, was Aç?kgöz als ambivalent beschreibt. Zwar habe diese die theoretischen Grundlagen der Gründungsväter sehr heftig kritisiert, zugleich würden Habermas und diejenigen, die sich dieser Kritik anschlossen – wie etwa Ludwig von Friedeburg, Gerhard Brandt und Herbert Schnädelbach – jedoch weiterhin als zweite Generation der Frankfurter Schule gelten. Eine zweite Gruppe (Hermann Schweppenhäuser, Rolf Tiedemann und Alfred Schmidt) habe sich dagegen vornehmlich der Dokumentation und Verbreitung der Theorie der ersten Generation verschrieben. Als eine dritte Gruppe identifiziert Aç?kgöz Autoren wie Karl‑Heinz Haag, Kurt Lenk, Alexander Kluge, Oskar Negt und Regina Becker‑Schmidt. Deren Anliegen sei es, die Kritische Theorie zu aktualisieren und zu erweitern. Aç?kgöz sieht in den Spannungen zwischen den Gruppen einen Grund, warum es zu einer Permanenz der Kritischen Theorie gekommen ist – ein Beleg dafür ist, dass mittlerweile gar eine dritte Generation von Anhängern existiert.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.425.46 Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Muharrem Açıkgöz: Die Permanenz der Kritischen Theorie: Die zweite Generation als zerstrittene Interpretationsgemeinschaft Münster: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37337-die-permanenz-der-kritischen-theorie-die-zweite-generation-als-zerstrittene-interpretationsgemeinschaft_45864, veröffentlicht am 24.07.2014. Buch-Nr.: 45864 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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