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Der "Versuch, in der Wahrheit zu leben": Václav Havels Politikbegriff und politische Strategie in den Jahren 1969 bis 1989

Dirk Mathias Dalberg

Der "Versuch, in der Wahrheit zu leben": Václav Havels Politikbegriff und politische Strategie in den Jahren 1969 bis 1989. Über herkömmliche, technische, nicht- und antipolitische Politik

Stuttgart: ibidem-Verlag 2014; 170 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-8382-0473-4
Als Václav Havel, Schriftsteller und einer der mutigen Initiatoren der Charta 77, nach dem Sturz des kommunistischen Regimes erst tschechoslowakischer und dann, nach der friedlichen Teilung, tschechischer Präsident wurde, erfüllte sich ein seit der Antike existierendes politisches Wunschbild so weit, wie es ein demokratisch verfasster Staat zulassen kann: Ein Philosoph stand, wenn auch fast machtlos, an der Spitze des Staates. Dass dieses Ereignis vor allem an seine Zeit und die Geschichte der Tschechoslowakei gebunden war, belegt diese Studie. Dirk Mathias Dalberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie an der Universität Pardubice, erläutert – unter anderem ausgehend von Havels Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ – den Politikbegriff, den dieser angesichts eines Regimes formulierte, das er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings als posttotalitär identifizierte. Dessen Funktionieren habe Havel über die Begriffe Macht, Ideologie, Normen und Kommunikation beschrieben und es zugleich als Teil der allgemeinen modernen Zivilisation wahrgenommen. Konkreter Ausgangspunkt für die Erklärung, warum das Regime weiterhin überlebte, sei die Einsicht gewesen, dass der Mensch seine bejahende Position nur heuchle, „und zwar aus Angst um seine Existenz“ (28). Die Ideologie war demnach das „Instrument einer rituellen Kommunikation innerhalb der Macht“ (29), Pluralität nicht geduldet und damit die normale Politik beseitigt. Havel habe sich diesem System als Gesinnungs‑ wie als Verantwortungsethiker entgegengestellt, so Dalbergs Analyse, weshalb der Widerstand – angesichts der zuvor im Ostblock niedergeschlagenen Volksaufstände – nur ein gewaltloser sein konnte. Als Gegenbegriffe zu dem, was das Regime tat, verwendete Havel die einer nichtpolitischen oder antipolitischen Politik und meinte damit die Haltung, sich der kommunistischen Diktatur zu verweigern und die Wahrheit zu sagen. „Havels Hauptziel bestand darin, dem Menschen der modernen technischen Zivilisation seine Identität zurückzugeben.“ (136) Dalberg zeigt Havels politisch‑philosophische Argumentation als Teil der tschechischen Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und erklärt so, weshalb seine Ideen der nichtpolitischen und antipolitischen Politik heute „zum Mainstream des tschechischen politischen Denkens“ (7) gehören. Abgerundet wird die Darstellung mit einem Exkurs, in dem die widerständischen Ideen von Havel, Adam Michnik und György Konrád in einen Kontext gestellt werden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.422.612.22.222.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Dirk Mathias Dalberg: Der "Versuch, in der Wahrheit zu leben": Václav Havels Politikbegriff und politische Strategie in den Jahren 1969 bis 1989. Stuttgart: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37252-der-versuch-in-der-wahrheit-zu-leben-vclav-havels-politikbegriff-und-politische-strategie-in-den-jahren-1969-bis-1989_45553, veröffentlicht am 03.07.2014. Buch-Nr.: 45553 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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