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Die Überwindung des "Eisernen Vorhangs"

Manfred Gehrmann

Die Überwindung des "Eisernen Vorhangs" Die Abwanderung aus der DDR in die BRD und nach West-Berlin als innerdeutsches Migranten-Netzwerk

Berlin: Ch. Links Verlag 2009; 650 S.; EUR 49,90 €; ISBN 978-3-86153-539-3
Soziolog. Diss. Erfurt; Gutachter: H. Joas, K. F. Schumann. – Während in der internationalen Migrationsforschung die sozialen Netzwerke von Migranten längst neben politisch-administrativen Faktoren, der sozialen Struktur der Herkunftsländer und ökonomischem Push und Pull als analytische Kategorie etabliert sind, kommt dieser Ansatz in den Studien zur Abwanderung aus der DDR in die Bundesrepublik bislang zu kurz. Diese Lücke schließt Gehrmann mit seiner Arbeit. Seine These lautet, „dass die Ausreisewilligen in der DDR sich der Restriktionen und Repressionen des (Grenz-)Regimes nur durch gegenseitige Unterstützung im Rahmen sozialer Netzwerke erwehren konnten. Das Grenzregime scheiterte am solidarischen Handeln derjenigen, die von seinen Restriktionen betroffen waren, zum einen ‚vor Ort’ in der DDR und zum anderen über die innerdeutsche Grenze hinweg.“ (19) Nach einer umfangreichen Aufarbeitung der Ausreise der „Geschichte des Verlassens der DDR“ (53) von 1945 bis 1989 arbeitet er systematisch die Rolle der sozialen Netzwerke in diesem Prozess heraus. Als hilfreich erweist sich dabei, dass Gehrmann eine längerfristige Perspektive an den Prozess der Ausreise anlegt, von den ersten Gedanken an Ausreise über Antragstellung, die eigentliche Migration bis zur langfristigen Integration in der neuen Heimat. Wie zu erwarten war, spielen aufgrund der besonderen Situation der ehemaligen DDR-Bürger in der Bundesrepublik die Netzwerke bei der langfristigen Integration eine weniger wichtige Rolle als bei anderen Migrantengruppen. Das hängt mit sozialpolitischen Entscheidungen der Bundesregierung ebenso zusammen wie mit der geringen kulturellen Differenz. Dafür analysiert Gehrmann umso gründlicher die Bedeutung der Netzwerke in den Phasen zwischen der Entscheidung zum Verlassen der DDR und der Ausreise. Als Basis dienen ihm Umfragen und Interviews aus den Jahren 1989/90, an deren Erhebung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 186 „Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf“ an der Universität Bremen der Autor selbst beteiligt war. Das Ergebnis ist nicht nur ein besseres Verständnis der Auswanderung aus der DDR als Kettenmigration, sondern auch eine partielle Neubestimmung des Beitrags der Abwanderung zum Zusammenbruch der DDR.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Manfred Gehrmann: Die Überwindung des "Eisernen Vorhangs" Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/31463-die-ueberwindung-des-eisernen-vorhangs_37454, veröffentlicht am 08.12.2009. Buch-Nr.: 37454 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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