Portal für Politikwissenschaft

Ulrike Meinhof

Kristin Wesemann

Ulrike Meinhof. Kommunistin, Journalistin, Terroristin – eine politische Biografie

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2007 (Extremismus und Demokratie 15); 439 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-8329-2933-6
Diss. Chemnitz. – Die Frage, wie aus der (vermeintlich) klugen Journalistin Meinhof eine RAF-Terroristin werden konnte, beantwortet Wesemann in dieser wissenschaftlichen Biografie überzeugend. Die Antwort ist ein Schlag ins Gesicht derer, die – in besten Absichten und um die politische Kultur der Bundesrepublik besorgt – sie zu verstehen versuchten: Meinhof war der kommunistischen Ideologie nach Lesart der DDR (!) so verhaftet, dass sie für das „Wesen der Demokratie, vor allem ihrer Gestaltungsmöglichkeiten“ (15) blind war. Wesemann beschreibt Meinhof als politisch erdrückend von ihrer Ziehmutter Renate Riemeck geprägt, die ihr eigenes Engagement in der NS-Zeit verschwieg und in der DDR das bessere System sah – was sie nicht daran hinderte, in der Bundesrepublik als Professorin alle Segnungen der Meinungsfreiheit in Anspruch zu nehmen. Zwar habe sich Meinhof später aus der engen persönlich Bindung zu Riemeck gelöst, sei den politischen Glaubensvorstellungen aber treu geblieben. Schon als Journalistin habe sich Meinhof „in der Rolle des verfolgten Opfers“ gefallen, „das eine Mehrheit gegen sich hat. Mit dem Blick von heute fällt auf, wie engstirnig, kalt und berechnend sie an die Ermordeten des Dritten Reiches erinnerte“ (124). Sie habe den antisemitischen Hass der NS-Zeit nur als Drohkulisse für die Gegenwart genutzt. Wesemann beschreibt Meinhofs Radikalisierung 1958, mit der sich ihre Sicht der Bundesrepublik, Israels und der USA als Wegbereiter des Faschismus verfestigte. In der Folge sei es Meinhof aber nach ihrer Weiterentwicklung von der Linksextremistin zur Terroristin nicht wie geplant gelungen, eine Theorie der Revolution zu schreiben. Sie habe nie zwischen Demokratie und Diktatur unterschieden und so den Aufbruch, der mit der 68er-Bewegung und der Kanzlerschaft von Brandt einsetzte, nicht wahrgenommen. Meinhofs erklärtes (mit dem Terror zu erreichendes) Ziel sei es gewesen, „die Eigentumsverhältnisse der Bundesrepublik kommunistischen Maßstäben anzupassen“ (159), um so einen neuen Nationalsozialismus zu verhindern. „Sie lebte die Lebenslüge der DDR.“ (195)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.32.3132.3312.3332.37 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Kristin Wesemann: Ulrike Meinhof. Baden-Baden: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14373-ulrike-meinhof_33074, veröffentlicht am 03.04.2008. Buch-Nr.: 33074 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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