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Rezension

Schwarze Flaggen
Der Aufstieg des IS und die USA

Und noch ein Buch zum sogenannten Islamischen Staat? Am 4. Juli 2014 hatte sich der ehemalige Theologie-Professor Abu Bakr al-Baghdadi mit viel Sinn für religiöse Symbolik und das richtige Timing für große Medienwirkungen in Mosul als Imam eines wiedererstandenen Kalifats präsentiert – spätestens seit jenem Tag wird in immer neuen Deutungsanläufen eine Erklärung dafür gesucht, wie es denn zu diesem Akt pseudorechtlicher Staatsgründung hatte kommen können. Verbunden ist diese mit bislang kaum beobachteter terroristischer Gewalt, die auch die Region verlässt und den Westen schon längst nicht mehr nur theoretisch bedroht.

Als der Journalist Joby Warrick sein Buch – für das er seinen zweiten Pulitzer Prize erhielt – Ende 2015 vorlegte, war die Terrororganisation längst in den Zenit ihrer physischen und nicht weniger ihrer medialen Machtentfaltung eingetreten. Warrick widerstand – sehr zum Vorteil seiner anregend verfassten Darstellung – der Versuchung, nach den Anschlägen von Paris im November 2015 die Perspektive seiner Argumentation in den Mainstream wohlfeiler Erklärungsansätze und ebenso wohlfeiler Ratschläge zu lenken oder zumindest auf eine Anklageschrift gegen die eigene Administration zuzuspitzen: Wie es denn sein könne, wurde und wird vielfach wissend mit Blick auf die Rolle der USA in dieser Region seit 2003 gefragt, dass der IS, der doch anfangs ein eher lokales Ereignis im Gefolge der im Nachhinein keineswegs so frühlingshaften Aufstandsbewegungen im arabischen Raum zu sein schien, irgendwie aus dem Nichts auftauchte und jetzt auch Anschläge in westlichen Staaten initiiert?

Natürlich tragen die USA Mitverantwortung, könnte man mit Warrick antworten, aber monokausal ist der Konfliktursprung eben durchaus nicht, und aus dem Nichts kam der IS auch nicht. Konsequent fokussiert Warrick also etwas, was sich bislang niemand so eindeutig erklären konnte: Warum hat eine Terrorbewegung, die mit ihrem Gründer Abu Musab al-Zarqawi 2006 scheinbar unterging, seit 2011 eine Wirkung entfaltet, die deutlich über die einer der vielen nahöstlichen, temporären Erscheinungen fundamentalistisch-ideologisch-religiöser Gruppierungen hinausgeht? Was hatte Zarqawi, der „Scheich der Schlächter“, verbunden mit kruder religiöser Interpretation und ihrer brachialen Umsetzung auf den Weg gebracht, das die USA mit einer lasergesteuerten Bombe und seinem damit verursachten Tod im Juni 2006 eben nicht mehr aus der Welt hatten schaffen können – obwohl sie seit spätestens 2002 (!) mehr als nur ahnten, welches terroristische Talent Zarqawi besaß?

Warrick ist nicht der Erste, der sich intensiv mit Zarqawi befasst. Aber im Vergleich beispielsweise zu Jean-Charles Brisard, der schon 2004 über diesen publizierte, spannt er den chronologischen Bogen wesentlich weiter. Brisard konnte über den Fortgang der Ereignisse nur spekulieren – darüber, wie der Führer des irakischen Ablegers nicht nur al-Qaida selbst veränderte, sondern vor allem religiös motivierten Terror scheinbar neu definierte. Warrick meidet spekulative Aussagen, abgesehen von denen, die eindeutig akzeptiert und belastbar sind: „Wären die USA nicht im Irak einmarschiert, hätte der größte Schlächter des Islamischen Staates [gemeint ist al-Baghdadi] wahrscheinlich bis ans Ende seiner Laufbahn als Hochschulprofessor gearbeitet.“ (288) Diese Aussage gilt sinngemäß auch für viele andere Akteure in der Region.

Unprätentiös und ohne Effekthascherei zeigt Warrick auf, wie die Bush-Administration mit ihrer Entscheidung zum Krieg gegen Saddam Hussein das erste wichtige Glied einer Ereigniskette lieferte, die bis heute offenbar nicht abreißen will. Andere Akteure – und das wird bei der Lektüre nur zu deutlich – brauchten nur diesen Anfang, diesen Anlass, um ihre Ziele zu verfolgen. Wenn man so will: Die USA zündeten die Lunte in dieser Region, ohne auch nur zu erahnen, welches politische Explosivmaterial sich dort befand. Zarqawi, lange Zeit ein eher unbedeutendes Mitglied einer dschihadistischen Gruppierung, aber ein geradezu glühender Bewunderer Osama bin Ladens mit dem narzisstischen Drang, Anerkennung von seinem Idol zu ergattern, wird erst durch den Angriff der USA auf Saddam Hussein zum Kopf eines „tödliche[n] Terrornetzwerk[s]“ (117). Für den Jordanier Zarqawi waren die USA dabei ein dankbarer Gegner, der unfreiwillig und lange Zeit offensichtlich auch nicht verstehend immer wieder Angriffsflächen bot: Jeder ließ sich gegen die USA mobilisieren, nicht zuletzt dadurch, indem man zivile Opfer durch US-amerikanische Operationen produzierte. Wenn es also eine Begründung für den Untertitel des Buches gibt – das im amerikanischen Original ohne den Zusatz „und die USA“ auskommt –, dann liegt es an der Naivität der Bush-Administration, wie sie sich einen solchen Konflikt dachte, ihn plante und einleitete.

Die Naivität ließ im Zeitverlauf deutlich nach, aber da hatte Zarqawi Teile der Bevölkerung längst und kaum umkehrbar gegen- und aufeinander gehetzt, vor allem Schiiten und Sunniten. Die heutigen innenpolitischen Spannungen im Irak sind eine unmittelbare Folge davon. Das Wirkungsarsenal Zarqawis war richtungsweisend für seine Nachfolger: Enthauptungen vor laufender Kamera, Selbstmordattentate, Bombenanschläge auf Hochwertziele, gegen religiöse Stätten und gegen die US-Truppen sowieso. Der offizielle al-Qaida-Führer im Irak wurde selbst der Mutterorganisation höchst suspekt, weil er schlicht image- und damit einkommensschädigend operierte – eine seltsame Erfahrung für ein Terrornetzwerk, wenn jemand das eigene Markenkonzept auf bisher ungeahnte Perversitätshöhen treibt und damit strenggläubige, konservative Geldgeber abschreckt, die für das Wegsprengen von Ungläubigen spenden, aber doch nicht für das Verbrennen von sunnitischen Mitbrüdern bezahlen wollen. Zarqawi hatte mit seinem „Kalifat“ schließlich das Ziel für seine Mitstreiter und Nachfolger geliefert, das leicht seinen Tod überstand. Nach 2006 verschwand Zarqawis „Kalifat“ zwar in der Versenkung, blieb aber ein ungemein tragfähiges Motiv, schließlich erreicht und vorübergehend stabilisiert mit den durch ihn erprobten Methoden: Brutalität in der Anwendung der Mittel bei großer, terrorisierender Medienwirkung, zugeschnitten auf westliche Zielgruppen. Warricks äußerst lesenswerte und sehr solide recherchierte Darstellung wird sicher nicht das letzte Buch zum Islamischen Staat sein. Aber es wird eines der wenigen sein, die erklären, weshalb es diesen sogenannten Staat nach 2014 gegeben hat, weshalb er nicht einfach untergeht, wenn man nur die Führungsgruppe allein anvisiert, weshalb er ohne den Jordanier Zarqawi einfach undenkbar ist und nicht zuletzt unverständlich bleibt.

 

Verfasst von:

Axel Gablik

Erschienen am:

8. Mai 2017

Joby Warrick

Schwarze Flaggen. Der Aufstieg des IS und die USA

Darmstadt, Theiss 2017

Aus der Annotierten Bibliografie


Wilfried Buchta

Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2015; 413 S.; 22,90 €; ISBN 978-3-593-50290-8
Wilfried Buchta, einer der renommiertesten Kenner des Nahen Ostens, legt mit diesem Buch ein Standardwerk über den dschihadistischen Terrorismus in seiner historischen Dimension und Komplexität vor. Besonders erkenntnisreich ist das Kapitel, in dem er sich mit den Dschihadisten im deutschen Kontext beschäftigt: Die Gewalt der Organisation Islamischer Staat (IS) wirke sich „auf vielfältige Weise bereits auf die Sicherheit Europas und damit auf Deutschland“ (342) aus. Die Dunkelziffer ...weiterlesen


Loretta Napoleoni

Die Rückkehr des Kalifats. Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens. Aus dem Englischen von Peter Stäuber

Zürich: Rotpunktverlag 2015; 158 S.; brosch., 18,90 €; ISBN 978-3-85869-640-3
Loretta Napoleoni zeichnet den Aufstieg des Islamischen Staates (IS) nach, erläutert die Hintergründe und Ziele der Bewegung und zeigt auf, wie sich der IS von anderen terroristischen Vereinigungen wie Al Kaida oder den Taliban unterscheidet. Dabei vertritt sie die These, dass der IS über die Ressourcen und Strategien zur dauerhaften Staatenbildung verfügt und zwar mehr als jede andere bewaffnete Gruppe. Napoleoni zieht dabei eine historische Linie vom Sykes‑Picot‑Abkommen ...weiterlesen


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