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Rezension

Die Akte Trump
Keine Pluspunkte: David Cay Johnston legt Charakterstudie vor

Es gibt wohl niemanden, über den man gegenwärtig mehr in Erfahrung bringen will als über den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump. Dies gilt keineswegs nur, aber natürlich besonders für Politikwissenschaftler*innen. Die hier zu besprechende Publikation ist, das muss dem Leser zunächst klar sein, vor dessen Amtsantritt, sogar noch vor dem Wahlsieg im November 2016 verfasst worden; die Niederschrift wurde Mitte 2016 beendet. Das heißt naturgemäß, dass viele der dann von Trump im Wahlkampf geäußerten politischen Positionen, die international für Aufsehen gesorgt haben, in diesem Werk noch keine Berücksichtigung gefunden haben. Dem Pulitzer-Preisträger David Cay Johnston geht es bei seiner Beschreibung der Persönlichkeit Trumps denn auch kaum um den Politiker, sondern vielmehr um die Person. Seine politischen Aussagen, so es denn vor der Verkündung seiner Kandidatur im Juni 2015 welche gab, werden nicht, jene zwischen Mitte 2015 und Mitte 2016 nur sporadisch erwähnt beziehungsweise kommentiert.

Dennoch enthält dieses Buch politische Aussagen und hat ein dezidiert politisches Ziel. Der Autor möchte, wie er schreibt, dafür sorgen, „dass sich die Menschen in den USA ein vollständigeres Bild von Trump machen können, ein Bild, das sich nicht auf sein öffentliches Image beschränkt, das er mit so außergewöhnlichem Geschick und solcher Entschlossenheit pflegt, bewirbt und immer wieder aufpoliert“ (15). Dass dieses Bild kein positives sein wird, dürfte dem Leser schon aufgrund dieser Formulierungen klar sein – und er wird nach der Lektüre auch nicht enttäuscht sein. Im Grunde ist dieses Werk eines investigativen Journalisten im Stil eines „Anti-Trump“ geschrieben, Trump auf links gewendet, sozusagen. Man liest deutlich die Wut, den Zorn Johnstons auf Trump heraus, die Abscheu, die er ihm gegenüber empfindet. Wenig überraschend findet sich praktisch nichts Positives über Trump auf den knapp 300 Textseiten. Vermittelt wird der Eindruck, man habe es mit jemand abgrundtief Bösem und Verdarbtem zu tun, der nur an seinem eigenen Nutzen orientiert ist und dem dabei jegliche moralische Hemmungen fehlen. Möglicherweise ist das so; die Wahrscheinlichkeit spricht aber wohl dagegen – es dürfte kaum einen Menschen auf der Welt geben, bei dem sich nicht wenigstens ein Fünkchen Positives finden ließe. Insofern muss dem Leser klar sein, dass es Johnston nicht auch nur um den Versuch einer objektiven Biografie geht, die sich bemüht, dem Menschen Trump tatsächlich gerecht zu werden. Das Werk ist eine „Warnung“ vor Trump, die begründet wird mit seinem Handeln vor 2016. „Handeln ist Charakter“ (290), zitiert Johnston den Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald, und das ist denn auch die Verknüpfung, die er zwischen dem Geschäftsmann Trump vor 2016 und dem „kommenden“ Politiker Trump ab 2016 zieht: Jemand, der so verrucht ist wie Trump, kann gar nicht geeignet sein, die Nation zu führen.

Für diese Charakterschwächen führt Johnston unzählige Belege an: Es beginnt damit, dass sich Trump durch ärztliche Atteste vier Mal vor einem Einsatz in Vietnam gedrückt habe (40). In den 1970er-Jahren habe er über einen befreundeten Anwalt erste und später vertiefte Beziehungen zum Organisierten Verbrechen geknüpft und seine Hausverwalter angewiesen, keine Wohnungen an Farbige zu vermieten. Wenn er in Rechtsstreitigkeiten verwickelt worden sei, habe er diese mithilfe seiner Anwälte skrupellos geführt (62 f., 75 f.), in seinen Firmen habe er grundlegendste Arbeitsschutzrichtlinien missachten lassen und seine Arbeiter um ihr Gehalt betrogen (110 f.). Die jeweiligen Angaben zum Stand seines Vermögens stütze er nach eigener Aussage (122) auf „Gefühle“ anstatt auf Fakten. Er habe bei seinen Steuererklärungen betrogen (159-163) und sich mit tatsächlichen oder eingebildeten Frauenaffären gebrüstet (205 ff.). In der Summe also: Diesem Mann sei nicht zu vertrauen.

Auf dem Buchrücken heißt es, Johnston entwerfe „sachlich und fundiert [...] ein vollständiges“ Bild von Trump. Zur Sachlichkeit und vermutlichen Vollständigkeit wurde schon einiges gesagt. Tatsächlich gibt der Autor auch Quellen für seine Aussagen an, allerdings in keiner wissenschaftlich üblichen Weise: Von Seite 305 bis 343 finden sich zu vielen Seiten im Text, die jeweils angeführt werden, Quellenverweise zu Aussagen auf diesen Seiten. Es gibt allerdings auf diesen Seiten im Text keine Endnotenzeichen, sodass man sich selbst auf die Suche machen muss, auf welche konkrete Aussage sich denn nun die angegebenen Quellen beziehen. Diese Quellen selbst sind in der Regel auch nur Verweise auf Zeitungsartikel, nicht selten auf solche des Autors selbst.

Summa summarum: Ein Buch für alle Trump-Hasser, die sich in ihrer Abscheu vor ihm bestätigt sehen werden, ein Buch, das keinerlei wissenschaftlichen Kriterien genügt, was freilich vom Autor wohl auch nicht beabsichtigt ist. Man mag ihm zugutehalten, dass zu dem Zeitpunkt, als er die Niederschrift begann, tatsächlich über Trump vor allem das bekannt war, was dieser selbst die Öffentlichkeit glauben machen wollte. Mittlerweile ist diese über seine Schwächen aber wohl besser informiert als über seine – möglichen – positiven Seiten, sodass man dem Buch, abgesehen von Details, nicht viel Neues wird abgewinnen können.

Verfasst von:

Sven Leunig

Erschienen am:

21. Februar 2017

David Cay Johnston

Die Akte Trump

Salzburg, Ecowin 2016

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