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Redaktionelle Einführung

In „The Wolves are Coming Back“ analysieren Rebecca Pates und Julia Leser die ostdeutsche Auseinandersetzung über die Rückkehr des Wolfes. Nach Rezensent Jonas Rädel zeichnen sie so ein gelungenes Stimmungsbild der Region und zeigen, wie Rechtspopulist*innen den Konflikt um die Wölfe in einer ähnlichen Weise instrumentalisierten wie die Debatte über Geflüchtete. Gerade durch den „qualitativ-verstehenden Zugang“ der Autor*innen ist aus Rädels Sicht ein „originelles Buch“ entstanden – allerdings gelte es auch, noch kritischer auf das Demokratieverständnis der Wolfsgegner*innen zu blicken. (lz)


Rezension 

The Wolves are Coming Back
The Politics of Fear in Eastern Germany

Eine Rezension von Jonas Rädel

Die Wölfe sind zurück – und sie sorgen für Ängste und Wut, besonders in Ostdeutschland. Rebecca Pates und Julia Leser begeben sich in „The Wolves are Coming Back. The Politics of Fear in Eastern Germany“ auf Spurensuche in die ostdeutsche Provinz. Sie nutzen die aktuelle Debatte über die Rückkehr der Raubtiere, um ein Schlaglicht auf die politische Befindlichkeit der neuen Bundesländer zu werfen. Die Reise der Autorinnen beginnt in der Lausitz. Durch Interviews, teilnehmende Beobachtungen und Analysen politischer Redebeiträge werden die Besonderheiten der politischen Landschaft Ostdeutschlands herausgearbeitet. Entstanden ist ein originelles Buch, welches in sechs Kapiteln den Zustand nach 31 Jahren deutscher Einheit porträtiert.

„The wolves are coming back“ beruht auf der Annahme, dass – am Beispiel der Wölfe – Aussagen über die Herausforderungen der Demokratie formuliert werden können. Besonders gelinge es Akteur*innen der politischen Rechten, so das zentrale Argument des Buches, die mit den Wölfen verbundenen Ängste in der Bevölkerung auszunutzen. Mittels der Figur des Wolfes könne Wut gegenüber Eliten artikuliert werden, der Wolf diene als Projektionsfläche und erfülle in der (rechts-)populistischen Rhetorik ähnliche Funktionen wie Geflüchtete oder Immigrant*innen: „Wolves and immigrants, in the populist arguments, share the negative qualities of bringing no benefit, incurring costs to the locals, including potential physical harm to women, whilst simply belonging elsewhere“ (5).  

Pates und Leser beziehen sich in ihrer Analyse ausschließlich auf Ostdeutschland. Die Transformation ab 1990, die De-Industrialisierung undBevölkerungsrückgang bedeutete, gebe den Wölfen Platz und den Rechtspopulisten Nährboden, wie ersten Kapitel gezeigt wird. Besonderes Augenmerk wird auf die entstandenen Gefühle der Benachteiligung und Kolonialisierung durch die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft gelegt, eine Perspektive, die in der jüngeren Debatte um die deutsche Einheit vermehrt Berücksichtigung findet. Obwohl es den Autorinnen gelingt, hinter gängige Stereotype zu blicken („beyond easy stereotypes“ [12]), fällt das Bild der ostdeutschen Provinz eher düster aus. 

Denn besonders die Akteur*innen der politischen Rechten sind erfolgreich darin, so zeigt das zweite Kapitel, das Narrativ eines Ostdeutschlands zu erschaffen, das gleichermaßen durch „eine ,Invasion‘ ,verbrecherischer Fremder‘ wie durch die Rückkehr räuberischer Wölfe bedroht“ sei („threatened by an ‚invasion’ of ‚criminal foreigners‘ and the return of ravenous wolves“) (26). Die Übergänge zwischen (besorgten) Bürger*innen, (parlamentarischem) Rechtspopulismus und Rechtsextremismus („far-right“) werden dabei als offen und fließend beschrieben. Speziell von der extremen Rechten, in deren Kreisen die Figur des Wolfes auch positive Konnotationen erfahre, würde der Osten Deutschlands als unverdorbene und reine „Heimat“ für das deutsche „Volk“ (93)[1]  idealisiert, was im dritten und vierten Kapitel ausführlich dargestellt wird. 

Im fünften und sechsten Kapitel wird unter dem Stichwort „politics of fear“ (30) schließlich auf die Effekte geblickt, die durch die Verwendung der Figur des Wolfes entstünden. Vor allem der AfD gelinge es, aus der ostdeutschen Stimmungslage Profit zu schlagen. Unterdrückte Gefühle wie Angst und Wut könnten zum Ausdruck gebracht sowie Komplexität geschickt reduziert werden, indem Immigrant*innen oder Wölfe als Projektionsfläche für Emotionen benutzt würden: „The wolf and the migrant are thus figures that signify sorrow and fear” (160). Die AfD bediene sich einer Form von nationalistischer Identitätspolitik, die besonders in Ostdeutschland das Gefühl der Anerkennung dieser Ängste und Sorgen hervorrufe („the nation provides them with recognititon […] and solves in part the problem that they feel their region, their values and their identities are treated with contempt“ [163]).  

Durch seinen qualitativen Ansatz bereichert „The wolves are coming back“ sowohl die Debatten um die Wahlerfolge der rechtspopulistischen AfD in Ostdeutschland als auch um die Krise der Demokratie („democracy in crisis“ [12]). Auf Seiten der Bürger*innen wird ein empfundener Souveränitätsverlust identifiziert, der mit Elitenkritik einhergeht („(perceived) loss of sovereignty and at the betrayal they feel from the elites” [160]). Politische und akademische Eliten müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, zu ignorant und überheblich auf die Entwicklungen in den ostdeutschen Bundesländern geblickt zu haben.

Die Debatte über Wölfe werfe gleichzeitig die Frage nach Repräsentation und dem Willen des „demos[2] (17) auf.Ähnlich den Bildungseliten würden auch die Wolfsgegner*innen in der Lausitz die Demokratie in der Krise sehen. Ihre Sicht laufe allerdings konträr zu politischen und akademischen Deutungen, weil sich die Wolfsgegner*innen politisch ungehört und ignoriert fühlten („because they feel politically unheard and ignored in their needs” [16]). Die daraus resultierende Abwertungserfahrung, so Pates und Leser, würde wiederum von den Rechtspopulist*innen aufgegriffen und gegen liberale Eliten in Stellung gebracht. Einer weiteren Ausarbeitung, die über die Analyse von Pates und Leser hinausgeht, bedarf jedoch die Frage, ob der „democratic impetus“ (162), welcher aus Sicht der Autor*innen in den Protesten gegen die Wölfe steckt, uneingeschränkt als „revival of the democratic spirit in rural areas” (23) interpretiert werden kann, da das zugrundeliegende Demokratieverständnis erkennbar illiberal und anti-pluralistisch ist. 

Rebecca Pates und Julia Leser zeigen aufschlussreich und nachvollziehbar, wie es Akteur*innen der politischen Rechten in Ostdeutschland gelingt, das Spiel mit den Gefühlen der Enttäuschung, der Identität und des verletzten Stolzes für sich zu vereinnahmen. Das englischsprachige Werk richtet sich auch an ein internationales Publikum, dem die spezifischen Besonderheiten des Rechtspopulismus und -extremismus in Ostdeutschland nahegebracht werden können. Die Autorinnen überzeugen besonders durch den qualitativ-verstehenden Zugang: Dieser macht es möglich, sozioökonomische Herausforderungen und Fragen der Identität in die politikwissenschaftliche Analyse zu integrieren und exemplarisch an der Figur des Wolfes herauszuarbeiten. 

 

[1] Beide Wörter kursiv und deutsch im Original.

[2] Kursiv im Original.

Verfasst von:

Jonas Rädel

Erschienen am:

8. Dezember 2021

Digirama

Podcast von Rebecca Pates
The Wolves are Coming Back
BBC4, 27. November 2018


Rezension 

Uwe Backes / Steffen Kailitz (Hrsg.)

Sachsen. Eine Hochburg des Rechtsextremismus?

Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht 2020

Hat sich Sachsen zu einem Zentrum des Rechtsextremismus entwickelt? Das Bundesland wird in dem Sammelband „als Hort des intellektuellen Rechtsextremismus erkannt“ und die Rolle des NSU in Sachsen umfassend thematisiert, wie Rezensent Vincent Wolff beobachtet. Sachsen sei bei politisch motivierter Kriminalität und rassistischen Ausschreitungen und Krawallen führend. Hinzu komme ein hohes Demonstrationsaufkommen. Insgesamt lasse sich der Hochburg-Charakter Sachsens nicht leugnen, wenngleich die Herausgeber mit diesem Fazit zögern. 

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Rezension

Cas Mudde

Rechtsaußen. Extreme und radikale Rechte in der heutigen Politik weltweit

Bonn, J. H. W. Dietz 2020 Aus dem Englischen übersetzt von Anne Emmert

Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde, der sein Buch primär an Laien richtet, bietet nach Einschätzung des Rezensenten Sven Leunig einen sehr guten Überblick über das Phänomen der „äußersten Rechten“, unter der Mudde zum einen die (rechtspopulistische) radikale Rechte, zum anderen die demokratiefeindliche extreme Rechte zusammenfasst. Dabei beschränke sich der Autor nicht allein auf rechte Parteien, sondern blicke ebenso auf Organisationen und Bewegungen, letztlich auf alle Personen, die in diesem Umfeld aktiv sind. Dies gelte auch für ihre vielfältigen Äußerungsformen.

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Bibliografie

Rezensionen zum Thema NSU. Ein Überblick

Im November 2011 wurde der Mordserie des NSU durch die Selbstentarnung der Terrorist*innen ein Ende gesetzt. Eine umfangreiche wissenschaftliche und journalistische Publikationstätigkeit zu den Hintergründen des NSU, zur umstrittenen Rolle der Sicherheitskräfte und zu ihren behördlichen und zivilgesellschaftlichen Konsequenzen setzte bereits im darauffolgenden Jahr ein. Zahlreiche der Publikationen zum Thema sind kurz nach ihrem Erscheinen auf dem Portal für Politikwissenschaft besprochen worden. Die nachfolgende Bibliografie gibt einen Überblick über unseren Rezensionen zum Thema. Die Titel sind chronologisch geordnet.

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zum Thema
Die Anfeindung

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