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Aus der Meinungsforschung

Man kennt sich nicht besonders gut
Die Huawei-Studien 2012 – 2016: Was Chinesen und Deutsche voneinander halten

GuangzhouBlick auf Guangzhou: Die Metropole im Perlflussdelta profiliert sich als Standort für Dienstleistungsunternehmen.
Foto: Marco Röpke
In ihren Anspruch, „Deutschland und China – Wahrnehmung und Realität“ darzustellen, ist die Huawei-Studie erst hineingewachsen: In der ersten Ausgabe von 2012, die von TNS Infratest verantwortet wurde, dominieren allein die Umfrageergebnisse, auch wenn sie in kurzen Texten eingeordnet werden. Herausgeber ist das Unternehmen Huawei Technologies, das einer der weltweit führenden Anbieter von Informationstechnologie und Telekommunikationslösungen ist, seinen Hauptsitz in Shenzhen hat und seit 2001 auch in Deutschland tätig ist. Eingebettet ist diese unternehmerische Tätigkeit in rege Wirtschaftsbeziehungen: Deutschland ist Chinas wichtigster Handelspartner in Europa, China ist der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien und (nach Frankreich, USA und Großbritannien) der viertgrößte Abnehmer deutscher Exportprodukte sowie der weltweit wichtigste Absatzmarkt für deutsche Maschinen (Quelle: Auswärtiges Amt). Vor diesem Hintergrund hat Huawei Technologies inzwischen drei Mal – 2012, 2014 und 2016 – fragen lassen, wie sich Deutsche und Chinesen gegenseitig wahrnehmen und was sie voneinander wissen, aber auch, welche übereinstimmenden oder divergierenden Meinungen es gibt. Die Studie von 2014 liegt nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Chinesisch vor. Die Ausformulierung der Texte deutet aber insgesamt an, dass ein deutschsprachiges Lesepublikum angesprochen wird.

Die Studien von 2014 und 2016 sind in Zusammenarbeit mit TNS Emnid und dem GIGA German Institute of Global and Area Studies entstanden, dessen drei Mitarbeiterinnen Nele Noesselt (seit November 2015 Professorin an der Universität Duisburg-Essen), Margot Schüller und Yun Schüler-Zhou als Autorinnen zeichnen. Sie haben die Aufgabe wahrgenommen, die Befragungsergebnisse einzuordnen und damit das Bild, das Deutsche und Chinesen jeweils voneinander haben, auszuformulieren. Dieses Bild ordnen sie darüber hinaus in den Kontext aktueller Entwicklungen in der Volksrepublik ein.

Auch für die Studie 2016 werden wieder die Themenfelder „Assoziationen, Interesse, Kontakt“, „Politik und Staat“, „Wirtschaft und Innovation“ sowie „Gesellschaft und Kultur“ ausgelotet, neu hinzugekommen sind Fragen zu Digitalisierung und digitale Innovation. Der Studie zu entnehmen ist, dass TNS Emnid rund 2.600 Personen befragt hat, jeweils 1.000 bzw. 1.001 aus der Bevölkerung, je 200 Wirtschaftsentscheider und je 100 politische Entscheider (vgl. Seite 21 der Studie). Wie schon für die Studie 2014 analysiert AUSSCHNITT Medienbeobachtung zusätzlich quantitativ die politische und kulturelle Berichterstattung über das jeweils andere Land. Im Hintergrund steht die Annahme, dass das jeweilige Bild vom anderen durch die Medienberichterstattung beeinflusst wird.

Die Umfrageergebnisse fördern zunächst einige Klischees zutage – so ist Mao Zedong die in Deutschland bekannteste chinesische Persönlichkeit (54 Prozent), umgekehrt ist es Adolf Hitler (36 Prozent). Zusammen mit den anderen Nennungen ergibt sich also als erster Eindruck, dass man recht wenig voneinander weiß, persönliche Kontakte sind eher die Ausnahme. Immerhin haben 74 Prozent der Chinesen ein positives Bild vom politischen System Deutschlands, während die Deutschen nicht so recht wissen, wie sie das China der Gegenwart verstehen sollen: 33 Prozent halten es für kapitalistisch, 47 Prozent für sozialistisch. Hier wie bei den weiteren Themenschwerpunkten folgen auf den Überblick und die Einzeldarstellung der Befragungsergebnisse die erläuternden Texte der Autorinnen.

Das neue Thema „Digitalisierung und digitale Innovation“ (74 ff.) offenbart einige interessante Unterschiede: Die Chinesen sehen sich und werden von den Deutschen als aufgeschlossen gegenüber digitalen Innovationen gesehen, die Chinesen vermuten das Gleiche von den Deutschen. Allerdings meint ein Drittel der Deutschen eine eher ablehnende Haltung in der eigenen Bevölkerung zu erkennen. Gleichzeitig sind 47 Prozent der Chinesen der Ansicht, Kinder sollten frühestens im Alter von 16 Jahren ein eigenes Smartphone besitzen, während die Deutschen bereits 13-jährigen ein ausreichendes Verantwortungsgefühl zugestehen. Die Autorinnen schreiben dazu, dass China zwar das Land mit den meisten Internet-Nutzern weltweit, die Durchdringungsrate der mobilen Nutzung aber noch relativ gering sei, die regionalen Unterschiede und das Stadt-Land-Gefälle seien enorm. Während die wirtschaftlichen Facetten (Online-Shopping, Digitalisierung des Arbeitsmarktes etc.) in diesem Kapitel ausführlich erörtert werden, finden Fragen der Zensur keinen Platz.

Deutlich wird in dieser Studie die insgesamt große Bedeutung der wirtschaftlichen Beziehungen, der diesbezüglichen Erwartungen und Potenziale – halten doch die Deutschen die Wirtschaftsbeziehungen zu China für wichtiger als die zu den USA (24 Prozent vs. 18 Prozent), und auch die Chinesen betrachten Europa für wichtiger als die USA (22 Prozent vs. 18 Prozent). In diesem Kontext wird die neue wirtschaftliche Ausrichtung der Volksrepublik erläutert: Vorgesehen ist der Übergang zu einem „marktbestimmten, qualitativen Wachstum, das stärker binnenmarktorientiert, nachhaltiger und innovativer sein soll“ (121). Plausibilisiert wird diese Zielsetzung unter anderem mit dem Hinweis auf den demografischen Wandel (der Anteil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sinkt). Auf deutscher Seite besteht allerdings nach wie vor die Angst, einheimische Produkte könnten durch chinesische vom Markt verdrängt werden (124) – eine nicht gänzlich unbegründete Annahme, wie die ausführliche Erörterung der Zunahme chinesischer Patente zeigt.

Der Problemaufriss zum gesellschaftlichen Wandel und zu Fragen der sozialen Sicherung sowie einer Neuausrichtung des bislang durch Leistungsdruck geprägten Bildungssystems tariert das Bild weiter aus – deutlich werden die großen Herausforderungen, vor denen die chinesische Regierung steht. Insgesamt vermittelt die Studie einen interessanten Einblick nicht nur in die jeweiligen Meinungen, sondern durch die wissenschaftlichen Texte auch in die Situation, in der China sich befindet. Dem Auftraggeber mag es dabei geschuldet sein, dass eine dezidierte (kritische) Analyse des chinesischen Herrschaftssystems nicht expressis verbis zu finden ist, in dem Themenfeld „Politik und Staat“ liegt der Schwerpunkt auf der gegenseitigen Wahrnehmung sowie den Reformankündigungen der chinesischen Regierung. Gleichsam als weiterführende Literatur hat Nele Noesselt aber 2016 ihr Buch „Chinesische Politik. Nationale und globale Dimensionen“ vorgelegt.

Zur Startseite der Huawei-Studie:
http://www.huawei-studie.de/#

Verfasst von:

Natalie Wohlleben

Erschienen am:

6. März 2017

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